• Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.03.2009
 

Banlieue-Fotograf Bourouissa

Gangs of Paris

Von Staatsfeinden zu Stars: Die rebellierenden Jugendlichen aus den Pariser Vororten erobern jetzt Galerien und Museen - als Hauptdarsteller des Fotografen Mohamed Bourouissa. Im Interview mit seen.by spricht der junge Künstler über seine Arbeit am Boden der Gesellschaft.

Junge Männer in Trainingsanzügen lungern in den Gängen grauer Betonbauten herum, ein halbnackter Afrikaner wird in einer Wohnung verhaftet, zwei Jugendgangs treffen auf einem Parkdeck aufeinander - alltägliche Szenen in französischen Großstadt-Vororten. Der algerisch-französische Fotograf Mohamed Bourouissa machte sich auf in die Banlieues Frankreichs. Daraus entstand von 2004 bis 2008 seine Fotoserie "Périphéries", die nach Ausstellungen in Frankreich, Polen, den Niederlanden und Großbritannien nun nach Finnland, Brasilien und in die Schweiz tourt.

Was auf den ersten Blick eher wie eine Reportage anmutet, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als kunstvolle Inszenierung alltäglicher Situationen. Bourouissa beobachtet genau. Er studiert das Verhalten seiner jugendlichen Protagonisten, ihre Körpersprache. Er entwirft Skizzen, arbeitet Szenen heraus und komponiert dann seine Bilder, die manchmal an alte Gemälde erinnern. In seinen Motiven greift er Klischees auf, distanziert sich aber zugleich von ihnen: Er lädt die Fotografien mit einer subtilen Spannung auf, die sich über Gesten und Blicke der Protagonisten vermittelt, und bettet diese sorgfältig in den sie umgebenden Raum ein.

Seen.by sprach mit Mohamed Bourouissa über seine Arbeit.

Frage: Was interessiert Sie an den Banlieues?

Antwort: Ich komme selbst aus einer Banlieue, viele Leute um mich herum ebenfalls. Dort kristallisieren sich sehr stark die Identitätsprobleme der Zuwanderer und damit verbundene politische Konflikte heraus. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich das Thema gewählt habe. In der Geschichte wurden Arbeiterviertel meist soziologisch oder dokumentarisch dargestellt. Ich versuche das jetzt auf künstlerische Weise.

Frage: Wie sind Sie vorgegangen?

Antwort: Ich versuche Gegenstände oder Situationen aus der Wirklichkeit in Kunstobjekte umzuwandeln, indem ich ihre anfänglichen Erscheinungsformen überwinde. Ich stütze mich auf eine Kunstform, die man als "emotionale Geometrie" bezeichnen kann. Darunter verstehe ich zwei grundlegende Aspekte meiner Arbeit: Komposition sowie die Inszenierung von Spannung durch das Spiel von Blicken und Kräfteverhältnissen im Bild.

Frage: Wann sind Sie mit einem Bild zufrieden?

Antwort: Ein gelungenes Bild muss Zeit überdauern können. Bevor ich sie ausstelle, lasse ich Fotografien deshalb mehrere Monate in meinem Atelier hängen, um sie so dem Test von Zeit und Gefühl zu unterziehen. Die Bilder müssen reifen und standhalten. Ich prüfe, ob ein Bild stimmig ist, mehrdeutig und ausdrucksstark, sowohl auf der Ebene der Komposition als auch auf der des Inhalts. Für "Périphéries" habe ich letztendlich nur 25 Bilder ausgewählt, obwohl ich ursprünglich 30 gemacht habe.

Frage: Wie haben Sie mit den Jugendlichen gearbeitet?

