ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Krisentalk bei "Hart aber fair" Horoskop für Guido, Horror für die Zuschauer

Wenn Politiker zu Pennälern werden: "Weich aber zäh" hätte diese verschenkte Krisen-Ausgabe von "Hart aber fair" eigentlich heißen müssen. Die geladene Polit-Prominenz hielt ein Schwätzchen, während Frank Plasberg einen Tanz ums goldene Ich aufführte.

Könnte es sein, dass Frank Plasberg der Erfolg inzwischen etwas zu Kopf gestiegen ist? Wäre es möglich, dass Selbstverliebtheit ein wenig überhand genommen hat? Dass er am Ende glaubt, das Wichtigste in der Talk-Sendung seien Gags und die vielen schönen Knöpfe am virtuellen Autopiloten?

Politiker Westerwelle, Gysi bei "Hart aber fair": Schwätzen wie die beiden Alten bei der "Muppet Show"
WDR

Politiker Westerwelle, Gysi bei "Hart aber fair": Schwätzen wie die beiden Alten bei der "Muppet Show"

An Mittwochabend jedenfalls drängte sich dieser Eindruck auf. Oder lag es auch daran, dass der Untergangsprophetie und der Apokalypseseligkeit in Sachen Wirtschaftskrise allmählich die Luft ausgeht und man ein bisschen emotionalen Ersatz braucht? Schon der Titel zum Endlosthema verriet einen gewissen medialen Überdruss: "Weihnachten verlängert! Wem nutzen die Berliner Geldgeschenke?"

Geldgeschenke? Tatsächlich ging es um die diversen milliardenschweren Konjunkturprogramme, für deren zögerliche Präsentation Bundeskanzlerin Merkel eben noch scharf kritisiert wurde. Schon die Semantik kündigte so jene journalistische Flapsigkeit an, mit der Plasbergs Redaktion offenbar die müden Katastrophengäule munter machen wollte. Längst aber hat sich gezeigt, dass der Krisenalarmismus Ende 2008 einer eher nüchternen Betrachtung Anfang 2009 gewichen ist: Was wirkt und was nicht? Was ist zu tun und was zu lassen?

Obwohl mit den Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU/CSU, Peter Struck und Volker Kauder, FDP-Chef Guido Westerwelle und Linken-Fraktionschef Gregor Gysi absolute politische Spitzenkräfte am "Hart aber fair"-Pult saßen, plätscherte das Gespräch lange Zeit dahin. Noch einmal wurden die Stichworte der vergangenen Wochen abgehakt – von "Steuererleichterungen für die Bürger" bis zur "Kaufkraft von Rentnern und Hartz-IV-Empfängern", von der "Reichensteuer" bis zu Investitionen in Bildung und Infrastruktur.

Interessant war allenfalls, wie Gregor Gysi, unter Verzicht auf die große antikapitalistische Keule, versuchte, den Krisenigel zu spielen, der immer schon vor dem sozialdemokratischen Hasen "Millionärssteuer" und "soziale Gerechtigkeit!" ruft. Und auf Westerwelles Kritik an der steuerlichen Belastung der Mittelschicht antwortete er durchaus zutreffend, diesen "Bauch" in der Steuerprogression für Durchschnittseinkommen habe die FDP noch aus Kohlschen Regierungszeiten mitzuverantworten.

Leider fragte Plasberg hier nicht nach.

Volker Kauder und Peter Struck machten es derweil wie Schüler, die sich im Unterricht langweilen: Sie schwätzten miteinander wie die beiden Alten aus der "Muppet"-Show, obwohl Plasberg sie mehrfach zur Ordnung rief. Aber es ist eben doch wie in der Schule: Für öde Stunden sind vor allem die Lehrer zuständig. Ganz nebenbei zeigte sich immerhin noch, dass die Große Koalition sehr gute Chancen auf Fortsetzung nach der Bundestagswahl am 27. September hätte, wenn sich die tiefe persönliche Zuneigung zwischen Struck und Kauder auch nur zur Hälfte in politisches Handeln übersetzen ließe.

Als die Sendung, die diesmal den Titel "Weich, aber zäh" hätte tragen müssen, schon fast zum Stillstand gekommen war, zog Frank Plasberg ein weißes Kaninchen aus dem Hut: Ein Horoskop für Guido Westerwelle! Potzblitz, wenn das kein (Stein-)Bock war.

Verkehrte Welt

Im nachfolgenden Einzelinterview am Stehpult geschah dann das kleine Wunder des Abends: Selbst Guido "Huhu" Westerwelle wurde die Sache zu unseriös. "Lassen Sie das doch mal!", rief er verärgert, und wurde richtig böse, als der dauerlächelnde Moderator endgültig in eine Personality-Show abglitt: "Herr Westerwelle, Sie werden ja nun auch älter..." und anschließend auf Konrad Adenauer verwies, der mit 73 zum ersten Mal Bundeskanzler geworden war. Als Zugabe wurde ein Montagebild des 73-jährigen Westerwelle eingeblendet.

"Ich bin jetzt 47!", offenbarte der so Attackierte mehrfach, "was soll das?" Das fragten sich auch die Zuschauer.

Mit solch albernen Spielchen, mit Mätzchen und einstudierten Gimmicks rettet man jedenfalls weder die Konjunktur noch eine Talkshow, der es mehr um die eigene Dramaturgie und Selbstinszenierung zu gehen scheint als um die Sache. So verkehrten sich die Verhältnisse. Was Journalisten sonst den Politikern vorwerfen, betreiben sie durchaus gerne selbst: den Tanz ums goldene Ich.

Ganz zum Schluss der misslungenen, weil verschenkten Sendung gab es noch ein kleines Wunder. Aus nicht vollständig geklärten Gründen (Plasberg hatte die Sendung fälschlicherweise schon für nahezu beendet gehalten) schwieg der Moderator zwei, drei Minuten am Stück, und siehe: Die Politiker begannen zu diskutieren, ganz ernsthaft und ohne Geschrei. Und siehe, man verstand sogar ein bisschen, was sie sagen wollten.

Der Rest ist Selberdenken.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 111 Beiträge
Zustimmung, trotz mehrerer Schreibfehler hat Mohr recht: das war nur peinlich. glücklicherweise raffte mich der Schlaf dahin, schade, so habe ich gelobten Schluss verpennt.....
Zustimmung, trotz mehrerer Schreibfehler hat Mohr recht: das war nur peinlich. glücklicherweise raffte mich der Schlaf dahin, schade, so habe ich gelobten Schluss verpennt.....
jojocw 08.01.2009
Stimme dem Artikel fast auf der ganzen Linie zu. Die schlechteste Sendung von Plasberg. Keine Diskussion zustande gebracht. Und das Einzelinterview mit Westerwelle ging voll daneben. Was sollte das auch, mit Alter, Jugend, [...]
Stimme dem Artikel fast auf der ganzen Linie zu. Die schlechteste Sendung von Plasberg. Keine Diskussion zustande gebracht. Und das Einzelinterview mit Westerwelle ging voll daneben. Was sollte das auch, mit Alter, Jugend, Adenauer usw. Da kann man nur gute Besserung für´s laufende Jahr wünschen. PS: Ich wünsche mir, dass es endlich mal einen Talk gibt über die unterschiedlichen Standpunkte von Linken und Kapitalisten. Da reichen dann aber eigentlich 2 Teilnehmer, höchsten 2*2, also 2 Gruppen. Und die Einspieler und sonstige Gags kann man sich sparen.
Strichnid 08.01.2009
Am peinlichsten fand ich neben Plasberg Herrn Westerwelles schwache Versuche den Staatsmann zu geben, indem er sich weigert zu sagen, dass er im anlaufenden Jahr etwas konsumieren will. Er meinte zu wissen, dass die Menschen [...]
Am peinlichsten fand ich neben Plasberg Herrn Westerwelles schwache Versuche den Staatsmann zu geben, indem er sich weigert zu sagen, dass er im anlaufenden Jahr etwas konsumieren will. Er meinte zu wissen, dass die Menschen andere Probleme haben und sich nur darüber aufregen würden, wenn sich Politiker einen Anzug (Gysi) oder ein Auto (Kauder) kaufen wollen. Das war ein Eigentor.
Herrmann 08.01.2009
Müde bin ich geh zur Ruh und mach die Augen zu.Doch habe ich noch mal ins Internet geschaut und gelesen was die Zuschauer für Kommentare los ließen. Schlimm Schlimm was da alles an Kritik kam,"unteres Niveau".Da fehlte [...]
Müde bin ich geh zur Ruh und mach die Augen zu.Doch habe ich noch mal ins Internet geschaut und gelesen was die Zuschauer für Kommentare los ließen. Schlimm Schlimm was da alles an Kritik kam,"unteres Niveau".Da fehlte in der Runde Peer Steinbrück. Nun ja, nicht jede Sendung kann gut sein
Tengis 08.01.2009
Guten Morgen, weder weich noch zäh. Die einst hochgelobte Sendung "Hart aber Fair" hat sich scheinbar am eigenen Anspruch selbst überlebt und dabei mächtig verhoben. Gelegentlich gern gesehen, doch zum gestrigen Abend [...]
Guten Morgen, weder weich noch zäh. Die einst hochgelobte Sendung "Hart aber Fair" hat sich scheinbar am eigenen Anspruch selbst überlebt und dabei mächtig verhoben. Gelegentlich gern gesehen, doch zum gestrigen Abend fällt mir leider nicht mehr ein, als zu sagen, Herr Plaßberg, Fairness sieht irgendwie anders aus und hart in der Sache auch. Guten Tag
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP