Von Marc Pitzke, New York
Der "Boston Globe" neigt selten zu melodramatischen Schlagzeilen. Das änderte sich am Montag: "Stimmt zu, sonst setzt's was", schrie es da fett von der Titelseite der größten Zeitung Neuenglands.
Die Worte galten dem "Globe" selbst, besser gesagt seiner Belegschaft. Die New York Times Company, der die Zeitung gehört, hatte den Gewerkschaften in der Nacht ein angeblich allerletztes Ultimatum gestellt: Entweder willigten sie in drastische Lohnkürzungen und andere schmerzhafte Einschnitte in Höhe von insgesamt 20 Millionen Dollar ein - oder man werde das seit 137 Jahren bestehende Blatt eiskalt einstellen.
Der Verlag zog die Drohung später zwar zurück, nach einer Last-Minute-Teileinigung mit den Arbeitnehmern. Trotzdem ist das Debakel nur vertagt - das Damoklesschwert hängt weiter über Bostons einziger seriöser Tageszeitung. Das einflussreichste Medium in der Sechs-Staaten-Region New England, ausgezeichnet mit 18 Pulitzerpreisen und berühmt für seine starken Kolumnisten, ist ein siecher Patient im Endstadium.
"Aussterbendes Geschäftsmodell"
Vor kurzem hätte diese Meldung noch für Unglauben gesorgt: Mit dem "Boston Globe" steht eine der größten US-Tageszeitungen - eine Institution im Nordosten des Landes - vor dem Aus. Zuvor waren dieses Jahr schon die Print-Versionen der "Rocky Mountain News" und des "Seattle Post-Intelligencers" eingegangen.
Die Hiobsbotschaften deuten alle in die gleiche Richtung. Der New Yorker Medienblogger und Journalismusprofessor Jeff Jarvis, Autor des neuen Buchs "What Would Google Do?", nennt Zeitungen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ein "aussterbendes Geschäftsmodell" und prophezeit noch für dieses Jahr einen "grundlegenden Umbruch" der Branche - zu Lasten der herkömmlichen Print-Produkte.
Auch Investorenlegende Warren Buffett, selbst lange ein Zeitungsfan und der größte Shareholder der Washington Post Company, sprach es jetzt offen aus: Zeitungen "waren vor 30 oder 40 Jahren das ultimative Geschäft", sagte er am Wochenende auf der Hauptversammlung seines Konzerns Berkshire Hathaway. "Jetzt haben sie ihre wesentliche Aufgabe verloren." Er selbst würde "zu keinem Preis" mehr neu in Zeitungen investieren - die Verlage schlitterten nur in "endlose Verluste".
Zumindest beim "Boston Globe" trifft das zu. Der war zuletzt nur noch ein Klotz am Bein des ebenfalls maroden Schwesterblattes "New York Times", deren Verlag ihn 1993 für sagenhafte 1,1 Milliarden Dollar gekauft hatte - bis heute die höchste Summe, die je für eine amerikanische Zeitung auf den Tisch geblättert wurde.
Vielseitige Verluste
Der 1872 gegründete "Globe" strauchelt seit Jahren, doch die Medienkrise und die Rezession gaben ihm nun den Rest. Im ersten Quartal 2009 brach der Anzeigenumsatz der "Globe"-Tochter im Vergleich zum Vorjahr um 32 Prozent ein, was die gesamte Times-Gruppe drückte und ihr einen Quartalsverlust von 54,3 Millionen Dollar bescherte.
Derweil stürzte die Auflage in sechs Monaten um 14 Prozent ab, fast doppelt so steil wie im US-Branchenschnitt (7,1 Prozent). Für dieses Jahr erwartet der "Globe" insgesamt 85 Millionen Dollar Miese. Das sind rund 1,6 Millionen Dollar pro Woche.
Erschwerend hinzu kommt, dass das Flaggschiff des Verlags, die "New York Times", durch ähnlich schwere Gewässer laviert. Viele beim "Globe" machen daher die New Yorker Mutter für die Misere verantwortlich. Doch am Ende sind alle in den gleichen Sturm geraten - nur dass man in Boston noch schlechter ausgerüstet ist als die anderen. "Man kann mit dem Finger zeigen, so viel man will", sagt Matthew Storin, Ex-Chefredakteur des "Globe". "Das Internet kam und stahl uns den Löwenanteil des Kleinanzeigenumsatzes."
