Von Ingeborg Wiensowski
Bis Dienstag vergangener Woche war die Kölner Kunstmesse "Art Cologne" totgesagt. Bis Dienstagnachmittag, genauer gesagt. Am Abend hatte die älteste Kunstmesse der Welt dann wieder einen Platz im Messe-Ranking, und selbst Rudolf Zwirner, der 1967 den "Kunstmarkt Köln" mitbegründet hatte, war begeistert: "Mein Baby ist wieder auferstanden", befand der Doyen der Kölner Galeristen.
Das Stimmungsbarometer der Sammler, Besucher und Kritiker zeigte alle Facetten über die Wandlung der Messe: von Erstaunen über Wohlwollen bis zur Begeisterung. Weil man eigentlich die "Art Cologne" aufgegeben hatte. Sie war uninteressant geworden, zu groß, zu beliebig und ermüdend unübersichtlich, zu unscharf im Angebot und in der Auswahl der Anbieter. Und die Konkurrenz hatte nicht geschlafen: Viele Galerien bauen inzwischen ihre Stände auf Messen in Berlin, London, New York oder Miami auf.
Klar hatte man die Ankündigungen des neuen Art-Cologne-Direktors Daniel Hug gehört, dass er die Messe grundlegend erneuern wolle. Aber wie?
Klug und einfach hat Hug, ein Enkel von Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy, die Messe radikal verkleinert und verfeinert. Klasse statt Masse, mit 180 Galerien, von denen 80 zum ersten Mal dabei waren und einige nach längerer Abwesenheit wieder. Annely Juda aus London zum Beispiel und Hans Mayer aus Düsseldorf, der die Art Cologne heftig kritisiert hatte.
Ausgestellt wurde nur noch in zwei übersichtlichen neuen Hallen: unten die wichtige Klassische Moderne und die europäische Nachkriegskunst - beides fehlt auf den Kunstmessen in London oder Berlin - oben die Galerien mit der zeitgenössischen Kunst.
Außerdem waren dort die ganz jungen Galerien zu sehen, die jetzt "New Contemporaries" heißen und deren Stände subventioniert wurden. Auch die früheren "Förderkojen" haben sich internationalisiert, zumindest in ihrer Bezeichnung. Sie heißen jetzt "New Positions", zeigten aber wie eh und je einen von einer Jury ausgewählten Künstler. Und dann gab es noch den "Open Space" für künstlerische Projekte.
Ein bisschen unübersichtlich war das alles, aber nach ein, zwei Runden fand man sich dann doch bei den Zeitgenossen zurecht.
Als die Art Cologne am Sonntag zu Ende ging, waren rund 60.000 Besucher da gewesen - und hatten für Umsätze gesorgt, die "besser als erwartet" waren. Köln spielt also wieder mit unter den europäischen Messen, auch wenn viele der wichtigen Galerien inzwischen der Stadt den Rücken gekehrt haben.
Raffael Jablonka und Monika Sprüth, Aurel Scheibler, Michael Janssen und BQ sind nach Berlin gezogen, Gisela Capitain, Christian Nagel und Daniel Buchholz haben dort Dependancen eröffnet. Vielleicht verfrüht, denn als am zweiten Messetag Gisela Capitain abends ihre Christopher-Williams-Ausstellung eröffnete und der Kunstverein eine Ausstellung mit der jungen Bildhauerin Nora Schulz und der Off-Messe "Dark Fair" im Kerzenlicht zeigte, schien ganz Köln auf den Beinen zu sein.
Und selten hat man später so viele Museums- und Kunstvereinskuratoren und Künstler zusammen sitzen sehen - schon gar nicht in Berlin. Manche in der Kölsch-Kneipe, andere in der Kunstvereinsbar und auf den vielen Treppen im Haus. Kein hektischer Austausch von Party-Adressen, kein VIP-Gerede, kein Gerenne von Event zu Event, keine Wichtigtuerei.
Auch nicht am nächsten Tag, als das Museum Ludwig die auf der Messe von den "Jungen Museumsfreunden" gekaufte Arbeit vorführte und gleichzeitig zu zwei neuen Ausstellungen einlud: der großen Filminstallation "Apocalypto Now" von Jonathan Horowitz und einer begehbaren Gesamtskulptur "Im Netz" von Erik van Lieshout, die man durch ein neues "Loch" in der Ecke der Kassenhalle betritt. Auf roh gezimmerten Treppen und an verkleideten Wänden vorbei erreicht man das Untergeschoss mit den eingebauten Räumen des Niederländers, in denen man seinen langen Film über das Entstehen seines Films und das Leiden des Künstlers am eigenen Ego und an der Kunst sieht. Auch vom Aufstieg und Fall der Kunststadt Köln, vom Kunstbetrieb und seiner aktuellen Krise handelt der Film.
Und während man vom Künstler auf einige Holzwege geschickt wird, sitzt oder liegt man auf einer Lieshout-Holzlandschaft und nimmt sich vor, am nächsten Tag auf jeden Fall wiederzukommen. Schließlich muss man noch die großartige Ausstellung "Porto - Köln" des Hahn-Preisträgers Christopher Wool sehen, Maria Lassnigs Zeichnungen-Retrospektive "Im Möglichkeitsspiegel" und die riesengroße Malerei-Installation der jungen Lucy McKenzie.
Köln hat zurzeit alles aufgeboten in Sachen Kunst. Im erweiterten öffentlichen Skulpturenpark der Stifter Michael und Eleonore Stoffel stehen 17 neue, sensationelle Außenarbeiten von Künstlern wie Dirk Skreber oder Michael Sailstorfer, und in Europas erster "Rental Gallery" mit 270 Quadratmetern haben sich die Athener Galerie "The Breeder" und "Galerist" aus Istanbul bis zum 23. Mai eingemietet.
Obendrein kann man auf kurzen Fußwegen schnell noch im Dom Gerhard Richters Fenster besichtigen oder das geniale Erzbischöfliche Diözesanmuseum "Kolumba" ansehen, dessen Architekt Peter Zumthor gerade zum Pritzker-Preisträger ernannt worden ist.
Am Ende merkt man, wie der diesjährige Art-Cologne-Preisträger Harald Falckenberg, dass Köln sehr wohl eine große Rolle in der Kunst spielt. Er sei immer zur Art Cologne nach Köln gekommen, sagte Falckenberg in seiner Dankesrede im Kölner Rathaus. Aber warum, das habe er eigentlich nicht so genau gewusst - vermeintlich. Jetzt allerdings, als das Historische Archiv einstürzte, habe er gemerkt, wie wichtig Köln für ihn doch sei. Nicht nur, weil er sein erstes Kunstwerk auf der Art Cologne gekauft hatte, und nicht nur, weil Köln deutsche Geschichte und Kulturgeschichte verkörpert, sondern bedeutsam sei für ihn als Hanseat auch, dass Köln im Mittelalter Mitbegründerin der Hanse war.
Und nach einer kleinen sprachgewandten Rede über die alte Hanse und ihre große europäische Bedeutung in Handel und Kultur übergab er seinen Scheck in Höhe von 10.000 Euro genauso ironisch wie elegant "als Hanseat" dem Oberbürgermeister "der alten Hansestadt Köln" - zur Rettung des Kölner Archivs.
Der Applaus der Kölner dauerte minutenlang.
Ausstellungen im Museum Ludwig: Jonathan Horowitz und Erik van Lieshout bis 23.8.; Maria Lassnig bis 14.6.; Lucie McKenzie bis 26.7.; Christopher Wool bis 12.7.
Ausstellung KölnSkulptur 5 - Reality Check bis April 2011, Riehler Straße, 50668 Köln.
Ausstellung im Kölnischen Kunstverein: Nora Schultz bis 7.6.
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