Von Peer Schader
Genau betrachtet, muss es ein furchtbares Land sein, in dem wir leben. Unsere Politiker sind steif und können die Menschen nicht mit ihrer Art begeistern, ganz anders als in den USA (wenn man mal über acht Jahre George W. Bush hinwegsieht). Amerikaner müssen Filme über unsere Geschichte drehen, damit sich die Jugend überhaupt noch dafür interessiert. Und sowieso sind wir ja meistens so unlocker und müssen alles analysieren anstatt einfach mal gute Laune zu haben.
Es hat eine lange Tradition bei "Wetten, dass ...?", dass Thomas Gottschalk Stars aus Übersee erklärt, warum "wir Deutschen" es uns selbst so schwer machen, während bei ihnen immer Halligalli herrscht, und an diesem Samstag, in der ersten Show des neuen Jahres, ist es mal wieder besonders schlimm gewesen.
Schauspieler Christian Berkel durfte erzählen, warum er sich während der Dreharbeiten zu "Operation Walküre" so für sein Land geschämt hat (wegen der lästigen Moral-Diskussionen). Gottschalk schwärmte ein bisschen von Obama und bedauerte, dass unsere Politiker nicht so gut swingen können. Und nachher kam noch Comedian Michael Mittermeier, um passend zum Amtsantritt des neuen US-Präsidenten ein paar seiner alten Merkel-Gags aufzuwärmen.
Am Ende ahnte man daheim auf dem Sofa, wie schlimm es wirklich um uns steht. Vor allem, wenn sich einmal im Monat das, was wir als unsere Unterhaltungselite bezeichnen, in einer großen Samstagabendshow mit Gästen aus dem Ausland trifft, um sich bei denen zu beklagen, dass die Deutschen so viel steifer sind als der Rest der Welt.
Kein Wunder also, dass viele Stars mitten in der Sendung schon wieder zum Flieger müssen: Was ist das auch für ein komisches Land, wo man in Fernsehshows eingeladen wird, in denen sich die Gastgeber ständig über sich selbst beschweren?
Stargast Tom Cruise hatte dann aber eine tolle Idee, wie er bei "Wetten, dass ...?" Werbung für seinen derzeit im Kino laufenden Stauffenberg-Film machen konnte, ohne sich zu sehr in diesen fremden Traditionen zu verstricken. Auf Gottschalks sowieso eher allgemeine Fragen zur "Operation Walküre" gab Cruise so universalgültige Antworten, dass er auch etwas Passendes parat gehabt hätte, wenn er nach dem Weltfrieden gefragt worden wäre.
Es sei "eine besondere Zeit, in der wir leben", "ich bin sehr hoffnungsfroh für die Zukunft", diese Stauffenberg-Sache sei ja "eine machtvolle Geschichte", und sie "inspiriert uns alle, Widerstand zu leisten".
Schade, dass Cruise schon wieder weg war, als Mittermeier später auf die Bühne kam und Widerstand gegen Cruise leistete, indem er sich über dessen vormalige Bemerkung lustig machte, er hätte Hitler wahrscheinlich auch getötet, wenn er zur Zeit Stauffenbergs auf dieser Erde gewesen wäre. "Mir hätte der Führer von Scientology schon gereicht", ätzte der Bayer.
Trotz aller Miesepetereien war es eine solide Sendung mit unterhaltsamen Wetten, die Gottschalk aus Offenburg ablieferte. Ein Skilangläufer trat in der Außenwette gegen einen riesigen Pistenbulli beim Bergauf-Bergab-Slalom an, in der Halle versuchte ein Kandidat, mit der Zunge Süßstofftabletten aus Mausefallen zu schnalzen, ein Mädchen aus Stuttgart erkannte Spieler aus der ersten Liga an ihren Augen ( Foto-Quiz zum Selberspielen), ein Ohrenwackler morste einem Kollegen ganze Sätze und zum Schluss errieten zwei Tierpfleger den Kot unterschiedlicher Tierarten mit der Nase, während es im Publikum regelmäßig erschrockenes Raunen gab, sobald die beiden Kandidaten den sauber auf Silbertabletts aufgetürmten Ausscheidungen zu nahe kamen.
Gottschalk selbst kam ausnahmsweise mal ohne Wetteinlösung davon, weil er seine Stadtwette gewann: Kein Offenburger konnte schneller auf allen Vieren laufen als der vom ZDF aufgetriebene Theologiestudent Magnus. Also marschierte die erste schwule Karnevalsgarde "Rosa Funken" nachher ohne Gottschalk als Funkenmariechen durchs Studio.
Und eigentlich könnte man damit einen Haken hinter die 179. "Wetten dass ...?"-Ausgabe setzen - wäre da nicht RTL mit seiner Dschungelshow gewesen, deren Finale ab halb zehn zeitgleich zum ZDF-Klassiker lief, was Gottschalk und seine Gäste zu permanenten Anspielungen verleitete.
"Das ist besser als jedes Dschungelcamp", lobte ein unfassbar eingebildet wirkender Jörg Pilawa als erster Gast Gottschalks Programm, Mittermeier kam ebenfalls nicht um eine Dschungel-Anspielung herum, und Gottschalk verbat nachher Ex-Dschungelfrau Desirée Nick (welch origineller Gast!), "das Bäh-Wort" zu sagen (also: Dschungel), obwohl er es ja selbst ständig in den Mund nahm. "Jetzt laufen wir direkt gegen den Dschungel - euren Scheiß können wir schon lange", lästerte der Moderator vor der Kot-Wette in Richtung RTL.
Während dort also eine 77-jährige Schauspielerin mit ihrer etwas ruppigen aber liebenswerten Art im australischen Busch ganz entspannt zum Liebling des Publikums gewählt wurde, liefen in der größten Unterhaltungsshow Europas alle wie aufgescheuchte Hühner durchs Studio und setzten mit ihren ständigen Gags über die Konkurrenz einen Umschaltimpuls nach dem nächsten.
Die RTL-Versuche, den ZDF-Tanker mit Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" und "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" ins Wanken zu bringen, scheinen besser zu funktionieren als gedacht. Nicht, weil mehr als sieben Millionen Menschen zusahen, wie Ingrid van Bergen Dschungelkönigin wurde, immerhin schaffte "Wetten, dass ...?" ja auch noch passable 10,6 Millionen (selbst wenn "Ich bin ein Star" bei der jungen Zielgruppe vorne lag).
Sondern vor allem, weil RTL eines geschafft hat: Gottschalk wirklich nervös zu machen. Oder, um's mal in guter alter "Wetten, dass ...?"-Tradition zu formulieren: In den USA hätte es so viel Unlockerheit nicht gegeben.
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Das, Verehrtester, haben wir schon ca. 1970 unsere Eltern gefragt - allerdings sind wir dann eher einen trinken _gegangen_. Nix Neues unter der Sonne mehr...
Wow ! Da wird Mr. Tom "One Face" Cruise aber mächtig Fracksausen kriegen, weil Sie Parolen brüllend den gefährlichen Feind weggezappt haben. Von dem Schlag wird sich Scientology nie wieder erholen. LOL mehr...
Hallo, nein sollte man nicht also ein sektenmitglied einer sehr umstrittenen sekt einladen bezogen auf den öffentlich rechtlichen rundfunk. UND es ist schon ein unterschied ob ich meine kuhscheisse auf dem feld verteile [...] mehr...
Musikalische (naja, nennen wir's mal so) Auftritte bei WD haben mich schon immer verstört - was immer das ist, Live-Musik hört sich definitiv anders an. btw: nüscht gegen Coldplay - aber dazu brauchst's doch WD nicht. mehr...
Und wieso schreiben Sie etwas über zwei TV-Sendungen, die Sie ja eigentlich nicht gesehen haben können, es sei denn, Sie wären auf Geschäftsreise im Hotel gewesen? Und selbst wenn es so wäre, dann stellt sich doch die Frage, [...] mehr...
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