SPIEGEL ONLINE: Vergangene Woche haben Ihre Aktionäre dem Verkauf der "Berliner Zeitung" an den Kölner DuMont-Verlag zugestimmt. Nach nicht einmal vier Jahren in Deutschland treten Sie damit den Rückzug an - als Gescheiterter. Woran lag's?
Montgomery: Wir sind nicht gescheitert! Auch wenn das einigen Journalisten offenbar nicht so wichtig finden: Wir haben das Geschäft profitabler übergeben, die Auflage der "Berliner Zeitung" ist robust, und ihr Marktanteil ist gestiegen.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind angetreten mit dem Ziel, eine Zeitungskette aufzubauen. Doch statt zu kaufen, mussten Sie verkaufen ...
Montgomery: Der deutsche Zeitungsmarkt ist definitiv reif für eine Konsolidierung, nur fehlten uns leider wegen der Finanzkrise und unserer Schuldensituation die finanziellen Muskeln, um mitzuspielen. Aber es gibt keine Alternative zu unserer Idee, die ja jetzt auch andere Verleger nachahmen. Am Ende werden vielleicht ein, zwei große Zeitungstitel alleine überleben können, der Rest wird sich zusammenschließen müssen oder Probleme bekommen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor kurzem gesagt, Sie würden nicht verstehen, wie die Deutschen eine Gewerkschaft Ver.di nennen können - bei all der Freude, die der Komponist der Welt bereitet hat. Das klingt frustriert.
Montgomery: Nein, meine Wertschätzung für Deutschland ist sogar gestiegen, das ist ein tolles Land, um Geschäfte zu machen. Ich gehe nicht frustriert. Und wir werden versuchen, einen Weg zurück nach Deutschland zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Obwohl man Sie hier nicht willkommen geheißen hat und viele Verleger jetzt triumphieren, dass der Finanzinvestor endlich wieder abziehen muss?
Montgomery: Fünf von acht Mitgliedern in unserem europäischen Management-Board sind ehemalige Chefredakteure. Also: Ich bin kein Finanzinvestor, sondern Verleger.
SPIEGEL ONLINE: Geglaubt hat Ihnen das aber niemand.
Montgomery: Wenn man die deutschen Zeitungen gelesen hat, hätte man meinen können, ich würde irgendwann am Brandenburger Tor aufgehängt. Aber die deutschen Medien spiegeln eben nicht die Meinung ihrer Verleger wieder, das liegt an der Tradition redaktioneller Unabhängigkeit hier, die ich auch sehr schätze. Es gab keine Feindschaft von den Verlegern. Der Protest in den Medien war doch vor allem von den Gewerkschaften gesteuert, das hatte mit der Situation bei der "Berliner Zeitung" gar nichts zu tun.
SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, die deutschen Journalisten hätten aufgeschrieben, was ihnen Ver.di in die Feder diktierte?
Montgomery: Die Gewerkschaft hatte auf jeden Fall einen richtigen Propagandaapparat und eine politische Mission. Die legitime Aufgabe von Gewerkschaften besteht darin, für die Rechte von Arbeitnehmern zu kämpfen, und nicht darin, zu beeinflussen, was Journalisten schreiben. Über den Einfluss der Parteien regt man sich auf, aber darüber, dass die Gewerkschaft Einfluss nimmt, hat sich niemand beschwert. Ich finde es ohnehin merkwürdig, dass deutsche Medien so viel über die Medienbranche schreiben. Das interessiert doch normale Leser nicht, die wollen lieber etwas über die Autoindustrie wissen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben also gar keine Fehler gemacht?
Montgomery: Man kann sicher auch anders vorgehen, aber die "Berliner Zeitung" ist jetzt besser auf die Krise vorbereitet als andere Zeitungen.
SPIEGEL ONLINE: Dann halten Sie es also auch nachträglich nicht für einen Fehler, dass Sie trotz massiver Widerstände der Redaktion an der Doppelrolle von Josef Depenbrock als Chefredakteur und Geschäftsführer festgehalten haben, die der neue Eigentümer nun beseitigt hat?
Montgomery: Nein, das würde ich immer wieder so machen. In Dänemark haben wir das gleiche Modell, da gibt es nicht die leisesten Beschwerden. Man kann die Frage stellen, ob die Person die richtige war. Aber auch diese Frage würde ich mit Ja beantworten.
Das Interview führte Isabell Hülsen
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