Von Peer Schader
Die Suche kann eingestellt werden. Deutschland hat seinen Superstar eigentlich schon gefunden.
Das kommt ein bisschen überraschend - immerhin ist es diesmal kein Schönling, kein Rocker und auch kein hessisch babbelnder Schmusesänger. Es ist ja bloß: Holger Göpfert.
Aber wer den noch nicht auf der Bühne gesehen hat, hat etwas verpasst. Am Samstagabend wirbelte der Würzburger in der ersten Mottoshow von "Deutschland sucht den Superstar" zu Freddie Mercurys "Great Pretender" im Silberanzug über die Bühne, als würde er permanent auf heiße Herdplatten fassen. "Joe Cocker auf Speed" hat ihn die Jury wegen seiner zappeligen Auftritte schon getauft. Der Mann stand in den Castings mit Jürgen-von-der-Lippe-Gedächtnishemd noch schüchtern hinter seinem mitgebrachten Keyboard und brachte kaum einen Ton heraus, wenn er was gefragt wurde - jetzt aber hämmert er aufs Klavier ein, als wäre er bei Jerry Lee Lewis in die Lehre gegangen.
Unfassbar, was so ein paar Wochen Fernsehen aus einem Menschen herausholen können. Oder: beängstigend.
Das Publikum ist völlig aus dem Häuschen, wenn Göpfert auf die Bühne kommt - und deshalb versucht er sich jetzt mit jeder weiteren Show noch zu steigern (was noch zum Problem werden könnte). "Das hatte was von 'nem afrikanischen Paarungstanz", urteilte Juror Dieter Bohlen, der Göpfert durch die ersten "DSDS"-Runden gescheucht hat, auch als der schon kurz davor war, aufzugeben. "Holger, du bist 'DSDS' - 100 Prozent", findet Bohlen jetzt.
Eine Schicksalsgeschichte wäre auch noch schön
Das sagt viel über die Show, die am Anfang mal Deutschlands beste Sänger suchen wollte - und Leute wie Alexander Klaws fand. Der hat es zwar anschließend zu einer kleinen Musikkarriere gebracht und spielt jetzt in der Sat.1-Telenovela "Anna und die Liebe" (was ja eigentlich die falsche Reihenfolge ist), aber spätestens seit Mark Medlock ist klar: Deutschland will nicht bloß gute Sänger sehen, sondern auch interessante Typen.
Während RTL die "DSDS"-Castings zur Comedy-Veranstaltung umgebaut hat, in der die miesesten Sänger vorgeführt werden, sind die Liveshows der Versuch, das Publikum wieder für Kandidaten zu interessieren. Nicht nur, indem die ihre beste Gesangsleistung abrufen, sondern auch, indem sie das Fernsehen ein Stückchen in ihr Leben hineinschauen lassen. Präsenz, Unterscheidbarkeit, das zählt neben der guten Stimme, und wenn möglich ein persönliches Schicksal, das sich prima im Fernsehen erzählen lässt.
Da gibt es das Mädchen, das keinen Kontakt mehr zum Vater hat und ihm jetzt beweisen will, was er verpasst. Den gutaussehenden Typen, der mit seiner ersten Boyband gescheitert ist und es jetzt noch einmal solo probieren will. Einen, der in der Schule gehänselt und herumgeschubst wurde und jetzt den Ehrgeiz hat, es auf der Bühne allen zu zeigen. Und das Mädchen, das schon seit ihrer Kindheit unter starkem Rheuma leidet, aber alles gibt, um ihren Traum zu verwirklichen.
Kandidatin Cornelia kam sich da am Samstag schon ganz einsam vor. Sie schäme sich fast, dass sie keine bewegende Familiengeschichte zu erzählen habe, sagte sie. Ihre Eltern hätten sie einfach immer unterstützt, es sei alles in Ordnung bei ihr, und sie wolle sich jetzt auch nichts dazudichten.
Muss sie aber auch gar nicht. Denn für "DSDS" reicht es völlig, dass sie die Frau ist, die immer mit Harfe auftritt und am Samstagabend eine beeindruckende Version von Duffys "Mercy" vortrug.
Sieg über die "Wok-WM"
Die Show ist offener gegenüber Typen geworden, die in früheren Staffeln keine Chance gehabt hätten - weil die Macher gemerkt haben, dass sich Charaktere mit Eigenarten viel besser vermarkten lassen als Milchgesichter. Das sichert der Show einen gewaltigen Vorteil gegenüber der Konkurrenz auf anderen Sendern, die sich der Weiterentwicklung ihrer Formate auffällig verweigern.
Auf ProSieben sauste am Samstagabend Stefan Raab wieder für seine "Wok-WM" in der Chinapfanne den Eiskanal herunter - erstmals als "Dauerwerbesendung" gekennzeichnet, weil ein Gericht dem Berliner Sender sonst verboten hätte, die Veranstaltung weiterhin mit unerlaubten Sponsorenhinweisen zu zersetzen. Die "Wok-WM" hatte nur halb so viele Zuschauer wie "DSDS". Das könnte zum einen daran gelegen haben, dass auch die Zuschauer die viele Werbung im Programm langsam satt haben. Zum anderen aber daran, dass es halt doch auf Dauer ziemlich öde ist, einen Promi nach dem nächsten die Bobbahn hinabflitzen zu sehen, während sich "DSDS" parallel um die größtmögliche Abwechslung bemüht.
Wer Drama will, wird dort bedient. Wer Schicksal will, kommt auf seine Kosten. Und wer sehen mag, wie aufwendig Bühnentechnik und Kamerafahrten sein können, wenn das deutsche Fernsehen mal richtig ranklotzt, wird in den kommenden Wochen auf RTL bestens versorgt.
"Los, alle auf's Klo jetzt!"
Nur eines will RTL bei "DSDS" partout nicht ändern: die quälend langen Entscheidungsshows, in denen Marco Schreyl die Bekanntgabe des Kandidaten, der die Show in dieser Woche verlassen muss, ins Unendliche hinauszögert. In der ersten Mottoshow traf es ausgerechnet Michelle aus Bayern, die für eine freiwillige Aussteigerin nachgerückt war.
Schreyl unternimmt allerdings gerade einiges, um zumindest in der übrigen Zeit nicht mehr der langweilige "DSDS"-Moderator sein zu müssen, über den Bohlen in der vergangenen Staffel giftete, er sei ja hier fürs Schleimen zuständig. Er singt Marianne Rosenberg mit dem Publikum, provoziert Bohlen ("Karl Lagerfeld von Tötensen"), fordert die Zuschauer zu Hause mit aufgerissenen Augen zum Anrufen auf und bestimmt vor der Werbepause: "Los, alle auf's Klo jetzt!" Das ist nicht der Marco Schreyl, den wir kennen. Aber besser als die sprechende Schaufensterpuppe, die bisher auf der Bühne stand.
Ein bisschen Show muss bei "DSDS" eben auch der Moderator können. Jetzt erst recht.
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