SPIEGEL ONLINE: Herr Baumann, wie lange haben Sie harte Drogen genommen?
Baumann: Alles in allem ein Vierteljahrhundert. Inzwischen bin ich allerdings seit fast 16 Jahren clean.
SPIEGEL ONLINE: 25 Jahre harte Drogen. Erstaunlich, dass Sie das überlebt haben.
Baumann: Ja, das wundert mich manchmal selbst, aber letztlich wollte ich überleben. Bevor ich endgültig aufhörte, sagte mir ein Arzt im Urban-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg: "Du kannst jetzt hier wieder rauskrauchen und weitermachen, dann kommst Du in weniger als zwei Wochen im Plastiksack wieder." Die Vorstellung hat mir nicht gefallen.
SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie zum ersten mal Drogen konsumiert?
Baumann: Das war 1964, als wir vor der Gedächtniskirche in West-Berlin saßen. Man nannte uns "Gammler". Es fing alles mit Captagon an, einem Aufputschmittel, oder Romilar, einem Hustenmittel aus dem Hause Bayer, das bei kräftiger Dosierung leicht halluzinogen wirkte. Erst 1966 sind die Ersten nach Marokko und Afghanistan gereist und haben Haschisch nach Berlin gebracht.
SPIEGEL ONLINE: Sie gehörten Ende der glorreichen Sechziger Jahre zu einer West-Berliner Gruppe mit dem eigenwilligen Namen "Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen". Sie haben nicht nur Drogen aller Art konsumiert, sondern auch fröhlich die Polizei angegriffen, mit der Parole: "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein."
Baumann: Wir haben die Realität ausgeblendet, nicht unähnlich Soldaten vor einer Schlacht. Drogen und Kriegertum waren schon immer untrennbar miteinander verbunden. Aber wir haben damals nicht gedacht: So, wir nehmen jetzt schön viel Drogen, dann können wir besser Krawall machen. Wir wollten damals den Neuen Menschen schaffen. Wir wollten mit Drogen unser Bewusstsein erweitern und in neue Sphären vordringen.
SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, dass Drogen das Bewusstsein erweitern?
Baumann: Nun, wer einmal LSD, Mescalin oder Fliegenpilze zu sich genommen hat, weiß, dass dem schlicht so ist. Der englische Schriftsteller Aldous Huxley, der das Werk "Pforten der Wahrnehmung" verfasst hat, schlug vor, man solle halluzinogene Drogen nehmen und anschließend in die Museen ausschwärmen und Bilder betrachten.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie seiner Devise einmal gefolgt?
Baumann: Ich habe mich mal auf LSD in Wien vor das "Jüngste Gericht" von Hieronymus Bosch gesetzt. Ganz alleine saß ich da eine halbe Stunde, bis ich endgültig auf einem Horrortrip war und rausrannte. Purer, schlichter Horror.
SPIEGEL ONLINE: Locken Drogen also nicht nur, weil sie Licht und Aufklärung verheißen, sondern auch weil sie für Düsternis und Schrecken sorgen?
Baumann: Das Dunkle gehört zur Erkenntnis dazu. Der Mensch ist kein freundliches kleines Wesen, wie sich das Rousseau vorgestellt hat.
SPIEGEL ONLINE: Wann dämmert es Ihnen, dass es nicht nur schön und lustig ist, Drogen zu nehmen?
Baumann: Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich durch Opiate wie Morphin und Heroin mit dem Phänomen Sucht konfrontiert war. Die Drogen griffen meinen Körper an - nicht nur Gelbsucht - bis mein Körper nicht mehr ohne Drogen funktionierte.
SPIEGEL ONLINE: Sie und Ihre Rauschgenossen haben Opiate fröhlich verharmlost, etwa mit dem Slogan: "Haschisch, Opium, Heroin, für ein schwarzes West-Berlin".
Baumann: Da kann ich mich selbst nur noch drüber wundern, wie wir auf einen derartigen Irrsinn kamen. Wir haben mit Opium angefangen, aber haben die Folgen nicht überblickt. Es gab damals kaum abschreckende Beispiele. Leute, die in der West-Berliner Nervenklinik "Bonnies Ranch" landeten, wo auch der Jazz-Musiker Chet Baker mal eingeliefert wurde, die trafen alte Junkies. Wir hätten auch Hans Falladas Junkie-Geschichten lesen können. Die sind hochaktuell, aber uns fehlte die Erfahrung.
SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen machten Sie dann?
SPIEGEL ONLINE: Als Sie Ende der Sechziger anfingen, Drogen zu nehmen, tat dies in der Bundesrepublik ein kleiner elitärer Zirkel, heute geht die Zahl der Kiffer in die Millionen, Hunderttausende nehmen Ecstasy.
Baumann: Stimmt, heute sind Krethi und Plethi dabei. Wir haben teils Drogen wiederentdeckt, teils neu entwickelte wie LSD zum ersten mal probiert. Wir waren - so gesehen - Pioniere.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auch durchweg positive Erinnerungen an Drogen?
Baumann: Auf LSD habe ich Naturerlebnisse gehabt, die ich nicht missen möchte. Das war wunderschön.
SPIEGEL ONLINE: Predigen Sie heute Abstinenz?
Baumann: Ja, das tue ich, auch wenn es wenig Sinn macht. Jeder bildet sich zunächst ein, dass er die Droge im Griff hat und nicht sie ihn. Das ging mir auch so. Außerdem sagen die Jungen doch: Von so einem senilen Trottel lass ich mir doch nichts erzählen.
SPIEGEL ONLINE: Wie soll der Staat mit Drogen umgehen?
Baumann: Die Prohibition, das Verbieten, bringt nichts. In Jahrzehnten der Prohibition hat der Konsum nur zugenommen. Die organisierte Kriminalität floriert, Terroristen finanzieren sich durch den illegalen Handel mit Drogen. Für die Taliban in Afghanistan ist die Prohibition doch ein Geschenk des Himmels.
SPIEGEL ONLINE: Was sollte man tun?
Baumann: Wir müssen uns eingestehen, dass der Krieg gegen die Drogen gescheitert ist. Sucht hat psychische Ursachen und die lassen sich nicht mit Waffen aus der Welt schaffen. Es muss eine Freigabe von Drogen geben, aber es kann nicht alles im Supermarkt im Regal liegen. An Kinder und Jugendliche dürfen keine Drogen verkauft werden. Wir brauchen eine Diskussion darüber, wie die schrittweise kontrollierte Freigabe im Detail ablaufen sollte.
SPIEGEL ONLINE: Was ist aus Ihren alten Freunden aus der Zeit der Haschrebellen geworden?
Baumann: Von denen, die damals in West-Berlin anfingen, Opiate zu nehmen, das waren gute hundert Leute, leben heute vielleicht noch zehn. Bei denjenigen, mit denen ich damals im Knast saß und die Drogen nahmen, sind auch neun von zehn tot. Wenn sie nicht an einer Überdosis gestorben sind, dann an Krankheiten, die vom Drogenkonsum gefördert wurden. Es waren viele fähige Leute dabei, kreative, sensible Menschen. Meine Kumpels könnten einen eigenen kleinen Friedhof füllen.
Das Interview führte Michael Sontheimer
Bommi Baumann: "Rausch und Terror. Ein politischer Erlebnisbericht", Rotbuch Verlag, Berlin, 240 Seiten, 17,90 Euro.
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