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05.03.2009
 

Neues Museum in Berlin

Ein Wunder für Nofretete

Von Ulrike Knöfel

Ein Glücksfall für die historische Mitte der Hauptstadt: Das Neue Museum hätte leicht zum Repräsentationsbau glattsaniert werden können. Architekt David Chipperfield hat sich anders entschieden - und die Narben der Vergangenheit konserviert.

Er ist Brite, darf aber als der derzeit wichtigste Architekt Deutschlands gelten. Immerhin hat David Chipperfield einem eminent wichtigen und imposanten Bau seine Würde zurückgegeben: Gut zehn Jahre lang hat er an der Sanierung des mehr als 150 Jahre alten "Neuen Museums" gearbeitet - das viele aber nur noch als Ruine kannten. Zehn Jahre, in denen sich das Projekt zu einer der umstrittensten Baustellen der Republik entwickelte.



Die Skepsis verwandelte sich erst kurz vor der Vollendung in Begeisterung. Das Lob ist angemessen. Chipperfield, 55, lässt in einer spannungsgeladenen Architektur Vergangenheit und Gegenwart aufeinander treffen. Er scheut keine dramatischen Brüche und damit interpretiert er im Grunde die ganze historische Mitte der Hauptstadt auf angemessene Weise neu. So mutig wäre kaum ein anderer Architekt der Gegenwart gewesen.

Nun ist das Gebäude bereit zur Übergabe, und heute wird der Schlüssel an den obersten Hausherrn, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz überreicht. Zuvor hat sich Chipperfield eine Woche lang von dem Bau verabschiedet, hat Freunde aus aller Welt empfangen, sie durch die Säle geführt, hat abends mit ihnen gefeiert - und immer wieder von der Herausforderung namens Neues Museum gesprochen. Das alles sei ein riesiges Experiment gewesen, sagt er, selbst über Details habe man über ein Jahr diskutiert.

Interpretation statt Rekonstruktion

In Zeiten, in denen fast reflexhaft die dekorative, originalgetreue Rekonstruktion alter Bauten gefordert wird, hat sich der Brite ganz anders entschieden. Er konservierte viele Narben der Vergangenheit, statt sie zu übertünchen, aber er blieb dabei diskret, vermied jegliche Inszenierung des Makels.

Das streng klassizistische, mehr als 20.000 Quadratmeter große Gebäude stammt von dem bedeutenden Baumeister Friedrich August Stüler, es war im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden. Während der DDR-Jahrzehnte wurde der weitere Verfall kaum aufgehalten.

Und jetzt, nach der 200 Millionen Euro teuren Erneuerung? Wie viel Stüler ist nach den Eingriffen Chipperfields noch erhalten? So viel, wie die Geschichte eben zugelassen hat. Man täuscht nichts anderes vor. Chipperfields Einstellung: "Man kann nicht so tun, als sei nichts geschehen."

Die Besucher können heute erkennen, an welchen Stellen Säulen und Steinböden ergänzt wurden, sie können die Einschusslöcher aus den letzten Tagen des Krieges sehen, als die Rote Armee diesen Teil der Stadt eroberte. Dass viele Wandgemälde nur noch als Fragmente erhalten sind - auch diesen gebrochenen Zustand hat Chipperfield selbstbewusst erhalten. Im völlig zerstörten Eingangsbereich hat er eine kolossale Treppenanlage in alten Maßen und im radikal-modernen Stil errichtet.

Das Museum als Kunstobjekt

Es lässt sich noch ausreichend Prunk, noch jede Menge historische Opulenz in der Ausstattung bewundern. Aber da, wo vom Original nichts mehr vorhanden war, auch viel monumentalen Beton, außerdem ein fast mystisch erscheinendes Kabinett aus Bronze und eine Wand, für die er Ziegel von Berliner Abrisshäusern aufschichten ließ. Er habe für jeden Raum eine eigene Antwort finden müssen, sagt Chipperfield. "Es gab so viele Entscheidungen zu treffen."

Sein Neues Museum ist zum anspruchsvollen, mitreißenden Kunstobjekt geworden, das nun aber auch als Rahmen für ähnlich aufregende Exponate funktionieren muss. Schließlich ziehen hier erst noch die Sammlungen der Museen für ägyptische Kunst sowie für Vor- und Frühgeschichte ein. Eine Königin mitten in diesem architektonischen Wunder wird die Büste der Nofretete sein.

Im Oktober wird das Museum nach 70 Jahren wiedereröffnet. Es bleibt abzuwarten, wie sich Architektur und Inhalt vertragen, beide haben ihre eigenen Geschichten. Beide haben also viel zu erzählen.

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