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Tageskarte Küche Entmachtet den kulinarisch-industriellen Komplex!

2. Teil: Rezept für Hirschgulasch mit tasmanischen Pfefferbeeren, Pastinakenpüree, Maronen und Rosenkohl (Hauptgericht für 4 Personen)

Zubereitungszeit: 2 Stunden

Schwierigkeitsgrad: leicht

Zutaten

Gulasch

1 kg Hirschfleisch, frisch (z.B. aus der Keule; Alternative: andere magere Wildfleischsorten)

2 Stück Zwiebeln, rot

200 g Champignons, braun (je nach Saison auch gemischte frische Waldpilze), kleine, möglichst gleich große Köpfe

100 g Karotten

100 g Stangensellerie

10 g Oz Tukka Mountain Pepper Berry

50 g Tomatenfilets, getrocknet

500 ml Rotwein, trocken

50 ml Portwein

250 ml Wildfond (selbst gemacht oder der zuckerfreie und nur wenig gesalzene Fond von Jean-Marie Dumaine)

2 El Traubenkernöl

2 Tl Salz

1 Tl Pfeffer, schwarz, grob gemörsert

1 Zweig Rosmarin

1 Zweig Thymian

Pastinakenpüree

1 kg Pastinaken

150 ml Sahne

1 Prise Muskatnuss, frisch gerieben

1 Prise Pfeffer, weiß, frisch aus der Mühle

1 Tl Salz

Gemüsebeilage

24 Stück Maronen, frisch, mit Schale

24 Stück Rosenkohl, roh, gleich große Röschen

100 g Speck, aus Südtirol durchwachsen, feste Struktur

0,5 Tl Macis, gemahlen (oder Muskatnuss, frisch gerieben)

1 Tl Meersalz, feine Körnung

1 El Ahornsirup

1 Prise Pfeffer, schwarz, frisch gemahlen

200 ml Gemüsebrühe (klar, wenig gesalzen)

Zubereitung

Gulasch

Tomatenfilets in dünne Streifen schneiden, Pfefferbeeren (Alternativ: heimische getrocknete Holunderbeeren) im Mörser grob zerdrücken, beides mit heißem Portwein übergießen und 30 Min. einweichen.

Fleisch sauber parieren und in nicht zu kleine Stücke (ca. 3 x 3 cm) schneiden. In schwerem Fleischtopf oder Bräter (backofentauglich) das Öl stark erhitzen, Fleisch anbraten. Nach 3 Min. die klein gewürfelten Zwiebeln hinzu geben, unter ständigem Rühren weitere 3 Min. braten. Mit 200 ml Rotwein ablöschen, Flüssigkeit ganz einkochen, Wildfond und weitere 200 ml Rotwein zugeben, 5 Min. bei mittlerer Hitze weiterkochen.

Champignons vierteln; Karotten und Sellerie schälen und in kleine (max. 1 cm) Würfel schneiden. Gemüse unter das Fleisch heben, Pfeffer, Salz, Tomaten/Pfefferbeeren mit Portwein und den Rest des Rotweins unterheben, Rosmarinzweig einlegen, Topf/Bräter mit Deckel verschließen und 90 Min. bei 160 Grad im Backofen schmoren, dabei Deckel geschlossen halten. Alle 30 Min. umrühren. 15 Min. vor Ende der Garzeit Thymianzweig einlegen. Vor dem Servieren Kräuterzweige entfernen.

Pastinakenpüree

Pastinaken schälen, in Scheiben schneiden, mit Muskat, Pfeffer und Salz würzen und im Dampfgarer (oder Siebeinsatz im Kochtopf) weich dämpfen. Sahne aufkochen. Pastinaken im Mixer (oder mit dem Schneidstab) pürieren, dabei nach und nach heiße Sahne zugeben, bis eine cremige, aber nicht zu flüssige Konsistenz erreicht ist. Das Püree kann abgedeckt (Küchenfolie) warm gehalten werden.

Gemüsebeilage

Maronen an der runden Seite über Kreuz einschneiden, 20 Min. im Backofen bei 180 Grad rösten, bis die Schalen an den Schnitten aufspringen. Noch warm schälen. Ahornsirup in beschichteter hoher Pfanne erhitzen, Maronen dazu geben und nach 2 Min. die kochende Gemüsebrühe dazu geben. Bei mittlerer Hitze und leicht geöffnetem Deckel dünsten, bis die Flüssigkeit vollständig verdampft ist (ca. 10 Min.). Sollten die Maronen noch nicht bissfest sein, mit wenig Wasser weiter dünsten; warm stellen.

Speck in Streifen von ca. 0,5 x 2 cm schneiden, in beschichteter Pfanne langsam auslassen, bis er kross ist. Mit Schaumlöffel heraus heben, Fett in Pfanne tropfen lassen.

Rosenkohl gründlich waschen, an den Strünken abschneiden, nicht zu tief über Kreuz einschneiden. Röschen 2 Min. in dem heißen Speckfett dünsten, mit Pfeffer, Salz und Macis würzen, und im Dampfgarer (oder Siebeinsatz im Kochtopf) bissfest dämpfen. Mit Spicknadel jedes Röschen oben mittig 1 cm einstechen und mit je 1 Speckstift spicken.

Anrichten

Auf vier gut vorgeheizten Tellern mittig das Pastinakenpüree mit hohen Servierringen anrichten, das Gulasch im Ring bis zur Oberkante einfüllen. Maronen und Rosenkohl symmetrisch anlegen, erst direkt vor dem Servieren die Ringe abziehen.

Küchen-Klang

Der Hirsch ist wild genug, weswegen wir in der Küche zu "Big" (Phall-a-delic/edel), den träge-elefantösen Big-Band-Bearbeitungen der schönsten Songs von DePhazz greifen. Oder gar zu "Years of Refusal", (Polydor/Universal) dem ungewöhnlich energetischen Album von Morrissey – der war ja schon immer der Godfather aller Lebensangsthasen.

Getränketipp

Wild, Maronen und Kohl verlangen nach einem ordentlichen Pfund von Rotwein wie dem Castillo de Clavijo Reserva Tinto 2003 mit seiner tiefroten Schwarzbeerigkeit, mürben Tanninen und einem Hauch Röstnote vom Ausbau in amerikanischer Eiche – ohne allzu aufdringliche Vanillearomen oder hirnzellenkillender Hochalkoholigkeit (er hat trotz allem nur 12,5 Prozent).

