Das Schöne an der Fernsehwürde des modernen Menschen: Sie ist jeder Zeit antastbar. Die Objekte auf dem Bildschirm stimmen dem zu, was die Macher dahinter wollen. So heißt der erste Artikel im Grundgesetz der Unterhaltung. Was gibt es Kurioseres?
Wenn der Enrico und die Nadja, die Bianca und die Doris und wie die 15 Kandidaten für die neue ProSieben-Show "The Biggest Loser" noch heißen, auf den Zuschauer loswallen, erfüllt sich, wie von einer unsichtbaren Hand gesteuert, die wundersame Unterwerfung eigentlich ernstzunehmender Menschen unter die Macht des voyeuristischen Mediums. Normale Mitbürger verkleinern sich scheinbar ganz freiwillig zu haltlosen Sündern, zu schuldigen Verlierern in einem Kampf, den - so finden irgendwelche Bestimmer - man eigentlich gewinnen muss.
Die Kamera, ganz krokodilsträniges Auge, weidet sich an Fettpolstern und Doppelkinnen, derweil ein zu dicker Sünder nach dem anderen sein Elend - artig und durch ähnliche Sendungen trainiert - herunterknirscht. Und auf dem Richtstuhl machen es sich nicht nur die Macher bequem, sondern auch das Publikum.
Trompetenhaft geschmetterte Texte aus dem Off triefen voll Vorfreude auf all die Quälprozeduren, mit denen man den Kandidaten auf den dicken Leib rücken wird. Kati, Katharina Witt, die als einstige Eislaufprinzessin nicht nur Erich Honecker gefallen hat, deren Talente als Ernährungsfachfrau allerdings bisher im Dunkeln geblieben sind, geriert sich als Gouvernante, die den ganzen bei "Big Brother" abgekupferten Regelstuss - einer der Kandidaten muss von seinen Mitspielern nach dem Ende einer Sendung herausgewählt werden - mit ernstem Pathos vorträgt. Gewiss, sie ist die Kati, sie ist dünn, aber doch eigentlich nicht der Hammurabi des Diätwesens.
Der fette Mensch muss bei dieser Loser-Show stets der nette Mensch sein. Obwohl die Kandidaten es ja schon längst wissen, brechen sie pflichtgemäß in kindische Freudenbekundungen aus, als die Kati erklärt, für den Sieger der Verdünnisierung gebe es 100.000 Euro. Und bei der Besichtigung des angemieteten Fett-Set-Quartiers, einer - olé und ein dreifach Gulasch - in der Nähe von Budapest angemieteten Hazienda, können sich die Inhaftierten kaum einkriegen. Der kostenbewusste Produzent hat zwar nur Mehrbettzimmer genehmigt, aber dafür sei die Nasszelle "handgekachelt", wie ein Teilnehmer voll pflichtgemäßer Begeisterung in die Kamera sagt.
Dicksein und Schicksein - das schließt sich in dieser auf sechs Sendungen kalkulierten Serie aus. Blaue, beziehungsweise rote Einheitskleidung macht die Unterschiede zwischen den beiden Mannschaften unaufregend deutlich.
Wenn das Geächze auf Hometrainern langweilig wird, und der Zuschauer sich an der gestrengen Diätlehrerin Nele sattgesehen hat ("Ich erwarte ein Überschreiten von Grenzen"), kommen die Rückblenden in die Brutstätten der Adipositas. Nach Hause, dorthin, wo sich die Kandidaten die Pfunde draufschafften. Auch hier regiert das Unterhaltungsgesetz: Bloß keine Begriffe wie Alkohol, Depression, berufliches Scheitern, frühkindlicher Stress auftauchen lassen!
Dicksein muss zu Unterhaltungszwecken aus Oberfläche bestehen. Zu dieser Oberfläche gehören natürlich ein bisschen Tränen, ein Hauch Wehmut, ein verstohlenes Betrachten alter Fotos aus schlankerer Zeit, bevor das - was bloß? - eintrat, das einen dicker werden ließ.
Mal ganz klassenkämpferisch gesagt: Die neue Diätshow gehört in das Curriculum der Prekariatserziehung. Nach der Melodie: Kleine Leute haben zu viele Pfunde, weil sie zu viel fressen. Kleine Leute haben große Erziehungsprobleme, weil ihre Kinder zu frech sind und sie mit gelben und roten Karten nicht so geschickt umgehen können wie Super Nanny. Kleine Leute haben spießige Wohungseinrichtungen, weil die die wohlgenährte Wohnungssaniererin von RTL noch nicht aufgeräumt hat. Kleine Leute haben ohne Herrn Zwegat Schulden.
Seelische Ursachen hingegen sind etwas für die Besserverdienenden. Zu denen kommt, ganz sensibel, Dieter Pfaff als Psychologe Bloch, oder als einfühlsame Kommissarin Hannelore Hoger (Bella Block).
Wie auch immer, "The Biggest Loser" hat eine neue Kennung für die Identifizierung des Menschen durchgesetzt. Doris, 137,3, heißt es in den Erklärungstexten oder Heike, 81,9. Die Waage spricht kilotisch aus, wer einer ist. Wenn das kein Grund zum Abnehmen ist.
Von Nikolaus von Festenberg, 120 Kilo
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warum verschonen uns die Medien nicht endlich mit dieser Unperson K.Witt ??? Diese ehem. 200%ige Kommunistin regelmässig im TV zu erblicken, und sei es nur beim durchzappen, nervt ohne Ende. Frau Witt, bitte meiden sie das [...] mehr...
Hey, endlich mal eine entspannende Sendung im TV. Keine Wirtschaftskrise, kein "die Deutschen sterben aus". Nein, es geht um Dicke, die man tunlichst 2 x in der Bevölkerungsstatistik erfassen sollte. Niedlich, wie da [...] mehr...
Lieber Herr von Festenberg, liebe Forums-User, man muss privates Fernsehen nicht mögen. Und man darf von dieser Show halten, was man will. Doch an Artikel auf spiegel.de und in diesem Forum der ach so schlauen Menschen habe ich [...] mehr...
über die Witt kann man streiten, über Privat-TV auch (mal ganz zu schweigen vom Dschungel-TV), aber eines ist vielleicht auch den Knabberfreunden klar geworden: mehr Sport und vernünftig Essen,und das sogar mit Genuß, dann purzeln [...] mehr...
Auch so ein Vorurteil! Dem Namen nach sind die Vorfahren des Autors, und damit will ich ihm nicht zu nahe treten, u.U. welche, die im Rahmen der deutschen Ostexpansion mehr Slawen massakriert haben als Ihre oder meine, und [...] mehr...
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