Von Reinhard Mohr
Die Ungläubigen in aller Welt haben es nicht leicht. Sie sollen bekehrt werden und den Weg des ewigen Heils beschreiten. Fanatische Fundamentalisten aller Religionen bedrohen sie wegen ihres ungläubig-liederlichen Lebenswandels mit Verwünschung und Tod, mindestens aber mit der Prophezeiung, nie und nimmer die Gnade der Erlösung zu erleben.
In diesen Tagen aber können die Ungläubigen durchatmen: So irre, wie es derzeit im Weltreich der katholischen Kirche zugeht, verläuft die heidnischste Halloween-Party nicht.
"Sind wir nicht mehr Papst?" fragte am Donnerstagabend Maybrit Illner im ZDF und spielte damit auf die "Bild"-Schlagzeile "Wir sind Papst!" an, die 2005 nach der Entscheidung für Ratzinger den deutschen Nationalstolz auch auf das Stellvertreteramt Gottes ausdehnen wollte.
Nach der unseligen Rehabilitierung der vier abtrünnigen Piusbrüder, unter ihnen der explizite Antisemit und Holocaust-Leugner Richard Williamson, wollte nur noch der 23-jährige Nathanael Liminski voll und ganz zum kollektiven "Bild"-Bekenntnis stehen.
Das bekennende Mitglied der "Generation Benedikt", der selbst den aktuellen SPIEGEL-Titel als "persönliche Beleidigung" empfand, verwarnte zugleich Bundeskanzlerin Angela Merkel, von der der Papst gewiss "keine Ratschläge" benötige. Hier sei angemerkt: Vielleicht hätte es ein guter Rat aus dem Vatikan auch getan.
Das Kreuz mit der Kritik
Der Schlamassel ist jedenfalls angerichtet, und Robert Zollitsch, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, der sehr früh und kritisch Stellung bezogen hatte, zeigte sich gleichwohl "von der Welle überrascht", die seit Tagen über der römischen Kurie zusammenbreche.
ZDF-Hauptstadtstudioleiter Peter Frey, diesmal als gläubiger Katholik in der Runde, verteidigte vehement Angela Merkels Einmischung in die vermeintlich inneren Angelegenheiten der Kirche und kritisierte die Berater des Papstes, die komplett versagt hätten.
Henryk M. Broder, der gläubig-ungläubige Publizist und SPIEGEL-Kollege, outete sich als kämpferisches Mitglied der "Generation Angela" und deutete seine persönliche Offenbarung an: "Das ist ein anti-autoritärer Aufstand in der katholischen Kirche", der letzten Institution, die noch nicht durch das Fegefeuer von Aufklärung und Säkularisierung gegangen sei.
Die fatale Fehlentscheidung des Papstes passe jedenfalls "nicht wirklich zum Konzept der Unfehlbarkeit". Dass Benedikt XVI. nun "Selbstverständlichkeiten" äußere wie die, Auschwitz sei ungeheuerlich und verabscheuungswürdig, ändere nichts daran.
Der ARD-Moderator Ranga Yogeshwar erinnerte daran, dass das Mittelalter noch gar nicht so lange zurückliegt und wir "Kinder der Aufklärung" noch recht jung an Jahren und Erfahrung seien, lege man biblische Zeithorizonte, gar die Perspektive der Ewigkeit an. Immer wieder verbinde sich religiöser Fundamentalismus mit dem politischen Eifer, ihn auf die weltliche Sphäre zu übertragen.
Tapfer und durchaus sympathisch versuchte Bischof Zollitsch, das "offene Versagen" der Kurienkardinäle in Rom, die den Papst "ins offene Messer laufen ließen", in ein halbwegs gnädiges Gesamtbild einzufügen. Bemerkenswert, wie klar er die prinzipiell antidemokratische Piusbruderschaft, die das reformerische Zweite Vatikanische Konzil nach wie vor ablehnt, als letztlich schon "eigene Kirche" charakterisierte.
Unverhohlen zweifelte er so an der Weisheit der Entscheidung des Heiligen Vaters, seine Arme auch über dieser "fundamentalistischen Gruppe" auszubreiten. Das Ziel der weltumspannenden katholischen Einheit werde so jedenfalls nicht zu erreichen sein.
Ganz anders dagegen der jugendliche Heißsporn Liminski, der genau weiß, dass der Papst letztlich gar nicht anders handeln konnte, weil er die heilige Pflicht hat, auch noch das letzte verirrte Schäfchen und den letzten auf Abwegen wandelnden reuigen Bruder zurückzuholen in den Schoß der Kirche: "Der Papst ist Hirte, auch für die 600.000 Piusbrüder. Er hat die Wahrheit in die Zeit zu stellen".
Bruderschaft Probleme schafft
Das Problem ist nur, dass er offenbar die Zeichen der Zeit gar nicht erkennt. Und das schon seit längerem. Seit Jahrzehnten sind die Piusbrüder weltweit als offen frauenfeindliche, rassistische und antisemitische Vereinigung bekannt, als Leute also, die sich, weltlich gesprochen, bei der rechtsradikalen NPD politisch zu Hause fühlen würden.
Aber solche Eindeutigkeiten gelten nicht viel in jener Parallelwelt aus Glaubensbekenntnis, absolutem Wahrheitsanspruch und kompliziertem Kirchenrecht. So war nicht einmal zu klären, ob die vier Piusbrüder nun schon endgültig in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt sind oder nicht, ob dem Papst also noch ein Ausweg aus der Sackgasse bleibt oder ob die Parole heißt: Augen zu und durch.
Ein kleines Nachspiel gab es anschließend bei Johannes B. Kerner, der Michel Friedman, ehemals Vizepräsident des Zentralrats der Juden, und Eberhard von Gemmingen, Chef von Radio Vatikan, eingeladen hatte. Auch für Gemmingen ist das römische Tohuwabohu ein "Mysterium", zumindest aber eine dramatische Verkettung von "Organisations- und Kommunikationsfehlern" – "schlimm, aber kein Desaster". Benedikts Pontifikat jedoch sei "ziemlich beschädigt".
Michel Friedman spitzte die Sache wie stets kräftig zu. Wer immer im Einzelnen die Verantwortung trage, das "falsche Signal" des Papstes laute: "Nazis in die Kirche!" Währenddessen muss ein Liberaler wie Hans Küng draußen bleiben.
Darüber kann man nur ungläubig den Kopf schütteln.
Auf anderen Social Networks posten:
Zu viel Weihrauch eingeatmet? mehr...
Sehr geehrter Herr Mohr, Ihr letzter Satz ist ein wenig missverständlich. Schütteln Sie den Kopf darüber, dass jemand behauptet, dass Küng draußen sei oder glauben Sie das selbst? Ich nehme mal an, Sie haben sich vorab [...] mehr...
Das ist eine Vermutung des SPON. Ich kann nicht nachvollziehen, warum der Entschluss einen Haufen Verirrter wieder einzugliedern, den Papst in Bedrängnis bringen soll. Mitnichten. Bei diesen Talkladies bleibt es [...] mehr...
In der Konklave geht mit aller größter Wahrscheinlichkeit schlimmer zu als wie auf einem orientalischem Basar. Auch sonst muss man Ihnen in allen Punkten zu stimmen. Denn die RKK ist eine der intolerantesten Organisationen [...] mehr...
Lieber GM64. Hier irren Sie sich aber gewaltig. Ihnen ist die Geschichte des Papsttums wohl gänzlich unbekannt. Die Ernennung von Bischöfen und Kardinälen hat in der Vergangenheit immer was mit Machterhalt zu tun gehabt. Mord [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH