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29.03.2009
 

Russischer Actionfilm

Propagandaschlacht zur besten Sendezeit

Von Moritz Gathmann, Moskau

Die Propagandamaschine brummt: Knapp sechs Monate sind seit dem Krieg um Südossetien vergangen, schon strahlt das russische Staatsfernsehen den Actionfilm "Olympius Inferno" aus. Darin zu sehen: Georgier als Faschisten, verlogene westliche Medien - und Russen als Friedensstifter.

Tod und Zerstörung bringen die Soldaten, als sie in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali einrücken. Die georgische Flagge auf den Panzern aufgesteckt, walzen sie alles nieder, was ihnen in den Weg kommt, schießen fliehenden Zivilisten in den Rücken und werfen Handgranaten in die Fenster der Wohnhäuser.

Die ganze Stadt brennt, in den Kellern sitzen zitternde Osseten, doch Rettung naht - in Form des russischen Präsidenten. "Wir werden den Tod unserer Landsleute nicht ungesühnt lassen", verspricht Staatspräsident Dmitrij Medwedew vom Fernseher in der Zimmerecke. Das ist die russische Lesart des Krieges, die der Film "Olympius Inferno" den Bürgern des Landes im Staatsfernsehen präsentiert, am Sonntagabend, zur besten Sendezeit. Olympische Hölle heißt der Film wohl deshalb, weil der Krieg während der Olympischen Spiele stattfand.

Ein gutes halbes Jahr ist der Krieg um Südossetien her, und bis heute werfen sich Georgier und Russen gegenseitig vor, für den Konflikt verantwortlich zu sein. Dokumentarfilme mit der jeweiligen Version des Krieges haben beide Länder ihren Bürgern schon vorgeführt, aber die Russen haben keine Zeit verloren, noch einen Spielfilm hinterherzuschieben: Nach Angaben des Regisseurs gab es im Dezember die Zustimmung des staatlichen "Ersten Kanals", für die Dreharbeiten, die Anfang Januar begannen, hatte man nur einen Monat Zeit.

Der Film des 34 Jahre alten Regisseurs Igor Woloschin erzählt in Hollywood-Manier die Geschichte des jungen amerikanischen Artenforschers Michael (David Henry), der nach Südossetien reist, um seltene Schmetterlingsarten zu erkunden. Unterstützt wird er dabei von der Fotografin Schenja (Polina Filonenko), mit der ihn eine alte Freundschaft verbindet, denn Michael ist in Russland aufgewachsen.

Statt der nachtaktiven Schmetterlinge zeichnen seine Kameras dann jedoch Granatenabschüsse und Panzerkolonnen auf - der Angriff der georgischen Armee auf Zchinwali. "Um der Welt die Wahrheit zu bringen", versuchen die beiden daraufhin, sich in Zchinwali durchzuschlagen. Aber die Georgier haben Wind davon bekommen, und der abgrundtief böse Offizier Wacho versucht, die Forscher mit allen Mitteln zur Strecke zu bringen.

Die georgischen Soldaten werden als siegestrunkene Brutalos dargestellt, ihren Präsidenten Saakaschwili nennt Schenja einen Faschisten. Und auch die Amerikaner, die nach russischer Sicht die Drahtzieher des Krieges waren, bekommen ihr Fett weg. "Capitan Adams", ein schwarzer Militärberater, der den Angriff der Georgier überwacht, erklärt dem fassungslosen Michael: "Das ist eine Operation zur Wiederherstellung der konstitutionellen Ordnung." Die Russen dagegen werden den ganzen Film über nur als "Friedensstifter" (so das russische Wort für Soldaten von Friedenstruppen) bezeichnet.

Der Film ist gleichzeitig ein Generalangriff auf die westlichen Medien, die von russischen Politikern bis heute beschuldigt werden, den Krieg in den ersten Wochen verzerrt dargestellt zu haben. Michael und Schenja beobachten einen BBC-Reporter, der vor einem von Georgiern zerstörten Haus in die Kamera spricht: "Hier sehen Sie die Folgen russischer Luft-Bombardements." Als Michael dem Reporter sein Beweisvideo vorführt, erklärt der ihm nur zynisch, dass es zu spät sei, denn alle Medien würden doch schon erzählen, dass Russland den Krieg angefangen hat: "Panzer und Flugzeuge sind egal. Wichtig ist, was Journalisten erzählen. Das ist ein Informationskrieg!"

Regisseur Woloschin zeigt sich verwundert, dass "Olympius Inferno" eine so große Resonanz hervorruft. Der Film sei nicht politisch, im Vordergrund stehe vielmehr der Konflikt der beiden Hauptakteure. "Die EU hat ja inzwischen anerkannt, dass Georgien den Krieg angefangen hat", sagt er im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Deshalb würde er den Film auch gerne im Westen zeigen.

Ganz so einfach wie sich der junge Regisseur die politische Lage wünscht, ist sie allerdings nicht: Zwar hat eine EU-Kommission schwerwiegende Indizien dafür gefunden, dass Georgien tatsächlich den Krieg begonnen hat, gleichzeitig kritisiert der Bericht jedoch auch die russische Armee, unter anderem dafür, dass deren Soldaten die ossetischen Kämpfer nicht daran hinderten, bei ihrem Vormarsch georgische Dörfer zu plündern und niederzubrennen. Diesen Teil des Krieges verschweigt der Film wohlweislich: Er endet mit dem triumphalen Einmarsch der russischen Panzer und einer wehenden russischen Flagge vor malerischer kaukasischer Bergkulisse.

In russischen Filmforen wird "Olympius Inferno" bereits jetzt heftig diskutiert - denn schon Tage vor der Ausstrahlung konnte man den Film illegal aus dem Internet herunterladen. Kaum jemand bezweifelt, dass es sich dabei um einen vom Staat beauftragten Propagandafilm handelt - auch wenn Regisseur Woloschin das dementiert.

Gleichzeitig finden viele Kommentatoren nichts Verwerfliches daran, dass der Krieg so einseitig dargestellt wird: "In amerikanischen Kriegsfilmen wird ja auch totale Propaganda für die eigene Armee gemacht", meint beispielweise User "Hexagen". Am wenigsten Begeisterung für "Olympius Inferno" kommt in ossetischen Foren auf. Forumsteilnehmer "Geor Al-Alani" schreibt. "Mir wird kalt ums Herz, wenn ich sehe, dass man aus unserer Tragödie Show-Business macht."

"Olympius Inferno" wird vermutlich nicht der einzige Versuch bleiben, die Deutungshoheit über den Krieg um Südossetien mit filmischen Mitteln zu erringen: Laut russischen Medien plant auch der aus Bosnien stammende Kultregisseur Emir Kusturica ("Schwarze Katze, weißer Kater"), einen Film über den Konflikt.

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Die neuesten Beiträge:
02.04.2009 von L0k3: Hmm...

Machen wir Deutschen das etwa anders wenns ums glorifizieren unserer Heldentaten geht? Freue mich jetzt schon auf den Fernsehfilm "Piraten vor Afrika" oder "Durchs wilde Afgahnistan. also Ball flach halten und den [...] mehr...

01.04.2009 von H3nry: Der Westen, die Medien und das Feindbild im Osten

---Zitat--- Georgisches Militär überfällt eine schlafende Stadt, massakriert die Bewohner und legt Häuser in Schutt und Asche. Russische Truppen vertreiben in den folgenden Tagen die Angreifer. Thomas Roth, der ARD-Korrespondent [...] mehr...

01.04.2009 von Diomedes: Moderne Gladiatorenkämpfe im Fernsehen...

Es ist erschreckend wie sehr sich heute die politischen Mächte um den Segen der Massen, der Medien und der Weltöffentlichkeit auf dem heimischen Fernsehschirm zu balgen pflegen! Gewiss, dies hätte einen gewissen Sinn, wenn man [...] mehr...

31.03.2009 von stonecold: Film

http://www.videogold.de/olympius-inferno-orginal-russisch/ Hier der komplette Film, bislang nur auf Russisch. Auch der Sprache Unkundige können einfach anhand der Bilder vergleichen, wie Rambo-ballermäßig [...] mehr...

31.03.2009 von stonecold: .

1. „Georgier als Faschisten“ 2. „Russen als Friedensstifter“ 3. „verlogene westliche Medien“ Zu 1. Im Film kommt das Wort „Faschist“ ein einziges Mal vor, und das NICHT im Sinne von „Die Georgier sind Faschisten“. Zu 2. [...] mehr...

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