Von Christian Buß
Politiker und Pädagogen, schaut auf diese Stadt! "Blicken wir mal nach Hannover", forderte Claudia Roth, die Frau für fanfarenartig vorgetragene Spontaneingebungen, irgendwann gegen Ende der Sendung. "Da wird der Mehmet von dem Moritz zum Geburtstag eingeladen."
Keck, wie die alliterationsselige Grünen-Bundesvorsitzende bewusst oder unbewusst "Max und Moritz" aufs multiethnische Hier und Jetzt ummünzte - immerhin lieferte Wilhelm Busch hier ja so was wie die erste aktenkundige Beschreibung jugendlicher Intensivstraftäter. Was andere Großstädte genau von Hannover lernen können, blieb allerdings nebulös. Es musste wohl etwas mit der Jugendkriminalität zu tun haben, die in der niedersächsischen Metropole rückläufig ist.
Jugendkriminalität? Ja, das war tatsächlich das Thema am Sonntagabend bei Anne Will. Die Welt schaute zu den Wirtschaftsmächtigen nach London und zum Abrüstungspropheten Obama nach Prag, in der ARD aber diskutierte man über den Berliner Problemkiez Neukölln. Diese lokale Problemdebatte mag angesichts der globalen Krisenbewältigungsversuche des vergangenen Wochenendes zwar auf den ersten Blick abwegig erscheinen, doch hat sie durchaus ihre Berechtigung.
Warum nicht ein Thema vertiefen, das sonst immer nur bei spektakulären Ereignissen atemlos und alarmistisch aufs Tapet gebracht wird? Wie wenig sinnvoll es ist, in der Erregung Strategien der Gewaltbekämpfung entwickeln zu wollen, zeigten ja unlängst erst die vielen Fernsehgesprächsrunden unmittelbar nach dem Amoklauf von Winnenden. Da gab es viel Aktionismus, aber wenig Reflexion.
So gesehen war das - medial betrachtet - antizyklische Vorgehen der "Anne Will"-Redaktion am Sonntag erst mal zu begrüßen. Blöde nur, dass man sich da ein ziemlich trostloses Trüppchen von Parolenschwenkern und TV-Pappkameraden zusammengecastet hatte.
So war im Studio unter anderem der hessische Innenminister Volker Bouffier anwesend, der als Knappe seines Landesfürsten Roland Koch mit vollmundigen Forderungen nach einem verschärften Jugendstrafrecht die Macht für die CDU erhalten wollte: Populismus pur. Erstaunlich, dass der Politiker noch immer zu nichts anderem in der Lage war, als die stets gleichen Forderungen zu wiederholen: "Wir reden zu viel über die Täter und zu wenig über die Opfer."
Opferschutz klingt natürlich gut. Aber ohne Beschäftigung mit den Tätern wird man nun mal auch nicht die Verbrechen verstehen - und also auch keine nachhaltigen Abwehrmaßnahmen entwickeln können.
Ob man sich allerdings so eine Sozialschmonzette wie den Hallenser "Polizeiruf 110" gewünscht hätte, um in die Welt junger Kleingangster einzutauchen, ist eine andere Frage. Im Krimi-Oldie, dessen 300. Folge vor der Will-Sendung lief, ging es um jugendliche Delinquenten und ihre Orientierungsprobleme. Das gut gemeinte Pädagogenfernsehen mit stimmungsvollen Plattenbauimpressionen sollte nun der Will-Runde Anschauungsmaterial liefern. Immer wieder wurden Szenen aus dem ARD-Jubiläumsfilmchen in die Diskussion gestreut, geradezu so, als fände man hier letzte Wahrheiten.
Statt der kostengünstigen ARD-Crosspromotion hätte man sich lieber ein paar handfeste Zahlen gewünscht. Die fehlten nun leider komplett in der Diskussion, und das erschwerte es, die Ausführungen des interessantesten Gasts zu verstehen und einordnen zu können. Denn als "mutigste Juristin Berlins" ("Bild"-Zeitung) hat sich die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig zwar schon einen Namen gemacht; ihr radikaler, nicht unumstrittener juristischer Ansatz aber blieb irgendwie im Dunkeln.
Viel hätte man von Richterin Heisig über die langsamen Mühlen des Rechtssystems erfahren können - bei der Oberflächendiskussion in der Will-Runde aber gab sie nur die allzu polemikfreudige Hardlinerin. Etwa als sie fallbeispielmäßig ausmalte: "Ein Kind mit Migrationshintergrund haut einem Kind ohne Migrationshintergrund eine Eisenstange ins Gesicht."
Zu Recht rief das nicht nur die von ihrem "Mehmet und Moritz"- oder "Max und Murat"-Multikulti-Konzept beseelte Claudia Roth auf den Plan, sondern auch den Streetworker Thomas Sonnenburg, der durch die RTL-Doku-Soap "Die Ausreißer" zu Ruhm in der Fernsehrepublik gelangt ist.
Dabei liegen der Lederjackenpädagoge Sonnenburg und die Hauruckrichterin Heisig in vielen Punkten gar nicht so weit auseinander. So mahnte auch er die Verschleppungsgefahren in der Justiz an: "Die Kids sammeln 30 Vorstrafen an", und wenn sie dann mal wirklich spürbare Strafen bekämen, wüssten sie oft gar nicht mehr genau, wofür die eigentlich seien.
Da konnte Juristin Heisig nur zustimmen: "Wenn die mit 14 bei uns ankommen, ist es schon zu spät." Um die jugendlichen Delinquenten schneller in den Griff zu bekommen, bedürfte es allerdings keiner neuen Gesetze - und hier unterschied sich die praktizierende Hardlinerin Heisig durchaus vom populistischen Hardliner Bouffier -, vielmehr müssten die bestehenden Regelsysteme nur verstärkt und verknüpft werden.
Nun klingt es erst mal schlüssig, dass zum Beispiel Polizei und Justiz enger zusammenarbeiten. Dass Heisigs sympathisch hemdsärmliger Pragmatismus allerdings auch riskant an der Gewaltenteilung kratzen könnte, kam bei Anne Will nicht zur Sprache. Für solche Feinheiten blieb kein Platz.
Lediglich die problematischen Implikationen einer Erzwingungshaft von Eltern, für die Richterin Heisig plädiert, wurden zum Schluss ausgelassen erörtert. So könnten Vater oder Mutter ins Gefängnis wandern, wenn sie ihrem Erziehungsauftrag nicht nachkommen: Wie cool ist das denn! Ein auf dem Betroffenensofa sitzender Ex-Hallodri mit Migrationshintergrund bekam sich da vor Freude kaum mehr ein: "Dann geht meine Mutter in den Knast, wenn ich die Schule schwänze?"
Ein bisschen weniger Fun und ein paar mehr Fakten wären trotzdem ganz nützlich gewesen. Denn im fröhlichen Tumult ging dann leider nicht nur unter, warum sich eigentlich Claudia Roths Mehmet und Moritz in Hannover so gut verstehen.
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