Kaum haben an unserem Tisch alle Mitesser Platz genommen, sind alle Weingläser bis zum Rand gefüllt, steht Generalsekretär Shatberashvili auf, hebt sein Glas und bringt den ersten Trinkspruch aus, den Daniel Wicharz uns mit volltönender Stimme übersetzt: "Ich freue mich sehr über den Besuch der deutschen Arbeiter-Partei. Dies ist ein historischer Augenblick in der Geschichte unserer Länder. Auf unsere Gäste, Gaumarjos!" Ein allgemeines "Gaumarjos"-Geschrei geht los, dann trinken wir unsere Gläser leer. Der leicht trübe, roséfarbene Wein, der sofort wieder nachgeschenkt wird, ist gar nicht schlecht.
Eine Runde später ist die PARTEI gefordert. Also erhebe ich mich, knöpfe mein Jackett zu, nehme mein Glas in die Hand. Tom Hintner, der neben mir sitzt, flüstert: "Sag: In Georgien möchte ich nicht einmal tot über dem Zaun hängen!" Ich verkneife mir das Lachen, schließlich soll dies ein historischer Moment werden. "Ich bedanke mich für die wunderbare Gastfreundschaft, die unsere Völker weiter zusammenschweißen möge." Kurze Pause, die Aufmerksamkeit im Saal ist mir gewiss, im Bewusstsein meiner Mission hebe ich die Stimme. "Und ich denke, es ist jetzt an der Zeit, dass wir uns im Namen Deutschlands nach über 60 Jahren endlich für den Bruch des Hitler-Stalin-Paktes entschuldigen! Die Sache tut uns leid, es soll nicht wieder vorkommen! Gaumarjos!"

Martin Sonneborn: "Das Partei-Buch - Wie man in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt"
Jetzt beginnt an der langen Tafel ein erstaunliches Gelage, das die 60 Liter Wein allmählich zur Neige gehen lässt; begleitet von erstaunlichen Preissteigerungen im Bereich Russinnen ("... nur 50 Euro, in Deutschland erfährt das auch niemand!") und zahllosen Trinksprüchen, unter denen lediglich ein weiterer Vorschlag Tom Hintners unberücksichtigt bleibt ("In Georgien möchte ich nicht einmal begraben sein! Gaumarjos!").
Auf einmal zaubert Tamada Shatberashvili, der schon geraume Zeit begeistert mit einer deutschen Fahne wedelt und "Kaiser Wilhelm, Bismarck, Kaiservili!" ruft, eine grüne Plastikflasche hervor, die sich offenbar bereits von innen aufzulösen beginnt, gießt eine klare Flüssigkeit auf einen Teller und demonstriert mit einem Zündholz, dass diese in der Lage ist, rückstandslos zu verbrennen. Dann geht er mit der Flasche herum und füllt den vermeintlich bedeutendsten Männern der deutschen Delegation - wichtig sind alle Gutgenährten und der Bundesvorsitzende - die Weingläser unnachgiebig und bis zum Rand. Die Reaktionen auf seinen Trinkspruch - "Wenn ich vor 20 Jahren hier eine deutsche Fahne geschwenkt hätte, wäre ich verhaftet worden! Gaumarjos!" - fallen tischweit schon recht undiszipliniert aus: "Jaaaaa! Verhaaaaaaffffftet! Niiiiiemals! Die PAAATEIIII!"
Brennbare durchsichtige Flüssigkeiten aus Flaschen ohne Etikett trinken? Hm, sicherlich eine gute Idee, wenn man Adenauer heißt und vorher ein paar Büchsen Ölsardinen geleert hat. Aber hier gibt es nicht einmal deutsche Kriegsgefangene, die ich mit nach Hause nehmen könnte. Ich blicke auf den Tamada, höre sein "Gaumarjos!", setze an, spüre einen stechenden Geruch in der Nase, und nehme vorsichtig einen Schluck. Ein scharfes Brennen erinnert an zu Schulzeiten absolvierte Experimente mit Strohrum. Sofort führe ich das Glas in einer einzigen fließenden Bewegung nach unten, und bete, dass niemand sieht, wie ich den Inhalt unter den Tisch kippe. Zwischen den glücklicherweise säurefesten Sohlen meiner Bergschuhe beginnt das Zeug widerspruchslos zu verdunsten. Mitten in die hektischen Überlegungen, wie ich den Rest dieser Flüssigkeit möglichst schnell wieder aus meinem Kopf herausbekomme, geht zum Glück das Licht aus: eine Gesangseinlage, ein alter Boney-M.-Titel rettet mich. Ich drehe mich um, verlasse mich darauf, dass alle Georgier zur Bühne schauen, und spucke das Zeug der Einfachheit halber an die Wand hinter mir. Heute, davon bin ich überzeugt, kann man an dieser Stelle nach draußen sehen.

Dann bricht auch schon tosender Applaus los. Der vollkommen betrunkene Josef Shatberashvili - für seine deutschen Freunde bereits "Jupp" - steht auf seinem Stuhl und brüllt in den Saal, dass die deutsche Kanzlerkandidatin heute hier mit ihrer Arbeiterpartei zu Gast sei. Tosender Applaus bricht aus, die anwesenden georgischen Gäste erheben sich, um zu applaudieren: "Gaumarjos!"
Allmählich verlieren wir die Kontrolle über die Situation. Alle gehfähigen PARTEI-Mitglieder stürmen auf die Bühne und übernehmen die Mikrofone der Siebziger-Jahre-Entertainer. In einer improvisierten Ansprache muss ich wohl - der genaue Wortlaut lässt sich am nächsten Tag nicht mehr rekonstruieren - Sanktionen gegen Russland gefordert haben, bevor wir beginnen, die PARTEI-Hymne zu singen: "Die Partei, die Partei, die hat immer Recht..."
Spätestens damit aber erobern wir endgültig die Herzen der korrupten Oberschicht Georgiens. Stehende Ovationen, endloser Applaus und zahlreiche Umarmungen sind die Folge, Wicharz röhrt: "Die lieben euch jetzt, die lieben euch alle!" Die 60 Liter Wein sind schon lange ausgetrunken, aber die Gastgeber lassen sich nicht lumpen und fahren weiter auf.
Wie wir vollzählig wieder ins Hotel Sakartvelo kommen, warum in einem der Damenzimmer morgens ein hochrangiges Hamburger PARTEI-Mitglied betrunken mit heruntergelassenen Hosen auf der Toilette schläft und nicht einmal erwacht, als im Nebenzimmer einem Wahlkampfleiter das komplette Waschbecken auf die Bodenkacheln kracht und nicht eben geräuscharm in 1000 Teile zersplittert, ist bis heute nicht restlos geklärt.
Martin Sonneborn liest aus seinem Buch am 24. Februar, Babylon Mitte, Berlin, Beginn: 20 Uhr
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