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"Satiregipfel" bei der ARD Lachmuskel auf Halbmast

Erst ein komikfreier Kabarettistenstreit, dann ein Witz von einer Premiere: Mathias Richlings "Satiregipfel" wollte der bessere "Scheibenwischer" sein. Heraus kam humoristischer Scheibenkleister.

Das Vorspiel zur Premiere war großartig: Der Großayatollah des kritischen deutschen Kabarett- und Humorwesens, Dieter Hildebrandt, hatte seinem Nachfolger Mathias Richling untersagt, den seit 1980 gebrauchten Titel "Scheibenwischer" weiter zu verwenden.

"Satiregipfel"-Chef Richling: Bauchlandung im Tümpel
rbb

"Satiregipfel"-Chef Richling: Bauchlandung im Tümpel

Warum? Mathias Richling, der Zappelphilipp unter den deutschen Spaßwerkern, will auch sogenannte Comedians in seine neue Humorshow einladen, also nicht nur jene politisch korrekten Brettl-Veteranen, die schon beim Aussprechen von Worten wie "Westerwelle!" oder "Schäuble!" das Publikum zu Lachsalven hinreißen. Kurz: Hildebrandt sah sein Erbe gefährdet, Richling seine Ehre.

Der schwäbische Schnellsprecher sei einfach nicht in der Lage, eine Kabarettsendung dieses Formats, das langjährige Flaggschiff des ARD-Humors, zu leiten. Richling sei ein "Äquilibrist", der "sehr auf sich fixiert" sei. Der so Attackierte konterte diese "Angriffe aus dem Hinterhalt" umgehend: "Altgenosse" und "Humorfundamentalist Hildebrandt" könne eben leider nur "parteipolitisches", kurz: SPD-Kabarett.

Startschuss für den Satirekrieg

So gingen die Schüsse munter hin und her, und wenn das Geballere zwischen zwei alten Kollegen auch kein klares Ergebnis brachte, so steigerte es doch die Erwartung bis Donnerstagabend, 22.45 Uhr: Würde Mathias Richling, die beste Ulla Schmidt aller Zeiten, seine Antwort auf der Fernsehbühne geben und so den Satirekrieg gewinnen, wenigstens mit 1:0?

Eigentlich konnte nichts schief gehen, denn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt persönlich saß im Publikum, während Richling mit Anzug und Aktenkoffer ins frisch geliftete Studio brauste. Sogar eine schicke Drehbühne haben sie eingebaut. Und gleich drei junge Nachwuchshumoristen durften neben den altgedienten Spaßkräften Ingolf Lück und Frank Lüdecke den "Satiregipfel" stürmen, dem man gleich noch ein schickes neues Intro verpasst hatte.

So saß man zu später Stunde und durchaus wohlgesinnt im Fernsehsessel, doch schon nach wenigen Minuten kehrten Ratlosigkeit, ja Trauer und Betroffenheit ein. Wie erwartet feuerte Richling zu Beginn sein verbales Solofeuerwerk ab, in dem Begriffe wie "Schröder", "Ahmadinedschad", "Holocaust-Leugner", "Williamson", "Waffenschein", "Boni" und "Sterbehilfe" wie Silvesterraketen hochschossen, bevor sie blitzschnell verglühten.

Hier und da konnten auch ältere Menschen ganze Sätze in voller Länge vernehmen, etwa: "Wer sterben will, soll sich gefälligst an eine deutsche Schule begeben". Und auch an die Forderung nach einem Waffenschein für die verantwortliche Kinderaufzucht kann man sich am Morgen danach noch erinnern.

Witzewirrwarr auf die Schnelle

Doch der dadaistisch rasende Redefluss, sonst ein Markenzeichen des Gesamtparodisten Richling, wurde diesmal zum beliebigen Klangteppich. Wo so viele Worte gemacht werden, bleibt nichts hängen. Das war eher Dudelfunk als Satire, ein zielloses Mäandern von Stichworten statt gezielter Pointen, auch wenn hier und da mit dem guten alten Vorschlaghammer der Provokation gearbeitet wurde. Mehr als ein "Hohoho!" aus der zweiten Reihe brachten sie aber auch nicht ein.

Man spürte den Willen, es besonders gut zu machen unter den Augen der aufgeschreckten Weltöffentlichkeit zwischen Backnang und Brakelsiek, aber das forcierte Stakkato offenbarte nur, dass fürs Denken keine Zeit mehr blieb. Auch Ingolf Lück, einst "Anchorman" des satirischen "Wochenrückblicks" auf Sat.1, kompensierte fehlende Satirekraft mit erhöhtem Sprechtempo. Vielleicht hätte man besser ein paar Seiten Thomas Bernhard vorgelesen.

Auch die Soli der jungen Garde blieben blass und fahrig, teils nervös und amateurhaft. Höhepunkte der Spaßkultur waren da schon der "Terroropa Bin Laden" mit seinem Kommunikationssystem namens "Talikom" und das wunderbare Versprechen der 72 Jungfrauen nach dem islamischen Märtyrertod, gegen den der "Pflegeschlüssel der Caritas" natürlich der pure Sozialabbau ist.

Obwohl ein echtes Schrottauto auf der Drehbühne präsentiert wurde, blieb der aufwendig inszenierte "Satiregipfel" merkwürdig weltfremd und künstlich. Ein Kabarett, das selbst in der Entfremdung gefangen scheint, wie hinter bunten Glasbausteinen: vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ergebnis des Gipfeltreffens: eine Bauchlandung im Tümpel. Der Lachmuskel hing schlaff auf Halbmast.

Guttenberg als Komikzwerg

Zum Finale gab Richling noch den Guttenberg, aber mit Verlaub: Der echte kommt im Augenblick besser rüber. "Ich finde es gut", sagte Richling Graf Guttenberg, "dass die Regierung jetzt auch auf Ministerebene Kindergartenplätze geschaffen hat". Eine schöne Projektion: Den Kinderkram hatte er selbst in seiner Sendung.

Wenn der gelungene Witz laut Immanuel Kant die "Auflösung einer gespannten Erwartung in Nichts" ist, dann wurde der große Philosoph aus Königsberg eindeutig widerlegt. Die gespannte Erwartung hat sich ganz profan und leider ziemlich witzlos in Nichts aufgelöst.

Dieter Hildebrandt aber wird zu Hause in München fröhlich vor dem Fernsehapparat gesessen haben. Sein Grinsen haben wir noch aus Berlin sehen können.

Ein klares 1:0 für ihn.

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insgesamt 154 Beiträge
Frank Wagner 20.03.2009
Also ganz ehrlich, ich fand auch Scheibenwischer immer furchtbar lahm. Man wagte sich nie an Themen heran die wirklich kontrovers oder gefährlich waren, erging sich in sinnlose Sprachspielereien und viele Themen die jedes Mal [...]
Also ganz ehrlich, ich fand auch Scheibenwischer immer furchtbar lahm. Man wagte sich nie an Themen heran die wirklich kontrovers oder gefährlich waren, erging sich in sinnlose Sprachspielereien und viele Themen die jedes Mal kamen ( zum Beispiel katholische Kirche ) interessieren mich nun überhaupt nicht. Satire muss weh tun und das tat der Scheibenwischer nicht. Da lob ich mir die Anstalt ( ich fürchte die werden wohl auch noch ihre Zähne gezogen bekommen )
Guitar Frank 20.03.2009
Dieser Artikel ist wohl ein eher Schreiben von Genosse zu Genosse. In den letzten zwanzig Jahren bin ich beim Scheibenwischer immer !!!!! eingeschlafen!!!. Alles war vorhersehbar und daher meistens extrem langweilig. Das letzte [...]
Dieser Artikel ist wohl ein eher Schreiben von Genosse zu Genosse. In den letzten zwanzig Jahren bin ich beim Scheibenwischer immer !!!!! eingeschlafen!!!. Alles war vorhersehbar und daher meistens extrem langweilig. Das letzte Mal als ich mir wirklich einen Lachmuskelkater beim Scheibenwischer geholt habe war ca.1980. Unter der Rubrik "Was haben sie vom Fernseh-programm der letzten Woche behalten", wurde Herbert Wehner am Sprechpult des Bonner Bundestags gezeigt, wie er eine die Opposition beschimpfende Rede hielt und man dabei die Stimme von Loriots "sprechenden Hund" unterlegte.: Oh HoOh Ho ohHo. Seitdem sind Lacher im wesentlichen Fehlanzeige. Es wurde Zeit das diese Sendung abgesetzt wurde. Lassen wir den Neuen mal ein bißchen Anlaufzeit. Sie haben alle mal eine Chance verdient. Dieter Hildebrand hat lange genug Zeit gehabt, seine Chancen aber leider nicht genutzt. Jetzt schon einen Verriss zu schreiben, kann wahrscheinlich nur ein Claqueur der hildebrandschen Parteikomik. Gutar Frank
systemfeind 20.03.2009
ard abschalten.
Zitat von sysopErst ein komikfreier Kabarettistenstreit, dann ein Witz von einer Premiere: Mathias Richlings "Satiregipfel" wollte der bessere "Scheibenwischer" sein. Heraus kam humoristischer Scheibenkleister. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,614411,00.html
ard abschalten.
frubi 20.03.2009
Für mich ist Herr Richling einfach zu schwankend in seiner Qualität. Mal Genie und manchmal nur eine Person von der ich Kopfschmerzen bekomme. Der Spruch mit dem "zum sterben in eine deutsche Schule gehen" ist zwar [...]
Für mich ist Herr Richling einfach zu schwankend in seiner Qualität. Mal Genie und manchmal nur eine Person von der ich Kopfschmerzen bekomme. Der Spruch mit dem "zum sterben in eine deutsche Schule gehen" ist zwar hart, was mir selber meistens gut gefällt, aber weder lustig noch passend. Wir deutschen hinken sowieso seit Jahren hinter Amerika her. Was die Ami`s mit z. B. "The Daily Show" oder "Southpark" hinbekommen ist einfach fantastisch. Besonders Jon Stewart ist ein Genie während wir unsere ganzen Hoffnungen auf Harald Schmidt setzten. Herrn Pocher möchte ich aus der ganzen Diskussion mal raushalten. Er ist ein Genie wenn es um Situationskomik geht (siehe Rent A Pocher) aber ansonsten kann man ihn auch vergessen.
frubi 20.03.2009
Kaufst du auch ein Auto ohne es auch nur einen Meter zu bewegen? Ich pick mir das raus was mich interessiert: - Maischberger - Fußball - Kerner (kommt auf den Gast an) - Hart aber Fair Wenn ich schon bezahle dann [...]
Zitat von systemfeindard abschalten.
Kaufst du auch ein Auto ohne es auch nur einen Meter zu bewegen? Ich pick mir das raus was mich interessiert: - Maischberger - Fußball - Kerner (kommt auf den Gast an) - Hart aber Fair Wenn ich schon bezahle dann will ich auch wenigstens die Weizen konsumieren. Dass das meiste Spreu ist find ich auch schade aber was will man machen.
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