ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.04.2009
 

Kocherziehung für Kinder

Wiener lehrt Würstchen gutes Essen

Von Peer Schader

Keine Fischstäbchen, keine Burger, keine Pizza? Genau. In der neuen Doku-Show "Sarah und die Küchenkinder" bringt TV-Köchin Sarah Wiener kleinen Essern bei, wie was richtig Gutes auf den Tisch kommt. Ein echter Fernsehleckerbissen, der ganz auf Boulevard-Zutaten verzichtet.

Zwölf Teenager sitzen zusammen an einem langen Tisch und essen Nudeln mit Tomatensoße, die sie vorher selbst gekocht haben. Was stimmt an diesem Satz nicht? Na, hören Sie mal. Gucken Sie sonst nicht fern?

Teenager sitzen im Fernsehen nicht an Tischen, erst recht nicht gemeinsam. Teenager im Fernsehen sind außer Kontrolle, haben Drogen- und Alkoholprobleme oder sind von zu Hause abgehauen. Sie werden in Heimen untergebracht, weil die Eltern versäumt haben, für sie zu sorgen. Sie sind laut, unkontrollierbar und müssen gezähmt werden. Kinder im Fernsehen sind Opfer, und Opfer kochen sich nun mal nicht friedlich Spaghetti mit Tomatensoße.

Es sei denn, Promi-Köchin Sarah Wiener bringt's ihnen vorher bei. Und Arte darf dabei zuschauen.

Für die Doku-Reihe "Sarah und die Küchenkinder" hat der Kultursender, den immer alle loben, den aber nie einer einschaltet, Mädchen und Jungs im Alter von zwölf bis 14 Jahren in die Kochferien nach Südfrankreich geschickt. In einem alten Landhaus mit angeschlossenem Biogarten sollen sie mit Wieners Unterstützung innerhalb von zwei Wochen lernen, dass das Essen nicht aus der Mikrowelle kommen muss, sondern viel leckerer schmeckt, wenn man es frisch zubereitet. "Keine Fischstäbchen, keine Burger, keine Fertigpizza", droht die sanfte Stimme des Erzählers aus dem Off.

Das hört sich schlimmer an, als es ist. Denn Wieners Kinderkochkurs ist kein Erziehungscamp für pummelige Gören, deren Drill die Eltern ans Fernsehen abgegeben haben, sondern so was wie Abenteuerferien am Herd. Keiner ist gezwungen worden, die Kinder haben sich freiwillig beworben. Einzige Voraussetzung war: Zweisprachigkeit. Nur wer Französisch und Deutsch kann, durfte mitfahren. Wir sind hier ja nicht bei RTL.

Glücklicherweise ist aber die Sorge, es nun mit lauter Schlaumeiern zu tun zu kriegen, die von den Eltern geschickt wurden, um im Fernsehen zu zeigen, wie wohlgeraten sie sind, unberechtigt. Wieners Küchenkinder stammen zwar (mit einer Ausnahme) nicht gerade aus sozialen Brennpunkten, aber darum soll's auch gar nicht gehen. Stattdessen macht "Sarah und die Küchenkinder" etwas - fürs deutsche Fernsehen - Ungeheuerliches: Die Reihe nimmt die Kinder, wie sie sind. Sie versucht sie nicht zu verbiegen, nutzt sie nicht aus und kommentiert vorsichtig, wie sie sich in den zwei Wochen entwickeln.

Das ist wahnsinnig unspektakulär und eine Riesenenttäuschung für alle, die auf Krawall warten - aber vielleicht genau deshalb so schön, allein schon wegen des ungewohnten Sprachdurcheinanders.

Am Tag nach ihrer Ankunft stehen die Kinder zum ersten Mal mit Wiener in der Küche und bekommen beigebracht, wie man Tomaten und Zwiebeln schneidet, ohne sich dabei mit dem riesigen Küchenmesser wichtige Körperteile abzutrennen. Wer den Knoblauch am feinsten würfelt, darf sich zuerst von den mitgebrachten Erdbeeren nehmen. Und dann säbeln sechs hochkonzentrierte Zweierteams die Zutaten für ihre Soße in Stückchen, so angestrengt, wie man sie sonst nur vor der Playstation sitzen sieht. Nachher, beim Essen, schmeckt die Euphorie, all das selbst zubereitet zu haben, fast besser als die Pasta.

Und der 13-jährige Pablo erfährt gleich mal, worauf es im Leben ankommt, um beim anderen Geschlecht Punkte zu sammeln, wenn er seinem Teampartner begeistert berichtet: "Die Mädchen mögen unsere Soße!"

Nicht in allen Situationen geht es so kuschelig zu. Stattdessen wird ungeduldig gemotzt, wenn der Mürbeteig für den Apfelkuchen nicht so gelingen will, wie Wiener das vorgemacht hat. Und dass die Kinder auch dafür verantwortlich sind, den Gemüsegarten zu pflegen, um etwas über die Zutaten zu erfahren, die sie zum Kochen brauchen, artet so manchem dann doch zu arg in Arbeit aus. Den schlimmsten Schock aber kriegt die Gruppe, als nach ein paar Tagen die Zubereitung von frischem Kaninchen auf dem Plan steht.

Während einige der Jungs sich getraut haben, bei der Schlachtung zuzusehen (und den engagierten Profis sogar dabei zu helfen), drehen sich die anderen beim Anblick des gehäuteten Karnickels auf dem Küchentisch angewidert weg. Und obwohl es zwischendurch Tränen gibt, nutzt das Fernsehen diese Situation nicht aus, um - wie es die Boulevardzeitungen taten - einen Skandal daraus zu machen.

Wiener setzt sich lieber mit den Kindern zusammen, um zu erklären, dass es sich nicht vermeiden lässt, Tiere zu schlachten, wenn man sie später essen will. Und dann wird diskutiert. Wer nachher lieber kein Kaninchen zubereiten mag, macht eben Omelett.

Küchenkind André sagt anschließend: "Wenn ich groß bin, hab ich vor, Vegetarier zu werden." Weil das Kaninchen so lecker geschmeckt hat, ist es ihm vorerst aber nicht besonders eilig damit.

Kann sein, dass die Welt in "Sarah und die Küchenkinder" ein bisschen zu sehr in Ordnung ist. Dass alle ein bisschen zu freundlich zueinander sind, zu verständnisvoll und wissbegierig. Aber wenn man zu Hause vor dem Fernseher sieht, wie die Sonne das Landgut in sommerliches Gelb tunkt und alle auf der Terrasse sitzen, gemeinsam essen und zwischendurch zur Entspannung schwimmen gehen, möchte man sofort seine sieben Sachen packen und augenblicklich nach Südfrankreich aufbrechen. Mindestens, um mitzukochen.

Und während wir sonst vom Fernsehen ständig vorgeführt bekommen, dass Kinder bloß Probleme machen, ist die Reihe eine wunderbare Abwechslung - an der vielleicht das Traurigste ist, dass sie nicht für ein größeres Publikum bei ARD oder ZDF läuft, wo dafür womöglich die eine oder andere Telenovela oder sogar Johannes B. Kerner pausieren müsste.

Aber daran sind wir ja längst gewöhnt: Dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das wir haben, ungern Opfer für das öffentlich-rechtliche Fernsehen bringt, das tatsächlich möglich wäre. Nicht nur bei Arte.


"Sarah und die Küchenkinder", zehn Folgen, montags bis freitags um 20.15 Uhr bei Arte.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 31 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
16.04.2009 von electricalengineer: Top Sendung!! Leider werden sie zu wenige sehen.

Ich finde die Sendung hoch interessant. Natürlich ist das wahre Leben nicht so, aber es ist doch scön wenn es noch ein paar Inseln gibt. Viele Kinder wissen doch gar nicht mehr wo das Gemüse und Obst oder auch die Milch herkommen. [...] mehr...

08.04.2009 von mbberlin: ....

Da haben Sie was völlig anderes gesehen als ich. mehr...

08.04.2009 von frubi:

Sehr guter Beitrag. Frau Wiener ist und bleibt einfach eine unsympathische und total ICH-bezogene Person mit der Weitsicht eines Amisch. mehr...

08.04.2009 von supercat: Alles wird gut.

Alles schön und gut. Aber was hat das mit der TV Reihe zu tun? Frau Wiener oder ihre Produzenten sind nicht die Macher von "We feed the World" oder oder "Monsanto mit Gift und Genen", sondern sie haben [...] mehr...

08.04.2009 von frubi:

Sie entnehmen meiner Kritik an Bio-Nahrung dass ich ungesund esse?? Sehr mutig. Ich halte nur diesen "Bio"-Wahn der bekanntlich von Frau Wiener unterstützt wird für falsch. Mann kann sich auch ohne [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP