Von Daniel Haas
Ich schreibe diesen Artikel unter Aufbietung der letzten Kräfte. Dass ich über den Vorspann hinausgekommen bin, ist eigentlich ein Wunder. Ich bin krank, Erkältung, Kopfschmerzen, Husten, die Nase läuft. Wer hat eigentlich die Heizung so fies aufgedreht? Nein, das ist ja das Fieber. Schnell noch eine Tablette.
Wo waren wir? Ach ja, der Artikel. Es geht um die Finanzkrise. Die Leute melden sich scharenweise krank; laut Arbeitsgemeinschaft Influenza ist die Zahl der registrierten Grippefälle doppelt so hoch wie im Vorjahr.
Kein Wunder: Die permanente Einschüchterung durch Pleiten- und Insolvenzmeldungen, die Drohkulisse von Massenkündigungen und Firmenschließungen hat unser Immunsystem aufgerieben. Die Welle der Krankmeldungen ist ein psychosomatisches Symptom. Wenn der Leistungs-, Zukunfts- und Angstdruck zu groß wird, hilft nur die Flucht nach vorn: Wir geben auf. Und kriechen ins Bett.
Schnauf und runter
Auch ich werde, sobald dieser Text verfasst ist, eine Pause einlegen. Um in die Apotheke zu gehen. Dort werde ich mit einem gefälschten Rezept Kodeinsaft erstehen, um den Husten einzudämmen. Leider macht das Zeug müde und wirr im Kopf. Zum Glück gibt es Aspirin mit Ephedrin, einem Aufputschmittel. "Gehen Sie doch zum Arzt!", sagen Sie vielleicht, aber das ist sinnlos: Mein Arzt hat sich krank gemeldet.
Ich bin ins Plaudern gekommen, das liegt am Fieber. Was war noch gleich das Thema? Genau: Finanzkrise. Wie der Wirtschafts-GAU macht auch die Grippe alle gleich, sie kann jeden erwischen. Und wie gegen die Finanzmisere ist auch niemand gegen Viren gefeit. Das ist das Schöne an der Rezession und an der Erkältung: Sie macht uns gleich, manche noch ein bisschen gleicher. Insgesamt kann man sagen: Wir sind vielleicht nicht mehr (gern) Papst, aber wir sind Erkältung.
So, jetzt muss ich kurz mal ins WC, abhusten. Ich mache das nicht vor den Kollegen, weil das als ein Zeichen von Schwäche gedeutet werden würde. Denn das ist ja das Fiese an der Sache: Wir sind vielleicht alle krank, ergeben uns kollektiv der Ermattung, weil unsere Abwehr die Katastrophenmeldungen nicht mehr verkraftet.
Krank vor Stress
Die Krise hat aber gerade erst begonnen, der Verteilungskampf wird sich noch drastisch zuspitzen. Und dann kommt's drauf an: Bin ich krank, oder ist's der Kollege? Halte ich durch, oder bin ich schon eine Sollbruchstelle? Wirke ich angeschlagen, gefährdet, geschwächt, wie ein betriebswirtschaftliches Risiko auf zwei Beinen?
Apropos Beine: Haben die vorher auch schon so geschlottert? Mir ist aber auch kalt. Heimlich ziehe ich mir ein zweites T-Shirt unter den Rolli. Eine Kollegin meinte, ich sei dick geworden über Weihnachten. Soll sie mal bloß vorsichtig sein mit ihren Witzen! Wer so durch die Nase spricht wie die, kommt morgen mit dem gelben Zettel an.
Ich aber halte durch. Die Alternative ist zu Hause sitzen, schreckliche Wirtschaftsmeldungen im Fernsehen anschauen und noch schlapper werden vor Sorge. Denn so viel Wick Medinait kann man gar nicht trinken, dass sich dieses Gefühl verflüchtigt: Kranksein ist Hartz IV auf Probe.
Den ganzen Röchlern und Schniefern und Hustern kann ich nur zurufen: Rafft euch auf, kehrt zurück, kämpft um eure Zukunft! Anstecken können wir uns nicht, wir sind ja schon alle krank. Darauf noch einen Hustensaft, vier Aspirin, was Kleines gegen den Durchfall.
Und den Schttelfrst krg ich a u ch nch indn Grff.
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