Von Ingeborg Wiensowski
Als der Hurrikan "Katrina" am 29. August 2005 über die südlichen Staaten Mississippi, Alabama und Louisiana hinwegfegte und in der Stadt New Orleans die Dämme brachen, starben nach offiziellen Angaben 1836 Menschen. Mehr als eine Million wurden obdachlos und verloren ihren gesamten Besitz. 1,3 Millionen flohen aus der Stadt und dem Küstengebiet Louisiana. Von den damals 450.000 Bewohnern New Orleans' sind 180.000 Menschen nicht in ihre Stadt zurückgekehrt.
"Umweltbedingte Migranten" nennt man diese "Wanderer im eigenen Land", und es werden durch die Folgen des Klimawandels mehr werden, darüber sind sich Migrationsforscher und Klimaexperten einig.
Robert Green, 50, ist kein Migrant mehr: Er ist nach einem Jahr in seine Heimatstadt New Orleans zurückgekehrt – obwohl er dort die schlimmste Erfahrung seines Lebens gemacht hat. Im August 2005 hatte er versucht, sich und seine Familie aus dem schwarzen Armenviertel "Lower 9th Ward" in das höher gelegene Sportstadion "Superdome" zu retten.
Vergeblich.
Green musste nach Hause umkehren, in den am schlimmsten betroffenen Stadtteil, in dem am nächsten Tag nach dem Dammbruch seine Mutter und sein Enkelkind in den Fluten ertranken. Und nicht nur sie: Nur wenige von Greens Nachbarn waren dem Aufruf zur freiwilligen Evakuierung nachgekommen, weil sie weder ein Auto noch Geld für eine Hotelunterkunft besaßen oder niemanden hatten, bei dem sie unterkommen konnten. Und weil sie über die Gefahr nicht richtig aufgeklärt waren oder sie unterschätzten. So kam zur Naturkatastrophe eine soziale und gesellschaftliche hinzu.
"We do learn from our mistakes", sagt Green, der noch ein zweites Mal fliehen musste, als im August 2008 wieder ein Hurrikan die Stadt bedrohte. Da ging Green rechtzeitig – und war nach einigen Wochen wieder da.
Das alles erzählt er in einem Film in der Ausstellung "Nach der Flut die Flucht. New Orleans – die ausgewanderte Stadt", die jetzt im deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven zu sehen ist.
Eine Ausstellung über eine Katastrophe? Was soll da gezeigt werden, wie kann das aussehen, so kurze Zeit danach? "Aus der Sicht der Zurückgekehrten und Dagebliebenen schaut die Sonderausstellung auf eine Stadt, die verlassen wurde", steht auf der Einladungskarte, und es handle sich um "eine informative, sensitive und emotionale Annäherung an ein hochaktuelles Thema: 'Naturkatastrophen und Migration'." Eine Stadt "als Beispiel für den Zusammenhang von Migration und Klima".
Im Mittelpunkt der Schau stehen sieben kurze Filme, die ein Team des Auswandererhauses im letzten Jahr in New Orleans gedreht hat. Darin erzählen Betroffene von ihrem Leben vor und nach "Katrina".
Außerdem zeigen über hundert Fotos, Grafiken und Diagramme chronologisch das Entstehen der Katastrophe sowie die Folgen für die Menschen und die Stadt. Es gibt Momentaufnahmen der einbrechenden Flut, Fotos von Zerstörungen, vom Reparieren und Flicken, Grafiken mit den Zufluchtsorten der Evakuierten und persönliche Erinnerungsstücke der Betroffenen. Und Pläne für Aufbauprojekte, die bisher nur Pläne sind.
Zu sehen ist auch die Installation "Floodwall" der Künstlerin Jana Napoli. Sie war während der Katastrophe mit ihrer 90 Jahre alten Mutter in einem nicht überfluteten Teil der Stadt, die sie ein paar Tage später wegen der Zwangsevakuierung aller Bewohner verlassen musste. Als Napoli im Oktober zurückkam, sammelte sie in den Straßen von New Orleans 350 Schubladen, die aus Wohnungen, Büros und Geschäften herausgespült worden waren, und installierte sie zusammen mit ihrem Kollegen Rondell Crier auf einem Baugerüst zu einer sechs Meter hohen Skulptur.
