Von Heike Le Ker
Es war Tag sechs nach Bekanntgabe des Schweinegrippe-Ausbruchs. Die Nachrichtenkanäle, Fernsehsender, Zeitungen und Radios waren voll von Berichten über den tückischen H1N1-Erreger, der in Mexiko mindestens sieben Menschen getötet und weitere 27 befallen hat. Möglicherweise sind es aber auch weit mehr als tausend Betroffene - keiner kann das derzeit so genau sagen, und dennoch stellte ARD-Moderator Frank Plasberg - nicht als erster in diesen Tagen - in seiner Talkrunde "Hart aber fair" die Frage: "Ernstfall Schweinegrippe: Droht uns eine weltweite Pandemie?"
Wie alle Journalisten bekam auch Plasberg in seiner Sendung nicht mehr heraus als: Nichts genaues weiß man nicht. Denn noch sind die Fallzahlen zu gering, als dass Wissenschaftler prognostizieren könnten, wie, wo, wann und wie schnell sich der Erreger ausbreiten wird. Ob er zu einem gefährlichen Pandemievirus mutieren oder sich vielleicht sogar selbst limitieren wird, auch darüber war in den vergangenen Tagen bereits hinreichend spekuliert worden.
Dabei hätte Plasbergs Talkrunde aus Ärzten, Forschern und Politikern durchaus neue Fakten schaffen können. Insbesondere der Schweizer Immunologe Bela Stadler präsentierte mehrmals handfeste - und vor allem neue - Thesen in der sonst eher luftigen Diskussion: "Deutschland hat Schwein mit der Schweinegrippe gehabt", freute sich der Leiter des Instituts für Immunologie an der Universität Bern über den noch glimpflichen Verlauf der ersten Infektionen in Deutschland - und über seine launige Formulierung. Seiner Meinung nach wäre hierzulande bei einem aggressiveren Virus die Katastrophe bereits perfekt: "Es ist Ihre Aufgabe, in einem solchen Fall hysterisch zu werden und Präventionsmaßnahmen zu ergreifen", schnarrte er in Richtung Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Gesundheitsministerium.
Zu wenig Hysterie? Keine Panik? Tatsächlich reagieren deutsche Politiker und Ärzte im Vergleich zum Ausland auffallend gelassen auf die Bedrohung durch eine mögliche Pandemie. Während Frankreich Flüge von und nach Mexiko in der EU einstellen lassen, Ägypten seine Schweine keulen und Obama Schulen schließen lassen will, gibt sich Deutschland wachsam und besonnen. Strengere Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen, wie etwa Temperaturscanner, die beispielsweise in Südkorea schon eingesetzt werden, sind hierzulande nicht geplant. Alles sei unter Kontrolle, betonen Politiker quer durch alle Parteien.
Das war bei Frank Plasberg nicht anders. Bloß nicht aufgeregt rüberkommen, mögen sich Schröder und seine Mitstreiter Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, und der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens von der "Süddeutschen Zeitung" zur Vorbereitung vorgebetet haben. Schnelltests, wie von der ehemaligen Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen, Bärbel Höhn (Grüne), gefordert, seien nichts anderes als "Aktionismus und Populismus" (Bartens) und könnten auch noch "falsche Ergebnisse" liefern (Löwer).
Dabei hatte Höhn einen durchaus vulnerablen Punkt in der Seuchenprävention angesprochen: Ziel der derzeitigen Bestrebungen ist es weltweit, dem Virus so wenig Spielraum wie möglich zu lassen. Im Fall der infizierten 22-jährigen Patientin im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf ist das jedoch nicht gelungen: Die junge Frau flog von Mexiko nach Düsseldorf, von dort nach Hamburg und steckte auf ihrem Weg nach Hause möglicherweise mehrere Menschen an. Eine Kontaktperson wird derzeit im UKE mit Verdacht auf Schweinegrippe beobachtet. Weitere Kontaktpersonen jetzt zu finden - darum bemüht sich die Hamburger Gesundheitsbehörde derzeit und betreibt damit eher Schadensbegrenzung denn Prävention. "Man muss am Anfang vorsichtig sein, dass sich das Virus nicht ausbreitet", findet Höhn. "Es danach einzufangen, ist schwierig."
Die Diskussion hätte an diesem Punkt heiß werden können, doch Plasberg schnitt seinen Gästen das Wort ab - zugunsten einer kleinen Einspielung. Das geschah im Verlauf der Sendung noch gefühlte 35-mal und hemmte damit den ohnehin schon zähen Fluss der Debatte. In 75 Minuten Sendezeit musste der eifrige Plasberg nicht nur nassforsche Fragen ("Wann beginnt die Panikmache?") und Interviews mit einem Korrespondenten in Mexiko und einem Medienpsychologen quetschen, sondern auch noch "ganz viel Platz für Ihre Fragen, liebe Zuschauer" einräumen sowie Filmschnipsel zur Spanischen Grippe oder Tamiflu anmoderieren.
Apropos Tamiflu: Nachdem die Runde sich ein paar Minuten lang damit aufgehalten hatte, wer in seinem Kühlschrank antivirale Medikamente für den Ernstfall hortet (Höhn und Stadler "ja", Bartens, Schröder und Löwer "nein, so ein Unsinn"), wurde es noch einmal konkret: "Entscheidet der Wohnort, ob ich Tamiflu bekomme oder nicht?", fragte Plasberg. Zu Recht - denn in Deutschland entscheidet jedes Bundesland für sich, wie, wo und vor allem wie viele Behandlungseinheiten der Wirkstoffe Oseltamivir oder Zanamivir es bevorratet.
Zwar gibt der nationale Pandemieplan vor, jedes Land solle für 20 Prozent der Bevölkerung Medikamente parat haben. Doch während in Nordrhein-Westfalen fast jeder Dritte behandelt werden könnte, gibt es in Hamburg im Ernstfall nur für elf von 100 Menschen eine Therapie. Dass sich diese Zahlen seit der Vogelgrippe offenbar nicht verändert haben, löste bei Plasberg eine - wenn auch kurze - Debatte darüber aus, ob die Kompetenzen in einem Pandemieplan nicht doch besser beim Bund als bei den Ländern liegen sollten. Denn, so bemerkte Löwer, "Viren halten sich nicht an Ländergrenzen".
Zuletzt ging auch noch die wichtigste Meldung des Tages im Zuschauer-fragen-Experten-antworten-Geplänkel unter: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte die Pandemie-Stufe von vier auf fünf hochgestuft, die höchstmögliche Stufe beträgt sechs. Damit gilt die Schweinegrippe-Pandemie nun offiziell als nicht mehr abwendbar, auch wenn weiterhin unklar bleibt, ob das Krankheitsbild, das dieses Virus verursacht, prinzipiell als bedrohlich einzustufen ist. Doch das zu diskutieren, blieb den Gästen keine Zeit.
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Ich habe seinerzeit im Tele-Wischen eine Vogelgrippe-Sendung mit Ranga Yogeswar und der Frau Ministerin Höhn erlebt. Mächtiges BlaaBlaaBlaaa. Herr Yogeswar gab an, für seine Familie und sich das Anti-Vogelgrippe-Medikament [...] mehr...
Habe darüber nachgedacht, ich denke, das strifft zu, habe mich selbst bei solch "paranoiden Anfällen" gefragt, was treibt Dich so an? mehr...
Ja. *Ganz toll*! Es gibt wohl *wenig bescheuerteres* als _nacherzählte_ Talksendungen. Aber wenigstens ist der "SpON" mal wieder im "Rat- Race" der "allerbescheuertesten News" "gut im [...] mehr...
Wenn man die ganze Zeit im Dreck wühlt kann nur Schweinkram rauskommen. Diese Grippe scheint scheint nur durch den Virus "journalistischer Dreck" zu existieren. Es gäbe wohl kein einziges Flugzeug, Handy und Auto [...] mehr...
Zu Zeiten der Vogelgrippe erklärte die damalige NRW -Unwelt-Ministerin Frau Höhn im Telewischen, nachdem ein sogen. Wissenschaffts-Jounalleist namens Ranga USW erklärt hatte, er hätte zum Schutz für sich und seine Familie Tamiflu [...] mehr...
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