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28.01.2009
 

Burnout-Talk bei Maischberger

"Ausgequetscht wie eine Zitrone"

Von Heike Le Ker

Kann der Job krank machen? Sandra Maischberger lud einen Workaholic, einen Therapeuten, eine Gewerkschafterin und Menschen mit Burn-out-Syndrom zu sich - doch mit dem weitreichenden Themenfeld war das Talkformat schlichtweg überfordert.

In Zeiten der Wirtschaftskrise klingen solche Sendungstitel provokant: "Ich hasse meinen Job! Macht Arbeit krank?"

Die Frage stellte Talkerin Sandra Maischberger an diesem Dienstagabend einem Ex-VW-Manager, einem Arzt, einem Berufsaussteiger und Burn-out-Patienten. Die Gäste sollten über den angespannten Arbeitsmarkt in Deutschland diskutieren - und vor allem ihre persönlichen Erfahrungen mit Stress schildern, bis hin zum psychischen Kollaps.

Talkgäste Buntenbach, Unger: "Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, ist sie nicht gut"
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WDR

Talkgäste Buntenbach, Unger: "Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, ist sie nicht gut"

Ein Spagat - der nicht gelang. Letztlich waren es zwei Sendungen in einer.

Konkreter Aufhänger für die Diskussion war eine nicht ganz neue Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Jahr 2008. Der "DGB-Index Gute Arbeit" hatte offenbart, dass jeder dritte Beschäftigte (32 Prozent) seine Arbeit als schlecht bezeichnet - und dass nur 13 Prozent der Beschäftigten ihre Arbeit gut finden. Eine Verbesserung im Vergleich zum Vorjahresbericht war zwar zu erkennen, doch mit nur einem Prozentpunkt Unterschied minimal. Genug Zündstoff für den früheren VW-Manager Klaus Kocks und Annelie Buntenbach, Mitglied des DGB-Vorstands. Kocks vertrat die Meinung, man müsse unterschiedliche Arbeitsbedingungen hinnehmen - Buntenbach sprach im Namen vieler Beschäftigter, die sich "ausgequetscht wie eine Zitrone" fühlten.

"Mir fehlte der Lebensmut"

Interessante Einblicke bekam erst, wer sich eine halbe Stunde lang über das Burn-out-Syndrom hatte belehren lassen. Da berichtete die Krankenschwester Marita Thiel über ihren Leidensweg von der voll berufstätigen, dreifachen Mutter, die 23 Jahre lang Nachtschichten schob, hin zum weinenden Häufchen Elend. "Ich hatte Angst, den Tag nicht mehr bewältigen zu können", sagte sie. "Ich litt unter Schlafstörungen, mir fehlte der Lebensmut."

Der Österreicher Gerhard Huber brach zusammen, nachdem er als erfolgreicher Bankmanager ("Ich bin mit den Börsennachrichten ins Bett gegangen und am nächsten Tag wieder mit ihnen aufgewacht") gemobbt worden war - und einen Schlaganfall sowie einen Lungeninfarkt überlebt hatte. "Es war, als hätte ein Lkw auf meiner Brust geparkt", sagte Huber. "Ich hatte keinen Platz mehr zum Atmen."

Auch die Ärztin und Journalistin Heidi Schüller litt an einem Burn-out-Syndrom und schilderte in der Sendung ihren Leidensweg; der Hamburger Psychiater Hans Peter Unger analysierte Symptome, Folgen und Therapiemöglichkeiten. Das Thema hätte eine ganze Sendung füllen können - und auch sollen. Denn mit dem zweiten Teil, der sich um die provokante Job-Hass-These drehen sollte, hatte es wenig zu tun.

Alle drei Betroffenen schätzten ihre Arbeit, vielleicht sogar zu sehr, und erkrankten durch schiere Überforderung am Burn-out-Syndrom. Bei der Diskussion um Arbeitsplätze und die Zufriedenheit der Beschäftigten ging es dagegen vor allem um Menschen, die wenig verdienen, kaum Verantwortung tragen, selten Anerkennung bekommen, deswegen ihre Arbeit als schlecht bewerten.

"Ich bin nicht überfordert, mir bringt das Spaß"

Entsprechend schwer fiel Moderatorin Sandra Maischberger die Überleitung. Sie füllte mit Arzt Unger einen Fragebogen für Burn-out-Patienten aus - der Mediziner bescheinigte ihr sogleich, kein relevantes Risiko für ein Burn-out-Syndrom zu haben: Denn vorbildlicherweise nimmt Maischberger offenbar "nur selten" Arbeit mit nach Hause, konnte bisher erst "zweimal in ihrem Leben" nicht schlafen, weil sie über ihre Arbeit grübeln musste, und kennt Stimmungsschwankungen vor allem, wenn "die Bahn mal nicht pünktlich" kommt.

Dennoch hatte auch der zweite Sendungsteil seine Momente, etwa als Ex-VW-Manager Kocks über seine Arbeit plauderte und dabei jenen manchmal fatalen Gesellschaftsdruck zum unbedingten Funktionieren entlarvte, der Menschen über die eigenen Belastungsgrenzen hinweg in den Burn-out treibt.

Ähnlich wie es der ehemalige Banker Huber vor seinem psychischen Zusammenbruch beschrieben hatte, sagte Kocks, er habe keine Hobbys. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gebe es bei ihm nicht: "Ich bin nicht überfordert, mir bringt das Spaß." Wer hingegen Schwäche eingestehe, für den könne die Situation prekär werden. Unter Menschen in Führungspositionen herrsche schließlich ein "Kult des Vitalismus".

Symptomatisch war da eine Debatte über YouTube-Videos, in denen angeblich frustrierte Angestellte ihren Computer zerstören.

Kocks: "Das ist ein Ausdruck einer spezifischen Arbeitsplatzsituation."
Maischberger: "Toll."
Kocks: "Das ist ein Ausdruck von Gesundheit, wenn man Aggressionen ablässt."
Maischberger: "Verstehe."

Weiter ging es mit der DGB-Studie über gute Arbeit. Buntenbach sprach von "dramatischen Ergebnissen" und machte die schlechte Bezahlung vieler Arbeitnehmer, die mangelnde Anerkennung und fehlende Perspektive für die miese Bewertung verantwortlich. Kocks hingegen, der die Studie des DGB als "intelligent, intelligenter als der DGB selbst" bezeichnete, legte die Zahlen anders aus: Seiner Auffassung nach zeige die Befragung, dass Gehalt einem Beschäftigten weitaus weniger wichtig sei als die Frage nach dem Sinn der Tätigkeit. Buntenbach entgegnete: "Wenn ich von meiner Arbeit nicht leben kann, ist sie nicht gut - und das macht krank."

Am Ende versuchte Maischberger auch noch, das Thema vor den aktuellen Hintergrund der Finanzkrise zu stellen. Vielen stünde in diesem Jahr Druck bei der Arbeit und die Angst bevor, gekündigt zu werden - "was können die machen?", fragte sie Psychiater Unger.

Neben einer persönlichen Entscheidung, wie man sich aus der "Burn-out-Spirale" retten könne, müsse am Arbeitsplatz ganz generell eine Atmosphäre geschaffen werden, persönliche Probleme zu thematisieren und in Krisensituationen flexibler und weniger zu arbeiten, antwortete er.

Maischberger bedankte sich: "Vielen Dank für die klugen Schlussworte."

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