Von Marc Pitzke, New York
Jay Leno ist selten nervös. Doch da steht er nun, in seiner bunten Show-Kulisse, der Talkmaster aller Talkmaster, wechselt das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und grinst wie ein aufgeregter Schuljunge. "Ich hoffe, meine Gemeinschaftskundelehrerin guckt zu", sagt er. "Das ist ja ziemlich cool."
Damit meint Leno natürlich seinen einzigen Talkgast des Abends. Der, berichtet er, sei mit großem Gefolge angerauscht. Trotzdem: "Nicht so viele Leute, wie Mariah Carey mitbrachte."
Kalauer zum Auftakt eines medienhistorischen Ereignisses: Erstmals in der Geschichte des US-Fernsehens tritt ein amtierender Präsident in einer Late-Night-Show auf. Barack Obama hat sich bei Lenos "Tonight Show" angesagt, der Quoten-Queen der Quasselshows. Da hat sich selbst Studio-Bandleader Kevin Eubanks in den Anzug geworfen, auch das eine Premiere.
Die Story ist schon eine Story, bevor sie passiert. Den ganzen Tag über "analysieren" die "Experten" der Kabelsender das bevorstehende TV-Event, debattieren den Wert dieses spätabendlichen Techtelmechtels von Politik und Entertainment.
Der Präsidentenhistoriker Michel Beschloss wird herangezogen, um den Talk-Exkurs mit Franklin Delano Roosevelts "Fireside Chats" zu vergleichen, jenen Radioansprachen an die zweifelnde Kriegsnation. Kritiker nörgeln, ob Obama denn nichts Besseres zu tun habe: "Ich rate ihm, dass er schnell zurückkommt", grummelt der republikanische Senator Jon Kyl.
Die Reporter, die bei der Aufzeichnung dabei sind, tickern ihre Beobachtungen sofort atemlos weiter: "Blauer Anzug, rote Krawatte, weißes Hemd, mit Flaggenanstecker am Revers", meldet zum Beispiel Edward Wyatt auf dem Polit-Blog der "New York Times", noch bevor die Sendung ausgestrahlt ist. "Das rechte Bein über das linke geschlagen." Selbst das "Wall Street Journal" stellt ein Transkript des 50-minütigen Interviews ins Internet.
Denn auch 59 Tage nach seiner Vereidigung ist Obama weiter ein Superstar, zumindest für die Leute draußen im Lande. In Washington dagegen sieht das anders aus - da sind die Flitterwochen längst vorbei. Vielleicht deshalb zieht es Obama immer häufiger in die Provinz zurück, als trauere er alten Wahlkampftagen hinterher. "Ich hab noch niemanden so oft auf Tournee gehen sehen seit 'My Fair Lady'", witzelt MSNBC-Anchorman Chris Matthews.
Seit zwei Tagen ist Obama in Kalifornien unterwegs, um zu tun, was er am besten kann: Politik dem Volk direkt zu verkaufen, mit Bürgersprechstunden und Werksrundgängen und ohne Querschüsse von politischen Gegnern oder quengelnden Reportern. Am Nachmittag hat er die wohlwollenden Fragen des Publikums in Costa Mesa genossen, gekrönt vom putzigen Auftritt eines Drittklässlers in Hemd und Schlips. Ein Abstecher in die NBC-Studios in Burbank ist da nur die logische Konsequenz.
Dort trommeln die Gäste sonst für ihren neuen Film, ihr neues Buch, ihre nächste Serie. Obama trommelt für sein nächstes Konjunkturpaket, das er durch den renitenten Kongress prügeln muss. Mehr noch trommelt er für sich selbst - für Geduld und Vertrauen nach diesen vergangenen Wochen und vor allem Tagen, die nicht gerade nach Wunsch verliefen.
Dass dies knallharte Politik ist, wird schnell klar. Die übliche heiße Luft, die Lenos Show füllt, ist nach Minuten verbraucht. Nur kurz juxt Obama über sein "Leben in der Blase" seit Amtsantritt: Der Secret Service habe ihm am Nachmittag nicht mal erlaubt, die paar Meter vom Hubschrauber zur Veranstaltungshalle zu Fuß zu gehen. Nur den Rückweg habe er laufen dürfen, "aber der Arzt läuft da gleich hinter mir her, mit dem Defibrillator in der Hand".
Dann geht's schon ans Eingemachte. Leno mimt den Stichwortgeber, Notizen - auch das ein Novum - auf großen Zetteln vor sich liegend. Dabei macht er letztendlich aber eine bessere Figur als ein geföhnter Journalist wie Wolf Blitzer von CNN mit seinen Softball-Fragen.
Für Leno, seit 1995 Quotensieger, ist es ein ironischer Abschieds-Coup: Er tritt seinen Late-Night-Thron im Mai an Conan O'Brien ab, der bisher nach ihm kam und jetzt seinerseits von Jimmy Fallon beerbt wurde, einem Star der NBC-Sketchshow "Saturday Night Live".
Obama bittet, wie schon so oft in den vergangenen Wochen, um Geduld. "Wir haben eine Weile gebraucht, um in diesen Schlamassel zu geraten. Wir werden eine Weile brauchen, um da wieder herauszukommen." Ein Kartenhaus sei kollabiert: "Rund 40 Prozent unseres gesamten Wachstums war im Finanzsektor. Jetzt merken wir, dass vieles an dem Wachstum nicht real war. Es war Papiergeld."
Erneut nutzt Obama die TV-Bühne, um den Bonusskandal beim wankenden Versicherer AIG anzuprangern. Die US-Regierung werde alles in ihrer Macht tun, "um diese Boni zurückzubekommen". Prompt bringt Leno das Gesetz zur Sprache, mit dem das US-Repräsentantenhaus diesen Prämien am Donnerstag eine 90-prozentige Strafsteuer aufgebrummt hat: "So was macht mir Angst."
Obama windet sich: Nein, solche drakonischen Maßnahmen mag er wohl auch nicht - zumal ein derart selektives Gesetz nach seiner Ansicht offenbar verfassungswidrig ist. "Ich verstehe die Frustration", sagt er. "Aber die beste Art, das in den Griff zu bekommen, ist es, sicherzustellen, dass das Scheunentor zu ist, bevor das Pferd rausrennt." Schließlich sei vieles an dieser Krise völlig legal gewesen: Das sei leider "das schmutzige, kleine Geheimnis".
Umweltschutz, Autokrise, sein kritisierter Finanzminister Timothy Geithner ("leistet hervorragende Arbeit"): Obama hakt alles ab, was am Dienstag auch bei seiner nächsten Live-Pressekonferenz auf der Tagesordnung stehen dürfte. Bürgerstunde, Plauderstunde, Pressestunde: Ein PR-Angriff auf ganzer Front.
Zum Schluss soll es noch mal locker werden. Leider geht das dann doch noch gründlich daneben: Leno fragt Obama erst nach seinem Lieblingssport Basketball - und dann nach seinem wohl ungeliebtesten Sport, Bowling. Damit hatte sich Obama im Vorwahlkampf kräftig blamiert. Er habe fleißig trainiert, sagt er, aber sei immer noch eine ziemliche Null: "Wie bei der Behinderten-Olympiade oder so."
Binnen Minuten hagelt es Proteste. Der Präsident habe "Behinderte beleidigt", echauffiert sich Fox News sofort gekünstelt. Das Weiße Haus bemüht sich um Schadensbegrenzung bevor die Show auf Sendung geht und noch auf dem Rückflug nach Washington, an Bord des Regierungsjets "Air Force One". Es sei nur eine "spontane Bemerkung" gewesen, sagt Obama-Sprecher Bull Burton, "die auf keine Weise beabsichtigte, die Behinderten-Olympiade herabzuwürdigen".
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH