Samstag, 21. November 2009

Kultur



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24.03.2009
 

TV-Serie "Der kleine Mann"

Mehr Mayo! Menno!

Von Daniel Haas

Blasser Jedermann in praller Werbewelt: Nach "Stromberg" und "Dr. Psycho" hat Ralf Husmann für ProSieben die Sitcom "Der kleine Mann" kreiert. Die Geschichte eines harmlosen Verkäufers, der zum Medienstar wird, ist raffiniert - leider fehlen ein bisschen Biss und Würze.

Als Tim Mälzer im SPIEGEL-Interview gefragt wurde, ob man als TV-Koch überhaupt richtig kochen müsse, sagte er schlicht "nö". Der gutgläubige Zuschauer hat da natürlich geschluckt. Gerade das auf Sinnlichkeit und Unmittelbarkeit abonnierte Genre des Kochfernsehens - eine Mogelpackung? Geschmacklos.

Dreimal Durchschnitt: Darsteller Kranzkowski, Mädel, Lukas
ProSieben

Dreimal Durchschnitt: Darsteller Kranzkowski, Mädel, Lukas

Die medial geübten TV-Nutzer jedoch wissen: Es ist eh alles viel mehr Schein als Sein, was sich in der Glotze abspielt. Wenn schon Nachrichten manipuliert sind, warum soll die Zubereitung einer Lammkeule dann authentisch sein?

In Ralf Husmanns neuer Serie "Der kleine Mann" gibt es eine furiose Szene, die selbst abgebrühte Kochshow-Gucker noch einmal das Fürchten lehrt. Da sitzt die leibhaftige Starköchin Sarah Wiener im Hühnerfritten-Imbiss Kentucky Fried Chicken und schwadroniert über Karriereplanung. "Kerner ist das Mindeste. Und der ist auch schon zweite Liga", sagt die Küchendiva, um sich noch mehr Pommes auf den Teller zu schaufeln. "Scheiße, Mayo ist alle."

Bestürzend ist die Szene nicht, weil ein TV-Koch die Gepflogenheiten der Branche kommentiert, sondern weil Sarah Wiener in die Phase der postmodernen Reste-Selbstverwertung eingetreten ist. Die Buchautorin, Restaurantbesitzerin und Fernsehprominente als hämischer Eigenkommentar: Weiter kann man die medienironische Schraube nicht drehen.



Nach diesem Moment wünscht man sich eine Sitcom über einen abgezockten TV-Koch aus der Feder von Husmann, dem Schöpfer deutscher Comedy-Highlights wie "Stromberg" und "Dr. Psycho". Aber Husmann hat sich noch viel mehr vorgenommen: Er will nicht einen exzentrischen Charakter auf die Alltagsmenschen loslassen, sondern umgekehrt, den sogenannten Normalo mit einem verrückten Umfeld konfrontieren.

Der Normalo, das ist Rüdiger Bunz (Bjarne Ingmar Mädel, der Ernie aus "Stromberg"), ein Elektrofachverkäufer. Die exaltierte Gegenwelt wird von den Werbefachleuten verkörpert, die Bunz zum Star einer Kampagne machen. Der kleine Mann ist nämlich nicht nur Titel der Serie, sondern auch der Name des Schnapses, für den der Held in TV-Spots Reklame treibt.

Kontrast? Verpasst

"Humoristisch funktioniert Normalität nur als Kontrast, in dem sich der Irrsinn ringsum spiegeln kann", sagte Husmann der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und führte als Beispiel gleich noch "Seinfeld" an.

Die Ziele sind also hochgesteckt: "Seinfeld", die legendäre US-Reihe über einen Freundeskreis, der eigentlich nicht viel mehr tut, als sich durch den Alltag zu plaudern, gilt als die "Sendung über nichts", wobei das Nichts durchaus philosophische Züge annehmen konnte.

Und Bunz ist auch tatsächlich ein nichtiger Charakter, die Quersumme aus deutschen Spießertugenden wie Ordnungssinn, Häuslichkeit und Ruhebedürfnis. Mädel spielt ihn mit virtuoser Käsigkeit, eine Figur wie eine cremefarbene Regenjacke aus dem Schlussverkauf.

Der eigene Ruhm als Star einer Werbekampagne ist ihm erstmal suspekt. "Muss ja nicht jeder im Fernsehen sein. Müssen ja auch noch Leute davor sitzen", kommentiert er die Inflation von Berühmtheit in Zeiten von "DSDS" und "Dschungelcamp".

Die Kontrastfigur, die Werberin Lydia (Karoline Eichhorn), ist eine Büro-Schickse, die via Headset Mitarbeiter kujoniert und politische Korrektheit für überflüssig hält. "Roberto Blanco ist perfekt für Negerküsse", blafft sie einen Kollegen an, und damit ist dann auch die moralische Fallhöhe dieses Typs markiert: ein Business-Vampir, der für gelungenes Marketing über Leichen geht.

Leider hat sich Husmann die Werbebranche der späten Achtziger bis frühen Neunziger ausgemalt, als Ironie noch das Stilmittel der Wahl und Provokation die dominierende Geste war. Wenn Lydia den armen Bunz bis in die kleinsten Details als blassen Jedermann inszeniert, dann denkt man an die ironischen Astra- und Mediamarkt-Kampagnen, mit ihren smarten Prolls und Allerweltstypen.

Gags auf Nervsprech-Niveau

Heute werden Kampagnen von Analysten verwaltet, die sich mit breiter Marktforschung vor dem Fall ins Quoten- und Absatztief absichern. Ironie gilt kaum mehr als Mehrwert generierende Form; man setzt verstärkt auf Seriosität und Nachhaltigkeit.

Aber dies sind Recherchemängel. Dramaturgisch fehlt, um im Bild zu bleiben, einfach die Mayo. Lydia/Eichhorn darf als Agentur-Gorgone nicht richtig von der Leine, ihre Ignoranz hat keinen Schmackes. "Von Künstlern krieg ich Herpes" - fieser wird's erst mal nicht.

Bunz, seine Frau (Christina Große) und die Kollegen sind wiederum in ihrer Miefigkeit zu harmlos. "Bin ich Vater Theresa?" und "Dir hamse wohl in Kopp gehustet!": Auf dieser Ebene spielt sich der Sprachwitz von Gumprecht (Karl Kranzkwoski), dem miesepetrigen Chef des Helden, ab. Und Jürgen (Florian Lukas), der Möchtegern-Impressario von Bunz, witzelt: "Ich sag nur zwei Dinge: Manage. Ment."

Gags auf Nervsprech-Niveau also, dazu der für deutsche Serien typische Zwang zur Didaktik (wenn sich Bunz bei einer widerlichen Party erbricht, muss seine Mitspielerin nachsetzen: "Psychosomatisch!") und Mangel an Mut zur Skurrilität: Dies zeichnet die ersten Folgen von "Der kleine Mann" aus.

Aber dann gibt es eben auch diese tollen Momente wie Sarah Wiener bei Kentucky Fried Chicken. Da könnte man auf den Geschmack kommen. Und doch noch einen Nachschlag versuchen.


"Der kleine Mann", dienstags, 22.40 Uhr, ProSieben

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