Samstag, 21. November 2009

Kultur



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09.05.2009
 

"DSDS"-Finale

Gladiatoren unserer Zukunft

Von Daniel Haas

Noch werden sie belächelt, die Pop-Gladiatoren von "DSDS". Dabei sind sie und ihre Vermarkter Visionäre des Arbeitsmarktes. Wenn bald konventionelle Jobs ausgehen, wird nur der Selbstdarsteller überleben.

Morgen ist Schlaganfall-Tag, aber für die meisten Fernsehzuschauer kommt dann schon alle Hilfe zu spät. Lähmung einzelner Glieder oder einer Körperhälfte, Taubheitsgefühle, Kraftverlust und Sprachstörungen sind die Symptome. Sie werden sich bereits heute Abend, bei vielen der geschätzten vier Millionen Zuschauer des "DSDS"-Finales einstellen.


Denn bei denjenigen, die sich den Daumen taub gedrückt (Handy-Abstimmung), den Hintern platt gesessen und die Plauze angefüllt haben mit Junk Food und Bier, sind kognitive Kompetenzen nicht mehr gefragt.

Spätestens wenn sich Dieter Bohlen über den Sieger freut, als sei ein Mittel gegen Aids gefunden, setzt Sprachlosigkeit ein. Ein weiteres Popsternchen, das aufglüht am Unterhaltungsfirmament, um bald darauf ins Dunkel des Vergessens abzusinken: Was soll man dazu noch sagen?

Der deutsche Tag zur Schlaganfall-Prävention wird übrigens von der "Bild"-Zeitung promotet, die auch die "DSDS"-versehrte Annemarie Eilfeld vermarktet. In der Samstagsausgabe des Blatts sitzt sie auf einem Thron als quasi inoffizielle Regentin des Popwettbewerbs. "Wählt heute Abend alle Daniel!", heißt die Überschrift des Artikels, was eigentlich pikant sein könnte, da doch Bohlen die Konkurrentin Sarah Kreuz bevorzugt.

Aber Bohlen hat ja auch einen Blog bei "Bild.de", wo er seine komplizierte Arbeit als Deutschlands oberster Schinderhannes dokumentieren kann. Es bleibt also alles in der Familie, namentlich der RTL- und Springer-Kreis, der mit "DSDS" und seinen Distributionen das Marketing in die Ära seiner postmodernen Selbstüberbietung geführt hat.



Auch auf Senderebene ist man in die Phase eines nahrhaften Kannibalismus eingetreten. Wenn zum Beispiel die heutige Finalistin mit einem von Bohlen geschriebenen Catterfeld-Song punktete oder ein Ex-"DSDS"-Mann als Frau im "Dschungelcamp" wieder auftaucht, dann sind das Synergieeffekte, wie sie sich Mediaplaner nicht schöner ausdenken könnten.

Klicks, Tricks und Kicks

Die Massenpresse und die Privatsender sind auch hier mal wieder die Avantgarde der Mehrwerterzeugung. Faszinierend ist, wie ihre Vermarktungsstrategien dabei die Strukturen des Netzes nachahmen. Man kommt von Bohlen auf Eilfeld auf "Bild" und wieder zurück.

Oder man hangelt sich von der "DSDS"-Berichterstattung zum "Dschungelcamp" mit seinem Kandidatencrossover, um dann wieder bei Deutschlands größtem Boulevardblatt zu landen, das beide Formate umfassend begleitet. Wie im Internet, wo sich jede Seite in zahllose weitere verzweigt, findet auch hier eine umfassende Querverlinkung statt - und der nächste Rapport aus dem Castingkosmos ist nur einen Blick/Klick weit entfernt.

Dass die Unterschicht mit ihren Ausdrucksformen letztlich die wahrnehmungsästhetische Zukunft der kultivierten Mitte vorformuliert, ist keine neue Erkenntnis. Die ganze ironische Trashkultur, die seit den Neunzigern prägend geworden ist für eine medialisierte Mittelschicht, speist sich aus den Stilgesten jener Leichtlohngruppen, die heute mit einem "DSDS"-Erfolg den Aufstieg schaffen wollen.

Beunruhigender aber ist der Gedanke, dass die durch die Castingform in Umlauf gebrachten Karrieremodelle nur ein Zerrspiegel dessen sind, was auf die bürgerlichen Milieus in der Breite zukommt.

Die glauben nach wie vor an konventionelle Erwerbsbiografien, die heute vielleicht etwas flexibler gestaltet werden müssen als noch vor 20 Jahren, aber doch grundsätzlich immer noch möglich sein sollen.

Mit diesem Optimismus lässt sich der Rummel von "DSDS" und "Dschungelcamp" weiterhin als kompensatorische Form wahrnehmen, als Projektion unseres Wunsches nach mehr Authentizität in einer stetig artifizieller werdenden Welt ("Mein Gott, sind die peinlich!"). Oder eben als mediale Entsprechung eines enthemmten Kapitalismus, der immer mehr fordert und am Ende alle frustriert zurücklässt.

In die Röhre? In die Glotze schauen!

Wer aber ernst macht mit der Einsicht, dass Leistung und Erfolg immer weniger miteinander zu tun haben; dass Arbeit als Einkommensquelle ein Auslaufmodell ist, gerade jetzt in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise, der muss in den Annemaries, Daniels und Sarahs letztlich alerte, an den Verhältnissen geschulte Zeitgenossen sehen.

Wer heute Abend im Kreise der Familie also sein ironisches Mütchen kühlt am künstlich überhitzen Showdown der Casting-Gladiatoren, sollte sich klarmachen, dass wenn die Kinder ihr geplantes Hochschulstudium abgeschlossen haben, normale Erwerbsarbeit womöglich gar nichts mehr wert sein wird. Materieller und symbolischer Gewinn (Prestige, Anerkennung) wird dann nur noch in den Medien zu kriegen sein, in der Popindustrie.

Anstatt also der telematisch hervorgebrachten Durchblutungsstörung im Gehirn zu frönen, ist heute Abend erhöhte Aufmerksamkeit angebracht. Pop-Karriere, TV-Beförderung: Wie machen die das? Was sind die Tricks? Worauf muss man achten?

In einer Zeit, wo die Bereitschaft, sich selbst auszustellen, viel höher entlohnt wird als berufliche Arbeit, sind Castingshows die neuen Assessment Center - und ihre Vermarkter Visionäre der Personalentwicklung.

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