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Premieren Vom menschlichen Körper und Randfiguren

Nach dem Berliner Ensemble ist nun auch auf die Schaubühne wieder eröffnet worden. Mit Sasha Waltz' "Körper" ging es los. Kurz danach folgte Thomas Ostermeier mit "Personenkreis 3.1." von Lars Norén.

"Personenkreis 3.1." Thomas Ostermeier
DPA

"Personenkreis 3.1." Thomas Ostermeier

Sasha Waltz hat zusammen mit ihren 13 Tänzerinnen und Tänzern den Körper und nichts als den baren Körper unters Mikroskop genommen: Organe, Knochen, Haut, Nervensystem, Blutbahnen, Transplantation, Operation, Amok – die Anatomie des Körpers wird in der Geometrie des Raums zum Ausdruck getanzt. Das zweistündige Stück erzählt nicht von Charakteren und deren Geschichten, sondern reiht Fragmente, Anekdoten, Szenen aneinander. Der Bühnenraum ist ein gigantisches Halbrund aus kahlem Beton, in dessen Mitte ein monolithischer schwarzer Raumkörper steht, der irgendwann leise umkippt und als Abschussrampe fungiert.

Es sei ihr darum gegangen, sagt Sasha Waltz, Körperbilder zu erarbeiten, Bilder vom "falschen" oder "perfekten" Körper, Bilder, die zeigen, dass Worte lügen und der Körper eine andere, wahre Sprache spricht. Eine abstrakte Performance ist es geworden, voller Assoziationsketten, die jedem Zuschauer andere Schwerpunkte bieten. Es gab großes Lob und berechtigte Kritik. Die alte Generation habe mit Wehmut Abschied genommen, sagte ein Repräsentant des geschassten Schaubühnenensembles, aber dies – was für ein furioser Anfang! Eine große Geste, man hörte Steine von Herzen poltern. Und doch: Der "Körper", vom Kopf auf die Füße gestellt – er torkelt noch wie ein Benommener, der den Strich auf dem Boden nicht findet. – Im Rausch der Fragmente und Bilder fehlt der rote Faden, ein dramaturgischer Rhythmus mit Pausen und Übergängen und ohne die Längen, die runde Komposition von Assoziationen, die eine perfekte Inszenierung ausmachen würde. Mit dieser Scharade hat Sasha Waltz einen Raum abgesteckt, hart und kahl, in dem sie nun Schritt für Schritt tanzen kann.

Kälte und verstörende Bilder

Thomas Ostermeier hat das Stück "Personenkreis 3.1" des schwedischen Dramatikers Lars Norén inszeniert, von acht Stunden auf vier Stunden verkürzt. Es wurde ein gutes Werk gespielt, das handelt von Obdach- und Arbeitslosen, Alkoholikern, Fixerinnen, Pennern, Nutten, Schauspielern, Schreibern und anderen Durchgeknallten, deren Heimat die Platte ist, die kluge, wahre und erleuchtete Sätze sagen, an denen sich die Passanten vorbeilavieren, als existierte der – in diesem Fall: erlesene – "Abschaum" unserer Gesellschaften nicht. Auch hier knallt der Kopf an harte Mauern, nackte Tatsachen, Raum aus Beton, kaltes Licht - und eine Treppe fällt in den Untergrund der Zuschauer/Passanten-Tribünen. Auch hier: Bruchstücke von Leben, ohne narrative Klammern, verstörende Bilder und beklemmende Kälte. Auch hier: Längen und brutale Schnitte. Thomas Ostermeier hat – und das ist zuallererst ein Verdienst – ein Stück spielen lassen, das alltägliche Randfiguren auf die Szene nimmt, eine Anklage ohne Illusionen.

Er hat es realistisch spielen lassen, im Vordergrund steht die Aussage des Textes und nicht die Kunstfertigkeit des Regisseurs. Auch das ist gut und erst mal ungewöhnlich. Der Trend zum Realismus kommt aus England, von jungen Autoren wie Sarah Kane, und da schlafen die allermeisten deutschen Bühnen noch im Zauberschloss. Es ist, als schlüge Ostermeier unsere Köpfe wieder und wieder an den Beton, auf die unschönen Fakten, und in manchen Momenten des Abends vergeht einem Hören und Sehen und man möchte von seinem bequemen Zuschauerpodest aus nur noch mitkotzen, weil Funken des Zorns überspringen.

Doch leider ist die Speerspitze der Aufklärung ein inszenatorischer Vorschlaghammer. Der Regisseur wankt mit den Füßen auf des Messer Schneide: Etliche Szenen drohen in Sozialkitsch und Peinlichkeit zu kippen. Die naturgetreuen Kostüme der Passanten wirken mitunter wie eine Persiflage auf "Linie 1", den Kassenhauer auf die Berliner Underdog-Bahn. - Klamottage, die mehr Karikaturen und Verfremdung vertragen hätte. Und der moralische Zeigefinger erstarrt zum winkenden Zaunpfahl - so dick aufgetragen: Verantwortung des Einzelnen, Milosevic, Gas, Konzentrationslager, Schuld und Dostojewskij. Wohlgesinnt möchte man zustimmen: Ja, das sind ganz andere, neue und wiederum uralte Sichtweisen, das ist echt so und naturalistisch, und: Fangen wir noch mal von vorne an, damit auch die Anfänger im Publikum nicht erbaut sondern aufgerüttelt werden. Kritik, Wut, Orientierung, Zorn.

Klare Fronten - Thomas Ostermeier hat sie manifestös mit seinem Eröffnungsstück abgesteckt, und nach der Pause war der Zuschauerraum zur Hälfte geleert. Sitzen geblieben waren vorwiegend die Jüngeren. Was vielleicht auch daran lag, dass die Charts der Dreißigjährigen wie Werbeunterbrechungen ins Spiel gehämmert wurden, als musikalisches Programm: Nirvana, Prince, Metallica, Blur, Michael Jackson, Take That, Everlast - volle Pulle aufgedreht. So einfach funktioniert Distinktion. Und mittendrin ein Satz, gesprochen vom abgewiesenen Autor auf der Betonplatte, geschrieben von Lars Norén und gemeint von den Intendanten der neuen Schaubühne, ein Satz wie dieser: "Heute sag ich, wie es ist. Heute fließt Blut." Mal sehen, ob das an der Schaubühne durchgehalten wird. Der Schädel brummt schon mal und der Grundstein ist gelegt.

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