Von Reinhard Mohr
Könnte es sein, dass Frank Plasberg der Erfolg inzwischen etwas zu Kopf gestiegen ist? Wäre es möglich, dass Selbstverliebtheit ein wenig überhand genommen hat? Dass er am Ende glaubt, das Wichtigste in der Talk-Sendung seien Gags und die vielen schönen Knöpfe am virtuellen Autopiloten?

Politiker Westerwelle, Gysi bei "Hart aber fair": Schwätzen wie die beiden Alten bei der "Muppet Show"
Geldgeschenke? Tatsächlich ging es um die diversen milliardenschweren Konjunkturprogramme, für deren zögerliche Präsentation Bundeskanzlerin Merkel eben noch scharf kritisiert wurde. Schon die Semantik kündigte so jene journalistische Flapsigkeit an, mit der Plasbergs Redaktion offenbar die müden Katastrophengäule munter machen wollte. Längst aber hat sich gezeigt, dass der Krisenalarmismus Ende 2008 einer eher nüchternen Betrachtung Anfang 2009 gewichen ist: Was wirkt und was nicht? Was ist zu tun und was zu lassen?
Obwohl mit den Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU/CSU, Peter Struck und Volker Kauder, FDP-Chef Guido Westerwelle und Linken-Fraktionschef Gregor Gysi absolute politische Spitzenkräfte am "Hart aber fair"-Pult saßen, plätscherte das Gespräch lange Zeit dahin. Noch einmal wurden die Stichworte der vergangenen Wochen abgehakt – von "Steuererleichterungen für die Bürger" bis zur "Kaufkraft von Rentnern und Hartz-IV-Empfängern", von der "Reichensteuer" bis zu Investitionen in Bildung und Infrastruktur.
Interessant war allenfalls, wie Gregor Gysi, unter Verzicht auf die große antikapitalistische Keule, versuchte, den Krisenigel zu spielen, der immer schon vor dem sozialdemokratischen Hasen "Millionärssteuer" und "soziale Gerechtigkeit!" ruft. Und auf Westerwelles Kritik an der steuerlichen Belastung der Mittelschicht antwortete er durchaus zutreffend, diesen "Bauch" in der Steuerprogression für Durchschnittseinkommen habe die FDP noch aus Kohlschen Regierungszeiten mitzuverantworten.
Leider fragte Plasberg hier nicht nach.
Volker Kauder und Peter Struck machten es derweil wie Schüler, die sich im Unterricht langweilen: Sie schwätzten miteinander wie die beiden Alten aus der "Muppet"-Show, obwohl Plasberg sie mehrfach zur Ordnung rief. Aber es ist eben doch wie in der Schule: Für öde Stunden sind vor allem die Lehrer zuständig. Ganz nebenbei zeigte sich immerhin noch, dass die Große Koalition sehr gute Chancen auf Fortsetzung nach der Bundestagswahl am 27. September hätte, wenn sich die tiefe persönliche Zuneigung zwischen Struck und Kauder auch nur zur Hälfte in politisches Handeln übersetzen ließe.
Als die Sendung, die diesmal den Titel "Weich, aber zäh" hätte tragen müssen, schon fast zum Stillstand gekommen war, zog Frank Plasberg ein weißes Kaninchen aus dem Hut: Ein Horoskop für Guido Westerwelle! Potzblitz, wenn das kein (Stein-)Bock war.
Verkehrte Welt
Im nachfolgenden Einzelinterview am Stehpult geschah dann das kleine Wunder des Abends: Selbst Guido "Huhu" Westerwelle wurde die Sache zu unseriös. "Lassen Sie das doch mal!", rief er verärgert, und wurde richtig böse, als der dauerlächelnde Moderator endgültig in eine Personality-Show abglitt: "Herr Westerwelle, Sie werden ja nun auch älter..." und anschließend auf Konrad Adenauer verwies, der mit 73 zum ersten Mal Bundeskanzler geworden war. Als Zugabe wurde ein Montagebild des 73-jährigen Westerwelle eingeblendet.
"Ich bin jetzt 47!", offenbarte der so Attackierte mehrfach, "was soll das?" Das fragten sich auch die Zuschauer.
Mit solch albernen Spielchen, mit Mätzchen und einstudierten Gimmicks rettet man jedenfalls weder die Konjunktur noch eine Talkshow, der es mehr um die eigene Dramaturgie und Selbstinszenierung zu gehen scheint als um die Sache. So verkehrten sich die Verhältnisse. Was Journalisten sonst den Politikern vorwerfen, betreiben sie durchaus gerne selbst: den Tanz ums goldene Ich.
Ganz zum Schluss der misslungenen, weil verschenkten Sendung gab es noch ein kleines Wunder. Aus nicht vollständig geklärten Gründen (Plasberg hatte die Sendung fälschlicherweise schon für nahezu beendet gehalten) schwieg der Moderator zwei, drei Minuten am Stück, und siehe: Die Politiker begannen zu diskutieren, ganz ernsthaft und ohne Geschrei. Und siehe, man verstand sogar ein bisschen, was sie sagen wollten.
Der Rest ist Selberdenken.
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