Hamburg/Nairobi/Oshogbo - Begriffe wie exotisch oder schillernd haben ja in der Kunstszene stets einen schalen Beigeschmack, so inflationär werden sie gerade von Betrachtern außerhalb des Betriebs gern verwendet. Sollten derlei Attribute aber noch irgendeine sinnvolle Bedeutung haben, dann sicherlich bei Susanne Wenger, der österreichischen Künstlerin und Priesterin der traditionellen Yoruba-Religion, die am Montag im Alter von 93 Jahren in ihrer nigerianischen Wahlheimat gestorben ist.
Wer glaubt, Künstler in den westlichen Metropolen mit ihrem Leben zwischen Vernissage und Vollrausch führten ein aufregendes Leben, der kennt den Werdegang der Österreicherin nicht.
Wenger wurde 1915 in Graz geboren. In ihrer Heimatstadt und in der Hauptstadt Wien studierte sie Kunst, dort begründete sie 1947 auch den Wiener Art-Club mit. So weit, so üblich. Doch von nun an glich ihr Leben einem Roman.
1949 zog Wenger mit ihrem damaligen Ehemann, dem Künstlerkollegen und Linguisten Ulli Beier nach Nigeria - eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern sollte.
Denn 1957 suchte eine große Tuberkulose-Epidemie Nigeria heim, und auch Wenger drohte der lebensgefährlichen Krankheit zu erliegen. Für gut ein Jahr konnte sie das Bett nicht verlassen - und befasste sich in dieser Zeit intensiv mit der Religion der Yoruba, einer Ethnie, deren traditionelles Siedlungsgebiet auch heute noch überwiegend im Staatsgebiet Nigerias liegt.
Irgendwann in dieser Zeit begegnete Wenger einem Hohepriester des Schöpfergottes Obatala, er sollte ihr spiritueller Mentor werden. "Er nahm mich an der Hand und führte mich in die Welt des Glaubens", erinnerte sich Wenger später. "Ich sprach kein Yoruba, er sprach kein Englisch. Unserer einziger Austausch erfolgte über die Sprache der Bäume."
Die Begegnung beeindruckte Wenger offenbar so tief, dass sie sich von ihrem Ehemann scheiden ließ und entschied, in Oshogbo zu bleiben. Seitdem war Wenger für Europa verloren - und für Afrika gewonnen.
Sie wurde Yoruba-Priesterin und vermengte ihre neue Spiritualität mit ihrer alten Liebe zur Kunst. So beeinflusste sie wesentlich die Entstehung einer neuen Strömung, die die traditionelle, archaische Kunst mit modernen Elementen verband und schuf schließlich ihr größtes Werk: Am Rande von Oshogbo, einer Stadt mit rund 520.000 Einwohnern, entstand - in Zusammenarbeit mit nigerianischen Künstlern - Wengers Heiliger Hain der Göttin Osun; eine Art Park voller archaischer Skulpturen und anderer Kunstwerke.
Seit dem Jahr 2005 gehört diese Arbeit Wengers zu Ehren der Göttin Osun nun zum Weltkulturerbe der Unesco, das, ebenso wie ihre weniger bekannten Ölmalereien und Batiken, von religiösen Yoruba-Motiven durchdrungen ist.
In Nigeria kannte man Wenger konsequenterweise eher unter ihrem Yoruba-Namen: Adunni Olurisa.
tdo/dpa
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