Bertolt Brecht hätte natürlich längst schon seine Worte wiedergefunden. Listig hätte er gefragt: Was sind das für Zeiten, in denen das Feuilleton so viel langweiliger ist als der Wirtschaftsteil der großen Zeitungen? Was sind das bloß für Zeiten, in denen man im täglichen Dauerfeuer der Zahlen zwischen Millionen, Milliarden und Billionen, Zeichen des historischen Quantensprungs, fast keinen Unterschied mehr spürt? Was sind das für Zeiten, in denen selbst die konservative "FAZ" titelt: "Wohin nur mit unserer Wut?"
Abgewrackte linke Utopie: Die Revolution braucht einen Tapetenwechsel
Dies aber ist das Signum der Krise: Das Pendeln zwischen Wut und Sprachlosigkeit. Zwischen ungläubigem Zorn und abgebrühter Resignation. Zwischen revolutionärem Bauchgefühl - Hängt sie! Hängt sie höher!" - und pragmatischer Vernunft. Der Mund steht offen, aber ein richtiger Schrei kommt nicht heraus.
Dankbar stürzen wir uns da auf die Abwrackprämie und die Dauerdebatte über sie - eine schöne und sehr deutsche Ersatzhandlung. Das Schnäppchen als Revolte des kleinen Mannes. Zugleich eine willkommene Ablenkung von unserer Hilflosigkeit.
An der Stille nach dem Crash ändert das nichts.
Denn inmitten aller großen Worte herrscht ein gespenstisches Schweigen. Über allen Krisengipfeln ist eine merkwürdige Ruh', und das vom "schwarzen Block" abgefackelte Hotel in Straßburg ist nur das Fanal eines kleinen, sinnlos wütenden Mobs, der der weltweiten Kapitalvernichtung wenigstens ein kleines autonomes Feuerchen eigenhändiger Destruktion entgegensetzen will.
Mehr ist nicht, allen politischen Parolen zum Trotz.
Denn die "Linke", ob als SED/PDS-Erbin oder vollautonom und linksradikal, ob Attac oder alt-DKP-istisch, ist von der Krise auf dem falschen Fuß erwischt worden. Offenbar hatte sie selbst nicht daran geglaubt, dass sich ihre Warnungen vor Globalisierung und ausuferndem Finanzkapitalismus und sogar noch das Klischeebild vom grenzenlos geldgierigen Kapitalisten derart mustergültig bewahrheiten würde.
In jenem Augenblick also, da die globalisierungs- und kapitalismuskritische Linke sich vollauf bestätigt fühlen könnte, scheint sie schwach wie nie. Lafontaines Truppen stehen in den Umfragen bei zehn Prozent, weniger als vor einem Jahr. CDU und FDP dagegen, eben noch Protagonisten des allseits bekämpften Neoliberalismus, gewinnen. Was in den Talkshows gerade noch so wortmächtig klang, wirkt nun fast kleinmütig und abgestanden, jetzt, da es mehr oder weniger fast alle sagen.
Von den üblichen Verdächtigen, den linken Intellektuellen, ist schon lange nichts mehr zu hören, von Ausnahmen hier und da abgesehen. Nur Günter Grass brummelt ab und zu etwas über den "Raubtierkapitalismus", bevor er sich die nächste Pfeife stopft und im Übrigen dazu aufruft, die SPD "nicht im Stich zu lassen".
Nebenbei gefragt: Warum eigentlich nicht?
Nein, in der größten Krise des weltweiten Kapitalismus seit Menschengedenken weht der Zeitgeist keineswegs links - trotz aller Empörung über unverschämte Manager-Boni und die organisierte Verantwortungslosigkeit einer moralisch verkommenen Spekulantenkaste. "Rot stellt sich tot", resümiert Christian Geyer in der "FAZ". Wie hätte etwa der Grafiker Klaus Staeck, nun Präsident der Akademie der Künste zu Berlin, vor vierzig Jahren das sinnstrotzende Bild von der gigantischen Privatburg des verurteilten Steuerbetrügers und Ex-Postchefs, Klaus Zumwinkel, am Gardasee zum revolutionären - und witzigen! - Plakatmotiv umgestaltet!?
Die Revolutionäre von einst sehen heute ganz schön alt aus
Auch die Demonstrationen in London, Straßburg und Baden-Baden waren lächerlich klein, misst man sie an den historischen Umständen und den vollmundigen Ankündigungen. Selbst die konzertierte Aktion "Wir zahlen nicht für Eure Krise" Ende März in mehreren deutschen Großstädten brachte keinen frischen Schwung in den revolutionären Kampf.
Wie auch? Das "breite" und "bunte" Bündnis bestand zum größten Teil aus genau jenen berühmt-berüchtigten Parteien, Grüppchen und Politsekten mit den tiefroten Fahnen, die schon seit Jahrzehnten dasselbe sagen und glauben, recht zu haben, weil die Geschichte des Fortschritts und der Gerechtigkeit auf ihrer Seite stehe. Wer aber gleichsam immer recht hat, dem kommt es weniger auf den konkreten Augenblick an als aufs Prinzip. Da verpasst man schon mal den rasanten Steilpass, den die Geschichte schlägt, den Anhauch des historischen Augenblicks.
So ist die offensichtliche Schwäche der Linken nicht zuletzt ihre Unfähigkeit, angemessen auf den einmaligen geschichtlichen Moment, auf die für viele Menschen ebenso verwirrende wie bedrohliche Realität der Krise zu reagieren.
Genau das war stets die Stärke einer erfolgreichen Protestbewegung: Der Wirklichkeit (oder Teilen von ihr) zur Sprache zu verhelfen, um sie zu verändern. Ganz konkret. Und überraschend. Wie 1968. Wie in den siebziger und achtziger Jahren bei der Ökologie- und Anti-Atomkraftbewegung. Wie im Herbst 1989, als die Mauer fiel. Stets spielte dabei das Aussprechen von unterdrückten oder verdrängten Gefühlen und Wahrheiten eine entscheidende Rolle, Witz, Esprit, Unverschämtheit, Leidenschaft und ein Schuss Genialität, die in einer "konkreten Utopie" zusammenschossen.
"Unter dem Pflaster liegt der Strand!" - der revolutionäre Traum des Pariser Mai 1968 artikulierte die Sehnsucht nach Freiheit, Glück und Liebe und traf auf millionenfache Resonanz. "Wir sind das Volk!" riefen die mutigen Leipziger im Oktober 1989 und sprachen damit eine schlichte, aber umstürzlerische Wahrheit aus, die das SED-Regime kollabieren ließ.
Die Mächtigen von einst sahen plötzlich sehr alt aus.
Heute sehen die selbst ernannten Revolutionäre ziemlich alt aus.
Zwanzig Jahre später, in der Krise des real existierenden Kapitalismus, scheinen die alten Gewissheiten der traditionalistischen Linken wie eine Barrikade zwischen ihr und der neuen Wirklichkeit zu stehen. Was vermeintlich zeitlos "wahr" schien, wirkt nun anachronistisch, irgendwie gestrig, verbraucht und altbacken, zu mickrig und verstaubt für die neue große Herausforderung.
Den "revolutionären" Moment nutzen andere. Nicht Gregor Gysi, sondern Barack Obama. Recht verstanden: Der neue charismatische Präsident der Vereinigten Staaten ist alles andere als ein Revolutionär. Aber er versucht, auf der Höhe der Zeit zu sein und zu tun, was in seiner Macht steht. Sein Vorteil: Er hält das Heft des Handelns in der Hand. Er versucht, Vertrauen zu schaffen. Und Hoffnung auf bessere Zeiten.
Nach Habermas kam wenig Neues
Das tun allerdings auch andere, die in Regierungsverantwortung stehen. Die Besten und Klügsten unter ihnen lassen sich sogar von den neuen Realitäten verunsichern. Lernen hilft bei der Krisenbewältigung. Neue Einsichten sind willkommen. Hier und da keimt sogar Selbstkritik auf, auch Selbsterforschung: Wieso hatten viele Befürworter der Marktwirtschaft die Gefahren außer Rand und Band geratener Finanzmärkte nicht in der richtigen Schärfe und Größenordnung gesehen? Waren hier zu viel Gutgläubigkeit und Vertrauen aufs Prinzip am Werke?
Die Linke stellt solche Fragen nicht. Sie weiß ja schon alles. Hat immer schon alles gewusst.
Das ist ihr Problem.
Das war einmal ein bisschen anders. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert veröffentlichte Jürgen Habermas, bis heute einer der führenden Theoretiker der aufgeklärten Linken, ein 200-seitiges Büchlein. Titel: "Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus". Marxistisch inspiriert, aber kommunikations- und diskurstheoretisch abgefedert, fragte der Philosoph und Soziologe 1973:
"Ist der Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaftsformation unter den Erscheinungsformen des organisierten Kapitalismus unverändert wirksam, oder hat sich die Logik der Krise geändert? Ist der Kapitalismus gar in eine nachkapitalistische Gesellschaftsformation überführt worden, die die krisenhafte Verlaufsform des ökonomischen Wachstums überwunden hat?"
Viel weiter scheint die Debatte innerhalb der Linken bis heute nicht gediehen zu sein. In der Verurteilung des globalisierten Kapitalismus ist man sich, so oder so, einig. Keine weiteren Fragen. Bei der Formulierung einer grundsätzlichen Systemalternative aber - soll es etwa eine "gebrauchswertorientierte", global gesteuerte sozialistische Planwirtschaft sein? - passt man lieber. Kunststück: Die linken Utopien aus dem 20. Jahrhundert haben sich allesamt verbraucht oder historisch erledigt.
Einen Gipfel der Konkretion hat da schon der linke Publizist und Attac-Aktivist Mathias Greffrath erklommen. Er empfiehlt ganz aktuell, ausgerechnet die Wirtschaftswissenschaften "umzurüsten für die gigantische Aufgabe, die Märkte der Welt so zu regeln, dass Ungleichheit und Ausbeutung aufhören und die Erde bewohnbar bleibt".
Ein schöner Kindertraum, dem sogar Theodor Freiherr zu Guttenberg zustimmen würde. Ein geradezu biedermeierliches Stillleben jenseits von Zeit und Raum.
Aber auch eine Kapitulation vor der Wirklichkeit.
Auf anderen Social Networks posten:
Zuerst einmal sollte man der Begriffsverwirrung Einhalt gebieten! Der Sozialismus marxistischer Prägung ist nicht im klassischen Sinne „links“! Wir erinnern uns: Seit der französischen Revolution pflegt man die Anhänger von [...] mehr...
Ich meinte mit dieser Bemerkjung nicht, dass auf demokratischen Weg eine Änderung möglich wäre. Das tun sie ja wohl auch nicht. Es ging mir mehr um Wahlergebnisse als EHRLICHE Wiedergabe der Einstellungen der Bürger. Und da [...] mehr...
Nun hat der führende SPD-Fuzzi oder auch Sauerland-Komiker Müntefering die Katze aus dem Mindestlohn-Sack gelassen.Die SPD wolle einen Mindestlohn von €7,50,und Lafontaine,der inzwischen €10.- fordert,sei ein Spieler.Dabei hat [...] mehr...
Natürlich darf man sich Geld dafür von einer Bank leihen, das ist gängige Prais. Wo das Geld herkommt ist egal, entscheidend ist, dass Sie darüber verfügen können. mehr...
Hatten Sie nicht selber gerade weiter oben von "Pausenclowns" gesprochen?! mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH