Von Karin Schulze
Nachts kann man es im Martin-Gropius-Bau leise klagen hören. Wenn niemand mehr durch die Schau "Sechzig Jahre. Sechzig Werke" streift und die Arbeiten in den Kabinetten um den Lichthof unter sich sind, dann sagen sie leise: "Ich will hier nicht sein".
Der "Migof-Astronaut-Kadaver" (1970) von Bernard Schultze - er schüttelt sich. Der "Hirte" (1966) buckelt unter den Ölfarbschlieren, mit denen Georg Baselitz ihn imaginierte; und die "Aluminiumfrau" von Thomas Schütte (2006) zuckt mit den chromglänzenden Wülsten ihres üppigen Leibes.
Selbst wenn diese Konvulsionen der Verweigerung, bei klarem Licht besehen, natürlich nur Spuk sind - diese Schau tut ihren Exponaten einiges an. Das Ausstellungskonzept zurrt sie chronologisch auf die Zeitschiene, ordnet jedem Jahr der Bundesrepublik von 1949 bis 2009 ein "Meisterwerk" zu, als gäbe es ein "Best of". Ihnen wird zugemutet, "die Geschichte der Bundesrepublik" zu erzählen. Jedes soll "eine anschauliche Erfahrung der Zeit vermitteln, in der es entstanden ist".
Und das alles geschieht, um das Inkrafttreten des Grundgesetzes vor 60 Jahren, am 23. Mai 1949, zu feiern und damit die Gründung der Bundesrepublik. Dafür wurden 60 Künstler zusammengebacken zu einem Geburtstagskuchen für das Land - so als ließen sich Wols und Wasmuht, Hoehme und Höfer, Mack und Meese zu einem Teig verkneten, den man in der Form eines Adlers ausbacken und mit schwarz-rot-goldener Glasur überziehen könne.
Ausgeheckt wurde diese Ausstellungsrezeptur bei einem Abendessen im Berliner Journalistenclub, zu dem "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann geladen hatte - so ist es zumindest im Katalog zur Ausstellung zu lesen. Ein Kuratorium wurde bestellt, ein Großsponsor besorgt, und dann ging es ans Durchdeklinieren: 1949? Ein Bild von Werner Heldt. 1950? Ein Willi Baumeister. Und 2009? Ein Tobias Rehberger.
Uff - das kann man jetzt abschreiten. Spannend aber ist es nicht. Und seltsam wird es, wenn man die Werke auf die zeitgeschichtlichen Ereignisse des betreffenden Jahres beziehen will, die in Extraräumen mit filmischen Dokumenten herbeizitiert werden. Was sagt das "Schwarze Kreuz" von Imi Knoebel über das Jahr 1968? Sollen wir von des Künstlers Bezug auf Malewitsch und den Suprematismus eine Brücke schlagen von der Oktoberrevolution zur studentischen Revolte?
Und Martin Kippenbergers "Sozialkistentransporter" - zwei klapprige Kisten in einer venezianischen Gondel - sieht bezogen auf das Mauerfalljahr 1989 aus, als habe Kippenberger BRD und DDR in einem Boot sitzen sehen. Dabei ging es dem Künstler, folgt man dem Katalog, um Italien-Sehnsucht und Kritik am vorgeblichen Sozialstaat.
Klar, es gibt Werke, die Zeitgeschichte zuspitzen. Da fällt einem etwa die skandalträchtige Nachkriegsarbeit "Die große Nacht im Eimer" (1963) von Georg Baselitz ein. Ist sie zu sehen? Nicht wirklich. Gezeigt wird eine Remix-Version von 2008, als Baselitz seine wichtigsten Bilder ein zweites Mal malte. Und zum Deutschen Herbst böte sich natürlich Gerhard Richters Stammheim-Zyklus "18. Oktober 1977" an. Aber selbst wenn man den bekäme - er ist heute im New Yorker Museum of Modern Art praktisch unabkömmlich - würde er kaum in die Logik der Schau passen, denn gemalt wurde er 1988.
So ist es ein wesentlicher Fehler der Ausstellung, die Ungleichzeitigkeit der Kunst zu vernachlässigen, die sich mal tastend auf Zukünftiges kapriziert, mal scharf in vergangene Wunden schneidet, selten aber ad hoc reagiert - und wenn sie es tut, dann selten gut. Und überhaupt: Wie kann man 60 Jahre Bundesrepublik feiern, wenn die Kunst Ostdeutschlands bis 1989 komplett ausgegrenzt ist? Penck und Richter dürfen erst als Westkünstler ran. Und Mattheuer darf mit seinem "Ausbruch" von 1988/89 gerade noch rein.
Natürlich gibt es trotzdem allerhand zu sehen: Schönes wie Richters "Tiger" (1965). Eindringliches wie Wolfgang Tillmans' "Soldiers"-Installation (2000). Einige sensibel arrangierte Kabinette - vor allem bei den fünfziger und frühen sechziger Jahren, während die großformatige Kunst der letzten Jahrzehnte oft allzu hart gefügt ist.
Und viel Grund sich zu wundern gibt es erst recht: Da ist etwa Joseph Beuys' ganz von Filz umhüllter Fluxus-Flügel von 1966 dem Jahr 1976 zugeordnet. Warum? Peter Iden, Sprecher des Ausstellungskuratoriums, begründet: "Beuys, der deutsche Künstler mit der größten Ausstrahlung seit Dürer, hat in den Siebzigern seine internationale Wirkung entfaltet." Das klingt enthusiastisch, triftig wird die Verortung in 1976 damit aber nicht.
Dabei muss das auf Pianissimo getrimmte Piano dem Kuratorium wirklich wichtig gewesen sein. Denn als der mögliche Leihgeber, das Pariser Centre Pompidou, den Filzflügel anfangs nicht herausrücken wollte, musste sogar die Bundeskanzlerin ran. Angela Merkel rief bei Nicolas Sarkozy an. Der war so charmant, beim Museum zu intervenieren. Und flugs war der Flügel im Anflug.
Viel Einsatz von oben für eine Ausstellung, die sich mit der Bundeskanzlerin als Eröffnungsrednerin staatstragend gibt, anders gesehen aber nichts ist als ein Gimmick für "Bild"-Leser. Seit das Boulevardblatt täglich ein Exponat vorstellt, verkündet es: "Um Ihnen, liebe Leser, die Werke auch im Original zeigen zu können, werden wir sie in einer Ausstellung präsentieren."
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