Antwort: Die meisten Leute kenne ich. Der erste Kontakt entsteht oft über Bekannte. So treffe ich andere Leute, mit denen ich dann Zeit verbringe, damit sie mich akzeptieren. Ich zeige ihnen meine ersten Bilder, analysiere sie daheim. Dann entwerfe ich Szenen, das heißt, ich zeichne sie vor. Je nachdem wie viele Darsteller mir zur Verfügung stehen, stelle ich mit zwei oder drei Leuten die Situation an einem beliebigen Ort nach. Erst danach kehre ich an die eigentlichen Handlungsorte zurück und bitte die Leute, eine Szene nachzuspielen. Gelegentlich kann es auch passieren, dass von den Darstellern vorgeschlagene Gesten besser sind als in meinem Entwurf. Man muss immer offen sein für Improvisation.

Frage: In welchem Verhältnis stehen die kompositorische Harmonie und das konfliktgeladene Thema?

Antwort: Das Gleichgewicht entsteht aus dem sehr subtilen Verhältnis von reellem Hintergrund und der Gestaltung. Jede Geste oder Begebenheit im Bild muss Sinn machen im Zusammenhang mit dem fotografierten Raum.

Frage: Ihre Bilder sind teilweise komponiert wie alte Gemälde. Woher kommt dieser Einfluss?

Antwort: Von meinem Studium der Kunstgeschichte an der Universität. Aber auch daher, dass ich während meiner Ausbildung Zeichnung und Malerei studiert habe.

Frage: Welche anderen Künstler sind für Sie oder Ihre Arbeiten von besonderer Bedeutung?

Antwort: Nicht unbedingt nur Fotografen, auch wenn ich mich von den Werken von Philip-Lorca DiCorcia, Alberto Garcia Alix oder Paul Pouvreau, von den Bechers oder Thomas Ruff angeregt fühle. Meine Arbeit wird hauptsächlich von zwei Strömungen beeinflusst. Einerseits von der inszenierten Fotografie, und noch stärker konzeptionell arbeitend, der Schule um Jeff Wall; andererseits von Leuten, bei denen das Menschliche im Mittelpunkt steht, wie bei Nan Goldin oder Alberto Garcia Alix. Ich versuche, beides zu vereinen, indem ich die enge Beziehung zu den Leuten mit Inszenierungen verbinde, die ja Distanz schaffen. Ich mag auch Künstler, die sich Installationen widmen, wie Claude Lévêque oder Kader Attia, mit dem ich gearbeitet habe.

Frage: Welches Bild aus der Serie bedeutet Ihnen am meisten?

Antwort: Für mich sind alle gleich wichtig. Ich denke, dass jedes Bild seine besondere Bedeutung hat und einen besonderen Zustand herauskristallisiert. "La fenêtre" (Das Fenster) ist eines der ersten Bilder, die ich gemacht habe, mir fällt aber auch das Motiv "Carrée rouge" (rotes Rechteck) ein, das sehr plastisch wirkt, weil es drei Räume umschließt.

Frage: Woran arbeiten Sie derzeit?

Antwort: Ich beende gerade noch eine Arbeit über den französischen Knast. Auch hier geht es um Inszenierungen, die jedoch mit und über Foto-Handys im Gefängnis gemacht wurden. Ich erhielt Aufnahmen, die ich überarbeitete und per Telefon zurück ins Gefängnis schickte. Ich gab den Inhaftierten Anweisungen, eine Art Aufgabenheft. Diese Arbeit beruht auf Austausch und war über die Distanz nur sehr schwer herzustellen. Das Vorhaben wurde aber so gut angenommen, dass es die Institutionen nicht kontrolliert haben.

Das Interview führte Anna Wander von seen.by

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 2 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.03.2009 von Diomedes: Ein sozialromantisches Steckenpferd...

Man könnte nun darüber sinnieren, warum gewisse Kreise der so genannten Avantgarde so großen Gefallen an den Nebenprodukten jener gefährlichen politischen Torheit, welche die Einwanderungs- und Asylpolitik der letzten Jahrzehnte [...] mehr...

09.03.2009 von lalito: Erinnerungswert

Hatte die Fotos schon bei seen.by fasziniert betrachtet. Der Gedanke einer Inszenierung wurde von Foto zu Foto deutlicher. Klasse Arbeit. Erst beim Durchschauen der Fotos in der Fotogalerie des Artikels wurde der unglaublich [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP