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02.04.2009
 

Finanzkrise

Ein Hoch auf die Abwrackistas!

Von Reinhard Mohr

In Frankreich nimmt man Manager als Geiseln, in Deutschland mobilisiert die Krise andere Kräfte: Man kauft - angespornt von der Abwrackprämie - Autos. Die Massenbewegung made in Germany ist aber gar nicht bieder, sondern Symbol einer neuen deutschen Lässigkeit.

Die Experten wissen natürlich immer alles besser, auch wenn sie sich häufig gegenseitig widersprechen: Sinnlos hinausgeworfenes Steuergeld sei das, ein Strohfeuer, das später als Bumerang einer tiefen Absatzdelle zurückkehre, nichts als konjunkturpolitische Symbolpolitik. Die Abwrackprämie - ein schädliches Nullsummenspiel.

Dieselben Wirtschaftsexperten haben allerdings noch vor Jahresfrist kein Wort über die schwerste Rezession seit 70 Jahren verloren, die nun die ganze Welt in Bann schlägt. Die prophetischen Gaben der versammelten Ökonomieprofessoren sind also äußerst dürftig, auch wenn sie stets das Gegenteil behaupten.

Dabei ist der umwerfende Erfolg der Abwrackprämie zum großen Teil gar nicht ökonomisch, sondern massenpsychologisch, kulturell und gesellschaftspolitisch zu erklären. Sie ist die einzige Maßnahme der Regierung, die sofort gewirkt hat und selbst den schwer angeschlagenen Opelanern ein wenig Luft verschafft. Dass die Aktion nur einen vorübergehenden, geradezu künstlich hervorgerufenen Absatzboom in der Autobranche hervorgerufen hat, ist offensichtlich. Aber darum geht es ja gerade: Jetzt zu handeln, gleichsam stante gaspedalis, im Augenblick der größten Not.

Gegensteuern und durchstarten

Was den semantischen Gehalt des "Strohfeuers" betrifft: Was waren denn die gigantischen Immobilien- und Kreditblasen der vergangenen Jahre anderes als riesige, freilich unsichtbare Strohfeuer, in denen jetzt ganz real Billionen verbrannt werden? Wo war denn dort das Prinzip vorausschauender Nachhaltigkeit? Und wo waren all die professionellen Besserwisser, Masters of the Universities, die laut und vernehmlich vor dem Supercrash gewarnt hätten?

Nun ist guter Rat teuer, während die apokalyptischen Warnungen im Stundentakt auf uns herniederprasseln. Und hier kommt, neben allen Krisengipfeln, Finanzmarktreformen und internationalen Dauerkonferenzen, die Psychologie ins Spiel. Die Wahrheit ist: Der kleine Mann und die kleine Frau auf der Straße können eigentlich gar nichts tun - außer die Ruhe zu bewahren, morgens wie immer ins Büro zu fahren und schön weiter einkaufen zu gehen.

Auch die Demonstrationen vom vergangenen Wochenende haben nichts daran geändert: Die Bürger, so wütend sie über all die Bank- und Bonus-Exzesse sein mögen, sind zur Passivität verdammt. Selbst der Blick nach Frankreich, wo orts- und kulturübliche Aktionen in Fabriken bis hin zur Geiselnahme einzelner Manager für para-revolutionäre Gefühlsabfuhr sorgen, bringt uns nicht weiter.

Denn auch das sind eher hilflose Strohfeuer einer Volkswut, die nicht recht weiß, wohin mit all den vagabundierenden Empörungsenergien. Aber so ist er eben, der sympathische Franzose: Erst einen kleinwüchsigen Ersatzkaiser wählen und dann, ein Jahr später, schon wieder mit der Revolution liebäugeln. Allerdings, naturellement, nur bis zum nächsten Piquenique am Meeresstrand.

Die Deutschen, gebrannte Kinder von Inflations-, Arbeitslosigkeits-, Revolutions- und Kriegswirren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sublimieren ihre Erregungsängste ganz anders. Ihre Revolte ist die Abwrackprämie, die geordnete und staatlich reglementierte Metamorphose von alt zu neu. Ohne Antrag läuft hier nichts, dafür gibt es auch etwas gratis: Die Veränderung eines misslichen Jetzt-Zustandes in ein Stück Zukunft auf vier Rädern.

Die Möglichkeit, etwas selbst zu tun, handeln zu können. Wenigstens ein bisschen. Ein letzter Hauch von Fortschrittsoptimismus, der in all den schwarzen Untergangsszenarien nicht mehr zu finden ist.

Das ist die Logik des guten alten Futurismus: Die Vergangenheit wird zu werthaltigem Schrott verarbeitet, und schon die neue Sechsgangschaltung ist ein kleiner Schritt ins Paradies.

Staatlich finanzierte Massenbewegung

Hinzu kommt der massenpsychologische Effekt dieser kollektiven Demonstration in den Autohäusern der Republik, der sich beinah spielbildlich zu jenen Protesten verhält, die unter dem Motto "Wir zahlen nicht für eure Krise!" standen. Die nunmehr über eine Million Vorkämpfer für die Abwrackprämie, die offenbar allein von schlechter Computersoftware zu stoppen sind, versammeln sich unter einer ganz anderen Parole. Sie könnte heißen: "Wir rechnen damit, dass ihr zahlt - und wir nehmen, was wir kriegen!"

Obwohl in allen Massenmedien seit Monaten konsequent daran gearbeitet wird, dass die Laune der Deutschen endlich wieder viel schlechter wird als die Lage - was dem langjährigen Normalzustand entspräche -, trotzen gerade Hunderttausende Abwrackistas zwischen Kiel und Füssen dem historischen Trend. In langen Schlangen anstehend verbreiten sie einen unverschämten Kaufoptimismus. Wer am vergangenen Sonntag über den Berliner Kurfürstendamm flanierte, sah gehobene Exemplare dieser Gattung sogar durch den Luxussalon von BMW streifen.

Mag sein, dass die blankgeputzte Kühlerhaube eines BMW Z4 Roadster des Deutschen Himmelreich ist, was unter Klimaschutzaspekten gewiss der Kritik unterworfen werden kann. Doch entscheidend ist das, was im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" jüngst als neue German Lässigkeit bezeichnet wurde: Eine Gelassenheit, die aus den Untiefen der Erfahrung kommt.

Sie weiß, dass das Leben weiter geht und richtet sich auch in der Krise, ja, erst recht in ihr, darauf ein. Mit einem schönen neuen Opel geht's dann vielleicht schon bald wieder mal nach Italien.

Wie früher, damals, als alles anfing.

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insgesamt 41 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.04.2009 von PML: Mohr mal wieder im Denktief

Tja, mal wieder ein typischer Reinhard Mohr. Peinlich. ---Zitat--- In Frankreich nimmt man Manager als Geiseln, in Deutschland mobilisiert die Krise andere Kräfte: Man kauft - angespornt von der Abwrackprämie - Autos. Die [...] mehr...

03.04.2009 von Neurovore: ...

Doch, doch. Da werden einfach ein paar geplatzte Auto-Finanzierungsverträge mit anderem Geraffel gebündelt und an die Amerikaner verscheuert. Und damit das klappt, wird schon mal die eine und andere Bank verstaatlicht. mehr...

03.04.2009 von tcps: Falsches Timing

Lässig ist gut, wenn man es kann. Es ist aber so mancher schon aus Lässigkeit gestolpert und auf die Nase gefallen. Einen naiveren Kommentar auf die Abwracksituation in diesem unseren Lande habe ich in letzter Zeit jedenfalls [...] mehr...

02.04.2009 von Neurovore: ...

So isses ! Wäre vielleicht überlegenswert, ob man die Verantwortlichen nicht wegen Verstoß gegen Artikel 14, Absatz 2 GG " Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." am [...] mehr...

02.04.2009 von josef k.: Das gibts ja wohl nicht...

Einen blödsinnigeren Kommentar habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gelesen. Ökonomen sind also keine Propheten? Potzblitz, wer hätte das gedacht? Was braucht es aber Propheten oder Ökonomen, um zu erkennen, wie geradezu [...] mehr...

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