Wie immer in seinen Ausstellungen, will das privatwirtschaftlich geführte "größte Erlebnismuseum Europas" über Biografien und Einzelschicksale Geschichte verständlich und erfahrbar machen. So gibt es knackige Zitate an den Wänden, von Betroffenen, aus den Medien und sogar aus der Bibel, in denen von Sintflut und dem Untergang der Insel Atlantis die Rede ist. Daneben hängen großformatige Porträts der Interviewten.
Aber es soll um mehr gehen in der Schau: Zum Beispiel um die gesellschaftspolitischen Folgen der Evakuierung, die hohe Arbeitslosigkeit, die Zerstörung von rund 8000 Sozialwohnungen, in denen fast nur Schwarze lebten, den finanziellen Ruin einer Mittelschicht, die ihre Hypotheken trotz der Zerstörung der Häuser noch abbezahlen muss. Und schließlich um die städtischen Pläne, einen neuen Siedlungstyp mit dem Namen "Mixed Income" zu bauen, in dem Menschen unterschiedlicher Einkommensgruppen und Hautfarbe integriert sein sollen.
Hört sich gut an, so gut wie im Jahr 2007 die pinkfarbenen Hausattrappen im Armenviertel Lower 9 aussahen, nach deren Vorbild Brad Pitt aus Hollywood und die Architekten Graft aus Berlin irgendwann einmal "Ökohäuser" für die Ärmsten der Armen bauen wollen. Aber bis jetzt reichten die Spenden nur für sechs Häuser, vierzig weitere sollen bald folgen.
Und ob es jemals zu den geplanten städtischen Sozialbauten kommen wird, sei fraglich, heißt es in einem begleitenden Text zur Ausstellung; das angekündigte Geld aus dem Bundesprogramm "Road back home" sei übrigens bisher auch noch nicht angekommen.
Auch ein ganz anderes großes Thema will das Auswanderermuseum mit der Ausstellung anstoßen, nämlich eine Debatte über umweltbedingte Migration, ausgelöst etwa durch Überschwemmungen, Wassermangel oder Bodendegradierung. Dies sei schon lange ein Thema, heißt es, aber jetzt sei infolge des Klimawandels mit einem "enormen Ausmaß" zu rechnen.
Schon 2010, also nächstes Jahr, werde es weltweit 50 Millionen "Umweltflüchtlinge" geben, die aber nach der Genfer Flüchtlingskonvention keine Flüchtlinge sind, weil sie die Landesgrenzen nicht überqueren und nicht verfolgt werden. Nach dem Hurrikan "Katrina" hat in den USA eine heftige Debatte über diese Definition und ihre rechtlichen Folgen begonnen.
Wenn es der Ausstellung über die "emotionale Vermittlung von Geschichte über Inszenierungen" gelingen würde, die angesprochenen Themen wirklich ins Bewusstsein zu rufen, dann wünschte man dem Museum gleich noch einmal die Auszeichnung als "Europäisches Museum des Jahres", die es 2007 für solche Art der Vermittlung schon einmal gewonnen hat.
Ausstellung "Nach der Flut die Flucht. New Orleans – die ausgewanderte Stadt". Bremerhaven. Deutsches Auswandererhaus. Bis 10.5., Tel. 0471/90 22 00. Dazu ein Veranstaltungsprogramm mit Vorträgen und Filmen.
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Für wie dumm und uninformiert halten Sie eigentlich Ihre Leser? Jeder seriöse Wissenschaftler weiss, dass Katrina nichts mit dem Klimawandel zu tun hatte. Es war nicht einmal der stärkste Sturm des letzten Jahrzehnts. Für die [...] mehr...
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