Die Company verhängte Lohnkürzungen, strich Stellen und Ressorts, bot ihren Anteil am Baseballteam Boston Red Sox feil, verpfändete ihren neuen Wolkenkratzer in Manhattan, lieh sich 250 Millionen Dollar beim mexikanischen Milliardär Carlos Slim. Nichts half. Im Gegenteil: Das redaktionell ausgeblutete Blatt wurde immer unattraktiver für die Leser.
Ausweitung der Überlebenskampfzone
Also begann das Schachern um Opfer. Anfang April verhängte die Verlagsleitung ein Ultimatum: Bis 1. Mai müsse die Belegschaft Konzessionen machen, sonst würden die Druckerpressen stillgelegt. Das Ultimatum wurde später bis Sonntagnacht verlängert. Allein am Samstag verhandelte man 16 Stunden am Stück, in den Räumen der Bostoner Erzdiözese - ein zutiefst ironischer Umstand: War es doch der "Globe" gewesen, der den Sex-Skandal bei der katholischen Kirche in Boston als erster enthüllt und damit 2003 einen Pulitzerpreis gewonnen hatte.
Selbst Appelle der Massachusetts-Senatoren Edward Kennedy und John Kerry sowie von neun Abgeordneten, die den US-Gründerstaat im Repräsentantenhaus vertreten, blieben erfolglos. Die Politiker beschworen "Times"-Verleger Arthur Sulzberger Jr., den "Globe" unter keinen Umständen einzustellen.
Vergeblich: In der Nacht zum Montag spitzte sich die Lage zu. Zwei Stunden vor Ablauf der Ultimatums erklärte der Verlag, er habe den Schließungsbescheid parat. "Wir sind bereit, ihn einzureichen, wenn wir bis Mitternacht keine Einigung erzielen", drohte "Globe"-Sprecher Robert Powers. Ein solcher Bescheid gibt dem Konzern 60 Tage Zeit, die Abwicklung der Zeitung einzuleiten. Ein Gewerkschafter wurde dazu im "Globe" mit der Umschreibung zitiert: "Friss oder stirb!"
Einige Insider bezweifeln, dass dies wirklich ernst gemeint war, und bezeichneten den Schließungsbescheid als reinen Verhandlungstrick. So oder so: Die Deadline wurde erneut verlängert, und am frühen Morgen hatte sich der Verlag mit den meisten der beteiligten Einzelgewerkschaften geeinigt.
Desinteresse aus Hollywood
Doch es ist nur ein Aufschub des Untergangs, zumindest aus finanzieller Sicht. Experte Jeff Jarvis sieht die Zukunft des "Globes" nur noch online - die gleiche Alternative, die auch dem "Seattle Post-Intelligencer" am Ende blieb.
Selbst Washington - das sich bei anderen Branchen nicht scheut, mit milliardenschweren Hilfspaketen einzuspringen - zuckt nur mit den Schultern. "Es gibt eine gewisse Sorge und eine gewisse Betrübtheit, wenn man sieht, wie Städte ihre Zeitungen verlieren", sagte Robert Gibbs, der Sprecher der Weißen Hauses, am Montag. "Ehrlich gesagt weiß ich aber auch nicht, was die Regierung daran ändern kann."
Für Boston kommt damit Spott zum Schmerz. Die Bostoner haben den New Yorkern die Übernahme des "Globes" immer schon verübelt - beide Metropolen sind alte Erzrivalen, nicht nur im Sport. Dass ihre Heimatzeitung nun derart untergehen soll, ist für viele tragisch.
Der Times-Verlag habe den "Globe" von Anfang an "wie eine billige Hure" misshandelt, schimpfte die frühere "Globe"-Kolumnistin Eileen McNamara neulich - ausgerechnet in der einzigen anderen Tageszeitung der Stadt, dem rechtslastigen Boulevardblatt "Boston Herald". Und auch das hat nur noch zehn Reporter.
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