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insgesamt 8 Beiträge
uhu_13 15.02.2009
Ist nur ein bedingt guter Tip, dafür ist Keulenfleisch eigentlich zu schade. Gulasch kann besser aus Unterschenkel, Hals (Träger), oder Rippenbogen mit Bauchlappen gewonnen werden.
Ist nur ein bedingt guter Tip, dafür ist Keulenfleisch eigentlich zu schade. Gulasch kann besser aus Unterschenkel, Hals (Träger), oder Rippenbogen mit Bauchlappen gewonnen werden.
Peter Sonntag 15.02.2009
Gibt es eigentlich Statistiken darüber, wie viele Leute wirklich zu Hause mit "frischen" Zutaten kochen ? Das Angebot an vorgefertigten Gerichten wird schließlich immer größer und perfekter. Selbst Hotelküchen verwenden [...]
Gibt es eigentlich Statistiken darüber, wie viele Leute wirklich zu Hause mit "frischen" Zutaten kochen ? Das Angebot an vorgefertigten Gerichten wird schließlich immer größer und perfekter. Selbst Hotelküchen verwenden angeblich bestimmte spezielle Produkte. Da es kaum noch eine Fernsehsendung ohne einen Koch gibt (der natürlich ausschließlich Frisches und Teures empfiehlt und verwendet), könnte man meinen, die deutsche Singlekultur pflegt das italienisch inspirierte Kochen mit wachsender Begeisterung.
dirk2 15.02.2009
Bei den vielen TV-Kochsendungen und der Prominenz, die viele Spitzen- und auch manche Nicht-Spitzenköche mittlerweile erreichen, handelt es sich doch in erster Linie um Unterhaltung. Bekannt ist, daß die Fernseh-Gerichte nur sehr [...]
Bei den vielen TV-Kochsendungen und der Prominenz, die viele Spitzen- und auch manche Nicht-Spitzenköche mittlerweile erreichen, handelt es sich doch in erster Linie um Unterhaltung. Bekannt ist, daß die Fernseh-Gerichte nur sehr selten nachgekocht werden. Und wenn ich beim Einkaufen in die Einkaufskörbe der anderen schaue, sehe ich nur wenig naturbelassene Kochzutaten. Selbst beim Küchen-Händler, der mir einen Küchen-Boom beschrieb, wird viel Luxus und Technik verkauft, die nur zum Imponieren da sind, aber selten tatsächlich zum Kochen. Die meisten Menschen sind zu faul zum Kochen und zu uninteressiert am guten Essen, womit ich nur sorgfältig zubereitetes meine, und keine Gourmet-Küche, die in der Tat teuer ist. Man mag das beklagen, aber unsere Kultur wurde in den vergangenen Jahrzehnten zu einer überwiegenden Konsum-Kultur umgebaut. Ich schreibe absichtlich nicht "hat sich gewandelt", weil dieser Prozess von den Profiteuren (frgat Euch selbst, wer das ist!) gewollt ist.
autocrator 15.02.2009
lieber herr Wagner, so begeistert ich ansonsten Ihre artikel lese und ihren esprit schätze, doch diesmal verwechseln Sie leider äpfel und birnen. Außer frage steht, dass selberkochen mit frischen zutaten besser ist und man [...]
lieber herr Wagner, so begeistert ich ansonsten Ihre artikel lese und ihren esprit schätze, doch diesmal verwechseln Sie leider äpfel und birnen. Außer frage steht, dass selberkochen mit frischen zutaten besser ist und man zumindest vordergründig weiss, was im fertigen gericht alles drin ist (wobei der nächste lebensmittelskandal sicher schon an der ecke wartet, vielleicht ist es ja diesmal rotwild-wahn oder pestizidverseuchter rosenkohl). Die lebensmittelindustrie - für die ich hier ausdrücklich keine lanze brechen, ihr aber gerechtigkeit widerfahren lassen will, kämpft jedoch mit anderen herausforderungen. Die fertiggerichte müssen haltbar sein - muttis selbstgemachtes hirschragout macht nunmal schon nach einer woche schlapp. Sie müssen zumindest im groben ganzen so aussehen wie in der werbung und auf der verpackung - ohne perfekte ausleuchtung und interesanten aufnahmewinkeln, was auch den fotos zu Ihren beiträge zu eigen ist. Und sie müssen eine geling-garantie haben: Selbst kochtechnischen nichttalenten, kindern und leuten, denen sogar das wasser anbrennt, muss die zubereitung der gerichte der lebensmittelindustrie gelingen. Seien wir also nachsichtig bzw. froh, uns nicht denselben herausforderungen wie die fertiggerichte-industrie gegenübergestellt zu sehenund freuen wir uns daran, dass wir beim nachbacken vom heinos nusskuchen diesen leicht variieren und ihm so eine individuelle note verleihen können, indem wir ihm z.B. noch eine messerspitze ingwerpulver zugeben.
dirk2 15.02.2009
Wo das beliebte Obst untereinander verwechselt worden sein soll, weiß ich nicht. Fertigprodukte gibt es ja in verschiedenen Kategorien: Das Gulasch oder den Eintopf aus der Dose, die eben 0-8-15 schmecken, aber immerhin noch [...]
Wo das beliebte Obst untereinander verwechselt worden sein soll, weiß ich nicht. Fertigprodukte gibt es ja in verschiedenen Kategorien: Das Gulasch oder den Eintopf aus der Dose, die eben 0-8-15 schmecken, aber immerhin noch zubereitete Lebensmittel sind, wenn auch mit zahllosen Zusatzstoffen, wovon sie aber nicht besser schmecken oder schöner aussehen! Groß sind auch die Regale mit den Pulver-Tüten von Maggi, Knorr und wie sie alle heißen. Sie gaukeln dem Konsumenten vor, er kaufe eine Mahlzeit, die er nur mit ein paar Zutaten zu vervollständigen braucht. Dabei enthalten sie nur Füllstoffe, Gewürze und Zusatzstoffe. Man kann der Lebensmittel-Industrie nicht vorwerfen, sie betrieben ein leichtes Geschäft, denn die Chemiker arbeiten lange an der Entwicklung der Produkte. Überhaupt kann man den Produzenten von eigentlich überflüssigem Zeug keinen Vorwurf daraus machen, daß sie Dummheit und Faulheit der Konsumenten ausnutzen und fördern. Davon lebt unser Wirtschaftskreislauf - das macht uns alle glücklich und wohlhabend...
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