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12.03.2009
 

Amoklauf in Winnenden

Der Täter darf nicht das letzte Wort haben

Von Daniel Haas

Der Mörder hat über seinen Tod hinaus Macht: Mit seinem Amoklauf in Winnenden hat Tim K. viele Lebensgeschichten gezeichnet. Wie wir über die Katastrophe in Zukunft sprechen, wird bestimmen, wie stark der Bann ist, den er über die Öffentlichkeit verhängt hat.

Wenn der Schmerz zu groß, der Schock zu gewaltig, die Ohnmacht einfach nur umfassend ist, gibt es doch diesen einen Ankerpunkt: die Frage nach dem Warum. Warum konnte ein Verbrechen wie Tim K.s Amoklauf passieren?



Diese Frage fächert sich in viele weitere auf: Hätte man es ahnen können? Haben die Eltern etwas übersehen? Haben die Lehrer etwas versäumt? 15 Menschen sind gestorben: Diese Fragen nicht zu stellen, hieße, ihren Tod für sinnlos zu halten. Eine sinnlose Katastrophe aber ist unerträglich, ein Zynismus des Schicksals.

Die Hinterbliebenen, die Ermittler, die Zeugen und mit ihnen die Öffentlichkeit haben das Recht und die Pflicht, eine Geschichte hinter der Tat zu rekonstruieren, einen Sinnzusammenhang. Er könnte die Grundlage sein für weitere Schritte der Trauer, der Prävention, der Anklage und Verteidigung. Wie sehr ist es vor allen den Angehörigen der Opfer zu wünschen, dass es eine Erzählung zu dieser ungeheuren Tat geben kann, deren Fazit nicht nur ist: Es war ein unerklärbarer Wahnsinn.

Könnte man das Verbrechen von Winnenden als einen sinnvollen Text formulieren, der eine Dramaturgie kennt, einen Konflikt, der sich bezeichnen lässt, dann wäre viel gewonnen. Die Leidtragenden wären nicht mehr total dem Grauen ausgeliefert.

In ihrem Verständnis des Geschehens läge ein Stück Selbstermächtigung, das dem Täter den Rang eines allmächtigen Zerstörers aberkennt, der über alle zeitlichen und logischen Grenzen hinaus Schrecken verbreiten kann.

Aber wie viel mehr Macht hat Tim K. als Autor der Katastrophe. Jeder der Getöteten lässt Freunde, Verwandte, geliebte Menschen zurück. Die Traumatisierung findet in einer verheerenden Potenzierung statt. Der Mörder hat sich in diese Leben eingeschrieben; seine Tat hat die Kraft, Biografien umzulenken, sie mit der Spur maßloser Gewalt und Angst zu durchkreuzen. Kann man sich drastischer in den Lebenserzählungen anderer fortsetzen?

Der Amoklauf von Winnenden hat den öffentlichen Raum zur Angstzone gemacht: So wie der Inzest in Amstetten das Verbrechen auf einen einzigen Punkt, die Unterkellerung eines Hauses, zusammenzog und die Intimität der Familie in den Schatten der Perversion hüllte, so hat der Schütze Tim K. die Gewalt über den Raum verteilt. Winnenden ist so gesehen der topografische Negativzwilling von Amstetten.

In Konzentration und Ausweitung der Gewalt liegt eine Verstörung, die ebenfalls in Geschichten gebändigt werden muss. Es sind dies - teilweise und in abstrakterer Form - auch unsere Gesetzestexte. Sie koordinieren Verbrechen mit den Kategorien von Sühne und Strafe. Der Killer von Winnenden hat sich jedoch auch dieser Fortsetzung des Dramas entzogen. Wie ein Selbstmordattentäter ist er immun gegen das zivilisatorische Korrektiv der Rechenschaft.

"Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar naheliegenden Erklärungen", sagte Johannes Rau in seiner Gedenkrede für die Opfer des Mordanschlags von Erfurt im Jahr 2002. "Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie - letzten Endes - auch nie völlig erklären können."

Es liegt eine große Redlichkeit und Tapferkeit in dieser Haltung. Trost aus ihr beziehen lässt sich jedoch nur, wenn dieses Unverständnis Beginn einer neuen Erzählung werden kann. In ihr müssten sich sich die Ratlosigkeit, die Angst und vor allem der Zorn artikulieren, der den vielen betroffenen Leben als Motiv eingebrannt ist wie ein schreckliches Zeichen.

Mit der Rekonstruktion von Schussbahnen und Täterwegen hätte diese neue Erzählung weniger zu tun als mit dem diffusen Nachzeichnen von Gefühlen und Gedanken. Federführend sollten dabei die Betroffenen selber sein, sofern sie dies wünschen. Die Medien wären - wenn überhaupt - eher Zuhörer als Lautsprecher, eher Aufzeichnungs- als Verlautbarungsorgan.

Denn der Täter darf nicht das letzte Wort behalten - vor allem nicht in Form des populistischen Meinungsrauschens, das auf schnelle Schuldzuweisungen drängt.

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