Von Hobbykoch Peter Wagner
Manchen Musikjournalisten gilt das Hören einer CD vor dem Verfassen der Kritik ja als Ablenkung vom Wesentlichen. So ähnlich verhält es sich mit den Meinungen zu Ferran Adriàs Kochkunst - in über 90 Prozent der Fälle sind sie von keinerlei persönlich erlebten Eindrücken getrübt.
Denn im "El Bulli", nach 2002, 2006 und 2008 nun schon zum vierten Mal vom britischen Fachblatt "Restaurant Magazine" als "Bestes Restaurant der Welt" gekürt, hat kaum einer gegessen: Für die gerade mal 8000 Gourmets, die jährlich bewirtet werden können (50 Personen täglich an 160 Saisontagen), gehen etwa zwei Millionen Reservierungsanfragen ein.
Wer dennoch einen Platz ergattert hat (200 Euro pro Menü, Weinkarte mit 1600 Positionen), für den arbeiten in Küche und Service 60 bis 70 Angestellte. Und sie komponieren und kredenzen ihm 28 bis 35 kleine Gerichte, wo nötig angepasst an die stets vorher abgefragten Ernährungs- und Gesundheits-Spezifika des Gastes.
Nachzulesen ist das alles und noch viel mehr in dem prächtigen, sauschweren Wälzer "Ein Tag im El Bulli". Das Werk will mit seinen 31 zum Teil auch für den Profi kaum nachkochbaren Rezepten kein Kochbuch sein, gehört aber trotzdem in das Regal eines jeden Kochschaffenden, für den Nahrungszubereitung mehr ist als nur erlerntes oder intuitiv reproduziertes Rühren, Braten und Köcheln.
Denn Adrià verrät hier mit 1100 Fotos und etlichen Textseiten den kompletten Jahres- und Tagesablauf seines Projektes, das er mit Dutzenden Mitarbeitern auch in der Zeit, in der das Restaurant geschlossen ist (November bis April), in zwei hochtechnisierten Versuchsküchen ständig weiterentwickelt. So erfährt der Leser, wie akribisch Adriàs Team Zutaten, Garmethoden und Technologien kategorisiert und katalogisiert.
Dass die Sinne der Fokus einer jeden Überlegung in der Küche sein müssen: Diese Aussage wird wahrscheinlich jeder Koch bejahen, ob Profi oder ambitionierter Amateur. Doch nur wenige machen sich derart strukturiert und allumfassend Gedanken zu diesem Thema wie das Adrià-Team: zum Beispiel darüber, wie das Knuspern von Karamell oder Chips die Wahrnehmung des Essens beeinflusst.
Auch den Geruchssinn spricht das Team gezielt an, etwa mit Hilfe eigens entwickelter Löffel-Konstruktionen mit teilweise konträren Aromen. Bei "Orangen-Nitro-Sorbet mit Ballon" entweicht während des Essens aus einem Ballon langsam Luft, die mit Orangenblütenöl aromatisiert wurde.
Zu fühlen gibt es während eines Menüs im "El Bulli" natürlich ebenfalls jede Menge, denn das Team reizt nicht nur das gesamte Spektrum zwischen knusprig und weich voll aus - sondern auch den gesamten Temperaturbereich, der dem Mund zumutbar ist (- 20 Grad bis + 65 Grad).
Folgendes Rezept wäre für das "El Bulli" sicher zu simpel, folgt aber der Antriebskraft Adriàs: Neugier. Warum etwa muss bei Schinkenspargelröllchen immer der Schinken außen und der Spargel innen sein?
Es gibt viel zu tun. Drehen wir's um.
Buchhinweis:
Ferran Adrià: "Ein Tag im elBulli". Phaidon-Verlag, Berlin; 528 Seiten; 31 Rezepte; 49,95 Euro (ISBN: 978-0714858951)
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...aber nur bei richtiger anwendung. und bei zweifeln fragen sie ihren arzt oder apotheker;o) mehr...
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Da ich selbst die Chance hatte bei den Gebruedern Joerg und Dieter Mueller in Wertheim in den "Schweizer Stuben" für ein Jahr kochen zu lernen, kann ich rund 25 Jahre später (allerdings nicht selbst den Beruf des Kochs [...] mehr...
Oder gleich alles zu Extrakten und Schäumchen eindampfen und i.v. zu sich nehmen. Ein Erlebnis, sage ich Ihnen! ;-D mehr...
Ich kann diese Kritik nicht nachvollziehen, denn hier macht sich wenigstens einmal jemand Gedanken darüber, wie man aus einem einfachen, ein bißchen langweiligen Gericht, noch mehr Geschmack herausholen kann. So ein Rezept ist [...] mehr...
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