Von Reinhard Mohr
Das Vorspiel zur Premiere war großartig: Der Großayatollah des kritischen deutschen Kabarett- und Humorwesens, Dieter Hildebrandt, hatte seinem Nachfolger Mathias Richling untersagt, den seit 1980 gebrauchten Titel "Scheibenwischer" weiter zu verwenden.
Warum? Mathias Richling, der Zappelphilipp unter den deutschen Spaßwerkern, will auch sogenannte Comedians in seine neue Humorshow einladen, also nicht nur jene politisch korrekten Brettl-Veteranen, die schon beim Aussprechen von Worten wie "Westerwelle!" oder "Schäuble!" das Publikum zu Lachsalven hinreißen. Kurz: Hildebrandt sah sein Erbe gefährdet, Richling seine Ehre.
Der schwäbische Schnellsprecher sei einfach nicht in der Lage, eine Kabarettsendung dieses Formats, das langjährige Flaggschiff des ARD-Humors, zu leiten. Richling sei ein "Äquilibrist", der "sehr auf sich fixiert" sei. Der so Attackierte konterte diese "Angriffe aus dem Hinterhalt" umgehend: "Altgenosse" und "Humorfundamentalist Hildebrandt" könne eben leider nur "parteipolitisches", kurz: SPD-Kabarett.
Startschuss für den Satirekrieg
So gingen die Schüsse munter hin und her, und wenn das Geballere zwischen zwei alten Kollegen auch kein klares Ergebnis brachte, so steigerte es doch die Erwartung bis Donnerstagabend, 22.45 Uhr: Würde Mathias Richling, die beste Ulla Schmidt aller Zeiten, seine Antwort auf der Fernsehbühne geben und so den Satirekrieg gewinnen, wenigstens mit 1:0?
Eigentlich konnte nichts schief gehen, denn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt persönlich saß im Publikum, während Richling mit Anzug und Aktenkoffer ins frisch geliftete Studio brauste. Sogar eine schicke Drehbühne haben sie eingebaut. Und gleich drei junge Nachwuchshumoristen durften neben den altgedienten Spaßkräften Ingolf Lück und Frank Lüdecke den "Satiregipfel" stürmen, dem man gleich noch ein schickes neues Intro verpasst hatte.
So saß man zu später Stunde und durchaus wohlgesinnt im Fernsehsessel, doch schon nach wenigen Minuten kehrten Ratlosigkeit, ja Trauer und Betroffenheit ein. Wie erwartet feuerte Richling zu Beginn sein verbales Solofeuerwerk ab, in dem Begriffe wie "Schröder", "Ahmadinedschad", "Holocaust-Leugner", "Williamson", "Waffenschein", "Boni" und "Sterbehilfe" wie Silvesterraketen hochschossen, bevor sie blitzschnell verglühten.
Hier und da konnten auch ältere Menschen ganze Sätze in voller Länge vernehmen, etwa: "Wer sterben will, soll sich gefälligst an eine deutsche Schule begeben". Und auch an die Forderung nach einem Waffenschein für die verantwortliche Kinderaufzucht kann man sich am Morgen danach noch erinnern.
Witzewirrwarr auf die Schnelle
Doch der dadaistisch rasende Redefluss, sonst ein Markenzeichen des Gesamtparodisten Richling, wurde diesmal zum beliebigen Klangteppich. Wo so viele Worte gemacht werden, bleibt nichts hängen. Das war eher Dudelfunk als Satire, ein zielloses Mäandern von Stichworten statt gezielter Pointen, auch wenn hier und da mit dem guten alten Vorschlaghammer der Provokation gearbeitet wurde. Mehr als ein "Hohoho!" aus der zweiten Reihe brachten sie aber auch nicht ein.
Man spürte den Willen, es besonders gut zu machen unter den Augen der aufgeschreckten Weltöffentlichkeit zwischen Backnang und Brakelsiek, aber das forcierte Stakkato offenbarte nur, dass fürs Denken keine Zeit mehr blieb. Auch Ingolf Lück, einst "Anchorman" des satirischen "Wochenrückblicks" auf Sat.1, kompensierte fehlende Satirekraft mit erhöhtem Sprechtempo. Vielleicht hätte man besser ein paar Seiten Thomas Bernhard vorgelesen.
Auch die Soli der jungen Garde blieben blass und fahrig, teils nervös und amateurhaft. Höhepunkte der Spaßkultur waren da schon der "Terroropa Bin Laden" mit seinem Kommunikationssystem namens "Talikom" und das wunderbare Versprechen der 72 Jungfrauen nach dem islamischen Märtyrertod, gegen den der "Pflegeschlüssel der Caritas" natürlich der pure Sozialabbau ist.
Obwohl ein echtes Schrottauto auf der Drehbühne präsentiert wurde, blieb der aufwendig inszenierte "Satiregipfel" merkwürdig weltfremd und künstlich. Ein Kabarett, das selbst in der Entfremdung gefangen scheint, wie hinter bunten Glasbausteinen: vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ergebnis des Gipfeltreffens: eine Bauchlandung im Tümpel. Der Lachmuskel hing schlaff auf Halbmast.
Guttenberg als Komikzwerg
Zum Finale gab Richling noch den Guttenberg, aber mit Verlaub: Der echte kommt im Augenblick besser rüber. "Ich finde es gut", sagte Richling Graf Guttenberg, "dass die Regierung jetzt auch auf Ministerebene Kindergartenplätze geschaffen hat". Eine schöne Projektion: Den Kinderkram hatte er selbst in seiner Sendung.
Wenn der gelungene Witz laut Immanuel Kant die "Auflösung einer gespannten Erwartung in Nichts" ist, dann wurde der große Philosoph aus Königsberg eindeutig widerlegt. Die gespannte Erwartung hat sich ganz profan und leider ziemlich witzlos in Nichts aufgelöst.
Dieter Hildebrandt aber wird zu Hause in München fröhlich vor dem Fernsehapparat gesessen haben. Sein Grinsen haben wir noch aus Berlin sehen können.
Ein klares 1:0 für ihn.
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