ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.01.2009
 

RTL-Dschungelcamp-Finale

Man kann nie genug in Maden baden

Von Jan Freitag

Das Finale von "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" zeigte erneut: Es gibt ja eigentlich gar nichts darüber zu berichten. Außer vielleicht Folgendes: Die Krönung Ingrid van Bergens zur Dschungel-Queen von RTLs Gnaden war einer der ganz großen Trash-TV-Momente seit langem.

"Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der 'Tagesschau'. Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren. Murwillumbah: Nachdem Giulia Siegel, Mitfavoritin in der Fernsehsendung 'Ich bin ein Star - holt mich hier raus!', zuvor aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, wurde die 77-jährige Schauspielerin Ingrid van Bergen gestern zur RTL-Dschungelkönigin gekrönt. Im Finale setzte sie sich gegen die Entertainerin Lorielle London und das Fotomodel Nico Schwanz durch. Senderchefin Anke Schäferkordt kommentierte das Ergebnis mit den Worten…"

Die Queen speist: Die Zuschauer kürten Ingrid van Bergen zur Dschungelkönigin
Zur Großansicht
RTL

Die Queen speist: Die Zuschauer kürten Ingrid van Bergen zur Dschungelkönigin

So meldete es die wichtigste deutsche Nachrichtensendung nach der letzten Klappe des Dschungelcamps – nicht. Noch nicht, steht zu befürchten.

Denn wer die Berichterstattung der vergangenen zwei Wochen verfolgt hat, gewinnt den Eindruck, es handele sich bei dem Reality-TV-Format um viel mehr als das, was es dann doch nur ist: quotenstarkes Fernsehen.

Meinungsstarke Medien vom "Stern" über die "Welt" bis hin zu den TV-Boulevardmagazinen haben die tägliche Sendung minutiös begleitet. Die "Bild" spielte von Beginn an das Verkündungsorgan von RTL. Und selbst, tja, SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE blieben am Ball.

Um nun also Folgendes kundzutun: Nachdem bereits sieben Kandidaten von Zuschauern, die ihr Geld lieber in kostspieliges Televoting als in etwas Sinnvolles stecken, aus dem Busch gewählt wurden, mussten die drei verbliebenen Gegenteile echter Stars auch im Staffelfinale echt widerliche Sachen machen.

Ein total unbekannter Friseur biss - von Millionen Insekten umschwirrt - Sterne aus Glibberkuchen. Eine einst bekannte Filmschauspielerin verspeiste ungenießbare Tier(teil)e. Eine unter anderem Namen kurzzeitig bekannte DSDS-Verliererin badete mit Wassergewürm. Und die Moderatoren lästerten dazu im altbekannten Duktus vergangener Ausgaben.

Zwischendurch gab es ein paar Rückblicke auf die letzten 16 Tage (das ist kostengünstig und somit ein Gebot des Genres), bis eine überraschend schnelle Entscheidungsverkündung (das kostete RTL viele 01379-Anrufe und ist - gemessen am Verzögerungswahn anderer Castingshows - ein Wunder) den Weg freimachte für Staffel fünf.

Ingrid I. hat also gewonnen, und die Stille nach ihrem Sieg war wohl einer der ganz großen Trash-TV-Momente seit langem. Ihr betagtes Gesicht, minutenlang im Bild, untermalt vom Zirpen der Grillen. Das war das Anarchischste seit der Entscheidung Harald Schmidts, fortan Rundfunkgebühren bei der ARD statt Werbeeinnahmen bei Sat.1 zu vergeuden.

Und auch Dirk Bachs Kommentar zu ihrem Alter ließ sich durchaus hören: "Alle reden von Stauffenberg. Warum fragt niemand Ingrid, wie's wirklich war?"

Das war's, so viel muss vermeldet werden. Denn Verschweigen gilt ja nicht, macht ja auch niemand. Im Gegenteil – die Debatten werden weitergehen, so als sei die soziokulturelle Bedeutung des Kinderquatsches nicht längst ausdiskutiert.

Als gäbe es noch etwas Erhellendes hinzuzufügen über B-Entertainment, C-Prominenz und televisionäre Sittenverrohung. Aber dennoch: Es wird weiter berichtet werden. Und so erhält auch der häufig missverständlich gebrauchte Begriff Relevanz seinen eigentlichen Wortsinn zurück. Das Wort bezeichnet nämlich nicht die Bedeutung einer Sache an sich, sondern wie diese Sache die Wahrnehmung der Realität beeinflusst.

Tja, was soll man sonst noch sagen, außer: Die adaptierte Kopie einer britischen TV-Idee hat es geschafft.

Durchschnittlich mehr als sechs Millionen Zuschauer sahen zu – nach zehn Uhr abends. Ein Song der "Zipfelbuben feat. Dschungel-Allstars 2009" zur Melodie von "In The Navy" enterte die Charts. Zu dem Dutzend RTL-Gesichter von Harry Wijnvoord über Bohlens Ex-Naddel bis zur Sender-Chefastrologin Antonia Langsdorf, die seit 2004 im australischen Urwald mit Prominenz gepimpt wurden, kamen einige hinzu. Und die Vorbereitung für den nächsten Anlauf ist in vollem Gange.

Genug in Maden gebadet wird offenbar nie.

Sonja Zietlow brachte das mit einer Randbemerkung auf den Punkt: "Mit dem Material, das nicht gezeigt wurde", zitierte sie zum Abschluss eine Ausgeschiedene, "könnte man glatt eine zweite Staffel der Dschungelshow bestücken".

Schwer zu sagen, ob es irgendwem auffiele.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 67 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
30.01.2009 von aqualung: danke

Der ist gut - schon auf der Merkliste... mehr...

30.01.2009 von christian simons: *gähn*

*gähn* Es geht doch nichts über die "Originalität" der Kulturbewahrer: Verbrät man den Heine-Spruch für jeden Kummer, dann klappt es wieder mit dem Schlummer. mehr...

30.01.2009 von aqualung: Leute nehmt die Wäsche ab - Musikanten sind in der Stadt

Nein, nein: Die Volte, ich hätte Bohlen, Bach & Co zu "Dichtern und Denkern" verklären wollen, diese Volte haben Sie etwas absichtsvoll geschlagen. Das sind die heutigen Gaukler und 'fahrenden Leut' - nur fahren [...] mehr...

30.01.2009 von freeword: Dichter und Denker

Abgesehen davon, dass meine Bemerkung zu den "Dichtern und Denkern" und Heine durchaus satierische Züge enthielt, wage ich die Behauptung, dass die Mehrheit unserer Urahnen (und nicht nur das sogenannte „Bürgertum“) zu [...] mehr...

29.01.2009 von aqualung: rtl

Der Denkfehler fängt da an: auch früher haben nicht 98% der Deutschen ihre "Dichter und Denker" gelesen oder studiert. Zu Goethens Zeiten konnten die meisten noch nicht mal lesen geschweige denn Goethe verstehen. [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP