Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Die Glasfassade sieht aus, als habe ein Riese kräftig mit der Faust hineingeschlagen. In der Mitte klafft ein gigantisches trichterförmiges Loch. Über Schönheit lässt sich streiten, doch auffällig ist der Shopping-Tempel allemal - der Riesen-Trichter des MyZeil in Frankfurt am Main zieht die Blicke der vorbeieilenden Passanten an.
Schon der Bau geriet zum Spektakel. Gigantische Kräne setzten die Außenhülle der neuen Mall aus Tausenden dreieckigen und rautenförmigen Einzelscheiben zusammen - so wollte es der gewagte Entwurf des italienischen Stararchitekten Massimiliano Fuksas. In der Praxis bedeutete das langwierige Millimeterarbeit. Selbst in der eisigsten Kälte dieses Winters bildeten sich Trauben von Menschen, die das Schauspiel beobachteten.
Michael Flesch, Geschäftsführer des Projektentwicklers MAB Development Deutschland, ist sich sicher: Die Faszination wird noch wachsen, wenn sich am Donnerstag erstmals die Tore des Glasquaders öffnen und die Passanten in sein Inneres blicken dürfen.
Flesch ist ein Mann mit silbernem Haar und langer schmaler Nase, er erinnert ein wenig an den Schauspieler Sky du Mont, und etwaige Zweifel am MyZeil wischt er mit knappen Manager-Slogans beiseite: "Lage, Lage, Lage", heißt einer davon. Flesch spricht auch gern von der "extremen urbanen Qualität" des Fuksas-Baus und des sogenannten "PalaisQuartiers" überhaupt. Neben der Mall gehören zwei neue, schnittige Hochhaustürme für ein Hotel und Büros zu dem Projekt, sowie das wiederaufgebaute barocke Thurn und Taxis Palais. Eine Milliarde Euro haben sich die Investoren die Gestaltung des Areals kosten lassen, das dieses Jahr fertig werden soll.
Mit den oft erschreckend abstoßenden Mega-Shoppingzentren, die in Deutschland derzeit zu Dutzenden aus dem Boden schießen, hat das MyZeil denkbar wenig gemein. Dem Frankfurter Architekturprofessor Thorsten Bürklin ist der Bau zwar zu schwer geraten, die Idee mit dem Trichter findet er "oberflächlich" - allerdings sei das Kritik auf hohem Niveau. Der Vergleich mit anderen Malls sei "wie der zwischen Bundes- und Verbandsliga".
So klar die Fassade gestaltet ist, so unwirklich und verwirrend wirkt der Innenraum des Baus. Der gläserne Trichter zieht sich durch das Haus wie ein gigantischer Wasserstrudel. Die Rolltreppen führen durch unregelmäßige, ellipsenähnliche Auslassungen in die oberen Galerien, die sich in Wellenbewegungen durch das Haus ziehen. An den hellen Decke schlängelt sich ein schmaler, roter Lichtstreifen entlang. Über der vierten Etage biegt und beugt sich das gläserne Dach, als stünde man unter der Meeresoberfläche. An einer Seite türmt sich noch ein riesiges silbriges Gebilde auf, in das bald eine "Skybar" einziehen soll.
"Eventisierung des Einkaufens"
Alles scheint in Bewegung zu sein, fast ist man dankbar, wenn das Auge Halt findet an Schaufensterpuppen und gewohnten Labels hinter den gläsernen Ladentüren. O2, s.Oliver und Saturn haben sich eingemietet - aber auch Marken, die es bislang in Frankfurt gar nicht gab, wie man bei MAB Development beteuert. Columbia Sportswear nennt Marketing-Direktor Steffen Höhn als Beispiel, oder den italienischen Strickwarenhersteller Glenfield. "Wir wollen nicht die Zeil kopieren", sagt Höhn. Das MyZeil erweitere "die Angebotsbreite" der Einkaufsmeile vielmehr, locke neue Kundschaft in die Innenstadt."
Höhn betont das sehr, denn er kennt die Vorwürfe, die großen Shopping Malls gemacht werden, allzu gut. Einkaufstempel saugen die Menschen von den Straßen - weil sie alles haben, was man zum Leben braucht: Restaurants, Kinos und Sportzentren - und ein umfassendes Ladenangebot. Die Innenstädte veröden so, die Einzelhändler in den traditionellen Einkaufsstraßen sind den mächtigen Gegnern unterlegen, die mit riesigen Parkmöglichkeiten und langen Öffnungszeiten punkten. Besonders schlimm ist es, wenn die Einkaufsparadiese fern von den Stadtzentren auf die grüne Wiese gesetzt werden.
Auch Frankfurt und vor allem die Gemeinden um die Stadt herum leiden unter derartiger Konkurrenz, etwa der des Main-Taunus-Zentrums, das Tausende kostenlose Parkplätze bietet und die halbe Woche lang bis 22 Uhr geöffnet ist. "In Höchst ist die ganze Innenstadt kaputtgegangen", sagt Architektur-Professor Bürklin.
Der Boom der Malls, die laut Bürklin wegen "der Eventisierung des Einkaufens" so viel Erfolg haben, führt zu skurrilen Erscheinungen. Die Gemeinde Dreieichenhain etwa fing vor einigen Jahren an, ihre pittoreske mittelalterliche Innenstadt mit den unzähligen Fachwerkhäuschen als "Freilicht Einkaufszentrum" zu vermarkten - um zu verdeutlichen, welche Shopping-Möglichkeiten es dort auf relativ kleiner Fläche gibt.
Das MyZeil steht den Kolossen außerhalb der Stadtgrenzen nicht nach, es bietet hundert Läden rund 77.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, es hat "die größte innerstädtische Tiefgarage" des Landes, wie Manager Flesch betont, ein riesiges Fitnesscenter mit Schwimmbad, Restaurants, Bars und ein Kinderparadies. Eine Stadt in der Stadt - in der schillernden Kulisse der Fuksas-Architektur. Ein bisschen wirkt es, als hätte der Italiener dem Erfolgskonzept der Malls ein Denkmal gesetzt.
Tote Straßen
Architektur-Professor Bürklin mag solche Riesen-Einkaufszentren nicht besonders. Ihn stört vor allem, dass die künstlichen Einkaufswelten mit ihren Bars und Plätzen den Eindruck öffentlicher Räume simulieren - aber privat kontrolliert sind. "Es gibt Hausordnungen und Sicherheitsdienste", sagt der Städtebau-Experte. Bestimmte Teile der Bevölkerung würden aller Wahrscheinlichkeit nach ausgeschlossen, "etwa Straßenmusiker und Obdachlose." Sogar einige seiner Studenten seien einmal in einer Mall aufgegriffen worden - weil sie Fotos für ein Seminar schossen und den Sicherheitsleuten verdächtig erschienen.
Trotzdem weiß auch Bürklin: "Der große Einzelhandel ist ein Trend." Also sollte man versuchen, ihn positiv zu nutzen. So könnte das MyZeil der Frankfurter Innenstadt durchaus auch Kunden zurückbringen, die in den vergangenen Jahren verloren gegangen sind, glaubt Bürklin.
Trotzdem bleibt die Frage: Ziehen die Besucher der Skybar in der Shopping-Mall abends nach einem Drink weiter in die Stadt - oder bleiben sie lieber im Innern der gläsernen Welt und schauen auf die toten Straßen vor der Scheibe? Profitieren tagsüber Deichmann gegenüber des MyZeil, H&M oder der benachbarte Karstadt von dem Menschenauftrieb um das neue Haus - oder wandern deren Stammkunden auch in den Glaspalast ab? Ein Alptraum angesichts der Wirtschaftskrise, die den Konsum ohnehin kräftig dämpfen wird.
Mall-Macher Flesch will sich mit solchen Szenarien nicht aufhalten. Die Zeil sei eine "der Highstreets in Europa", sagt er. Und klingt dabei, als sei er sicher, dass die Krise deswegen auch an seinem Einkaufszentrum folgenlos vorbeiziehen wird.
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Könnten Sie DAS bitte mit einem Beispiel belegen? Was meinen Sie jetzt? Daß NIVEA etwa schon eigene Flagship-Stores eröffnet hat, in denen der (meist weiblichen) Kundschaft die Pflegeprodukte ausprobiert werden können? [...] mehr...
Wünscht der Kunde eine Pauschalreise (eine Woche Ballermann VP zu max. 350,- incl. Flug) wäre es ja auch wenig hilfreich, wenn die kompetente Reiseverkehrskauffrau ihm vorschwärmte, welche Freude eine individuell vorbereitete [...] mehr...
Die Sortimentsbreite stellt sich erfahrungsgemäß als kapitalbindendes Problem des altmodischen, inhabergeführten Einzelhandelsgeschäftes heraus: UMSATZ erzielen bekanntlich Discounter und "Fachmärkte", wo dem Kunden [...] mehr...
...aha. Daß allerdings das CentrO in das City-Centrum zurückkehrt, habe ich noch nirgendwo gelesen. Gleichwohl gräbt das CentrO - der Vorhof zur Lärmhölle - dem Oberhausener Einzelhandel ein wenig das "Wasser" [...] mehr...
Sorry wenn ich mich ein wenig dämlich ausgedrückt habe. Es wurde in einem Beitrag moniert , das Bekleidungsketten nur noch Normmaße und Modelgrößen führen. Das würde für mich bedeuten , das die Mega Einkaufszentren und [...] mehr...
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