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30.03.2009
 

US-Zeitungskrise

"Wir wollen den Kopf nicht in den Sand stecken"

Ein globales Aushängeschild, frisch und elegant - so sieht Martin Gottlieb, leitender Redakteur der "International Herald Tribune" sein Blatt. Im SPIEGEL-Interview spricht der Zeitungsmann über die Krise, soliden Journalismus und die Herausforderungen des Internets.

SPIEGEL: Die Anzeigen fallen, die Auflagen bröckeln, US-Zeitungen erscheinen nur noch als Internet-Ausgabe oder machen Bankrott. Eine Krise oder der Untergang einer Branche?

Gottlieb: Die US-amerikanische Zeitungswelt steckt in einer Krise, die in den Sechzigern begann: New York hatte damals sieben Tageszeitungen, heute sind es noch drei; die typische Stadt hat nur noch eine. Und in einigen Orten gibt es das Lokalblatt nur noch als Internetversion.

"International Herald Tribune"-Redakteur Gottlieb: "Zeitungen bieten den Vorzug der Auswahl"
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Stefan Simons

"International Herald Tribune"-Redakteur Gottlieb: "Zeitungen bieten den Vorzug der Auswahl"

SPIEGEL: Zeitung lesen am Bildschirm - liegt hier die Zukunft?

Gottlieb: Wir wollen den Kopf nicht in den Sand stecken: Die Art, wie Menschen sich informieren, hat sich entscheidend geändert, es gibt handfeste Vorteile, Nachrichten über das Internet zu beziehen und dabei gleich noch Netzwerke mit anderen Lesern zu knüpfen. Da liegt das Internet vorn.

SPIEGEL: Stecken viele Zeitungen auch deswegen in der Krise, weil sie mittlerweile börsennotierten Konzernen gehören, die auf die Rendite blicken?

Gottlieb: Der Druck auf den Mediensektor ist höher als in anderen Bereichen - dabei haben viele der großen Zeitungen durchaus ansehnliche Profite gehabt. Aber während etwa die "Los Angeles Times" einst beinahe über eine Monopolstellung verfügte, steht das Unternehmen jetzt unter Druck durch die nationale Konkurrenz, die kleinen Lokalblätter, die mit Billigbudget operieren und - das Internet.

SPIEGEL: Wo bleibt der Mehrwert der Zeitung?

Gottlieb: Bei der Nachrichtenbeschaffung liegen solide Redaktionen noch immer weit vorn. Die "New York Times" steckt enorme Mittel in diese Arbeit - und schafft damit einzigartige Qualität. Beispiel Irakkrieg: Wir haben von Bagdad aus den Konflikt verfolgt, mit eigenen Journalisten, Fotografen Video-Produzenten, Übersetzern, Sicherheitskräften - ein einziges, gepanzertes Auto kostet 400.000 Dollar. Da kann das Internet nicht mithalten.

SPIEGEL: Genügt diese Exklusivität, wenn per Mausklick alle Informationen kurz darauf verfügbar sind, kostenlos obendrein?

Gottlieb: Alle schwärmen von der "demokratischen Verbreitung" von Nachrichten, dem weltweiten Zugriff. Das funktioniert. Doch Zeitungen bieten den Vorzug der Auswahl; sie prüfen nach, sich gewichten, bündeln. In der unübersehbaren Fülle der Informationen sagt die Zeitung: Hier liegen die Schwerpunkte, das zählt.

SPIEGEL: Funktioniert das auch für die "International Herald Tribune" (IHT)?

Gottlieb: Die IHT hat eine Viertelmillion Auflage rund um die Welt, eine internationale Leserschaft und profitiert vom Ruf und der Qualität der "New York Times", die dahintersteht: Wer sonst hat 40 Büros weltweit?

SPIEGEL: Ein globales Blatt mit amerikanischer Perspektive - geht das, trotz Krise?

Gottlieb: Wir sind stolz auf unsere kleine Gruppe von eigenen Reportern und Kommentatoren und besitzen Redakteure, die die Geschichten für die internationale Leserschaft aufbereiten. Deswegen auch die verschiedenen Ausgaben etwa für Europa oder Asien.

SPIEGEL: Warum haben Sie dem ehrwürdigen Traditionsblatt ein neues Gesicht verpasst?

Gottlieb: Wir wollen ein besseres Produkt, nicht nur optisch. Die IHT ist heute schon direkt eingebunden in die Arbeit der globalen Zentralen in New York, Paris und Hongkong, die rund um die Uhr arbeiten; auch die Online-Ausgaben werden verknüpft. Daneben soll die IHT aber ihr eigenes Profil behalten - als globales Aushängeschild der "New York Times".

SPIEGEL: Wird das genügen im raueren Wettbewerb?

Gottlieb: Zeitungen, heißt es, seien dem Tod geweiht wie einst Dinosaurier. Tatsächlich sind sie für Millionen Menschen noch immer die wichtigste Informationsquelle. Der Griff zum Papier erlaubt schnelles Überfliegen, und nebenbei wird der Leser auf andere Themen aufmerksam gemacht - eine Hierarchie verschiedener Themen, Typen und Standpunkte. Unser neues Layout bietet diesen Nachrichtenmix in einem frischen, eleganten Look.

Das Interview führte Stefan Simons

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