Von Christian Buß
Marco Schreyl, der Pausenclown bei "Deutschland such den Superstar", ist bislang kaum als politischer Kommentator in Erscheinung getreten. Das änderte sich gestern, als er am Ende des Finales noch einmal die Telefonierlust des Publikums anzustacheln versuchte: "Heute Nacht gibt es ein geteiltes Deutschland, und es wird keine Wiedervereinigung geben!"
Die rigoros nationale Analyse bezog sich auf die Anhängerschaft der beiden Finalisten Sarah Kreuz und Daniel Schuhmacher, die sich nach Schreyls krauser Weltsicht also gegenüberstehen sollten wie einst die beiden deutschen Staaten zu Zeiten des Kalten Krieges.
Doch die beiden Helden waren ganz auf Friede und Vereinigung gepolt: Der Kampfgeist von Kreuz, einer Whitney Houston im Westentaschenformat, und Schuhmacher, diesem Miniatur-George-Michael, ging zumeist in heftigen Kuschelattacken unter.
Flüssig bleiben
Trotzdem hatte Schreyl nicht ganz unrecht mit seinem Bild vom geteilten Fernsehdeutschland. Denn während bei RTL die Teilnehmer dazu angeheizt wurden, egoistisch ihre Träume zu verwirklichen, hielt man zeitgleich in der ARD die Menschen mit einer anderen großen Show zur Selbstlosigkeit an. "Deutschland tut was!" hieß da die Devise.
Wo "DSDS" die Killerinstinkte der Kandidaten zu wecken hatte, ging es in "Deutschland tut was!" darum, das Gemeinwohl zu fördern. Man sammelte von den Zuschauern Stunden an ehrenamtlicher Arbeit ein, die bei unkommerziellen Projekten zum Einsatz kommen sollten. Das Motto dieses Fernsehabends lautete somit: Altruismus versus Showtier-Kapitalismus.
Dabei hatte RTL seine martialischste Kreatur bereits in der Vorrunde ausgemustert: Annemarie Eilfeld, ein komplett enthemmter Britney-Klon, den Bohlen lange beschimpft und schließlich ausgemustert hatte, obwohl er für kräftig Rummel sorgte. Erst hatte Eilfeld sich für "Bild" nackiggemacht, dann RTL "Zuhälterei" vorgeworfen.
Niedriger Streit- und Strapsfaktor
Gestern gab sie sich zugeknöpft, saß am Anfang brav mit den anderen ausgeschiedenen Kandidaten im Publikum, um sich dann gegen Ende zur obligatorischen Gruppenperformance relativ züchtig auf dem Piano zu räkeln.
Der Streit- und Strapsfaktor war am Samstag bei RTL also so niedrig wie nie zuvor. Innere Einkehr bestimmte den Abend: Die drei Juroren gaben sich handzahm, die beiden Kandidaten setzten auf Balladen.
Und man wurde irgendwie das Gefühl nicht los, dass Bohlen in den letzten Wochen mit seinen brutalen Kommentaren ganz bewusst auf Sarah Kreuz und Daniel Schuhmacher hingearbeitet hatte.
Denn der von ihm für den Sieger komponierte Song "Anything But Love" ist Schmonzenpower pur. Dabei kommt einem auch dieses Werk des Hitzusammenschraubers Bohlen schon bekannt vor: Die zentrale Zeile "Kiss the Pain Away" klingt in seiner Wortkombination ausgerechnet wie eine verschleimte Variante der Parole "Fuck the Pain Away" aus der Feder der postfeministischen Elektronikkünstlerin Peaches.
Gleich viermal nun wurde das Stück, das ab nächster Woche als Single in allen Mediamärkten steht, werbeträchtig dargeboten. Von mal zu mal stieg der Tränenquotient.
Emotion und Hohn
Auch die ARD-Sendung setzte auf den Taschentuchfaktor. Blöde nur, wenn die Moderatoren mit den von ihnen heraufbeschworenen Sturzbächen des Glücks nicht umgehen können. In einem der brisantesten Momente von "Deutschland tut was!" wurde ein Knochenmarkspender auf die Bühne geholt, der vor zwei Jahren einem leukämiekranken Jungen das Leben gerettet hatte und nun dessen Familie vorgestellt wurde. Als der Vater des Kleinen in Tränen ausbricht, schiebt ihn Moderatorin Anne Gesthuysen jovial tätschelnd aufs Sofa ab. Wie entwürdigend.
Gehören solche Augenblicke authentischen Glücks überhaupt ins Fernsehen? Der ausgestellte Gemeinsinn von "Deutschland tut was!" jedenfalls bedient sich derselben Mittel wie der Egoismus von "Deutschland sucht den Superstar". Letztlich geht es bei beiden Formaten um den großen Auftritt, die Befriedigung durch Leistung.
"Die Währung Glücksgefühl" nannte Co-Moderator Sven Lorig in "Deutschland tut was!" mehrmals, was in seiner Show umgesetzt werde. Eigentlich wollte er damit auf die Stunden unbezahlter Tätigkeit anspielen, die in dieser Auftaktsendung zur ARD-Themenwoche "Ehrenamt" am Telefon von prominenten Helfern live eingesammelt werden. Doch im Grunde offenbarte der Begriff nur die kapitalistische Tauschwertpraxis: Nichts ist umsonst, nicht mal das gute Gefühl.
Gutes zahlt sich aus
Dass man das instinktive Gewinnstreben der Menschen dazu nutzte, sie in die gemeinnützige Arbeit zu locken, mochte erst mal eine feine Sache sein. Immerhin kamen so gut 30.000 versprochene Stunden zusammen. Angekurbelt wurde die Lust aufs Ehrenamt allerdings durch die klebrige Selbstdarstellung fernsehbekannter Samariter, die ihr Engagement als Vollendung ihres Prominentendaseins in Szene setzten.
Nach dem Motto "Mein Auto, mein Haus, meine Stiftung" stellte man seine Projekte vor. Glücklich, wer gleich zwei Hilfsaktionen laufen hat, so wie Alfred Biolek. "Youth to Youth" heißt das eine von ihm mitinitiierte Unterfangen, bei dem es um Aufklärung afrikanischer Jugendlicher geht. Moderator Lorig konnte da noch mal seine Idee von der "Währung Glücksgefühl" zum Einsatz bringen. Er fragte, ob es für so viel Einsatz auch etwas zurückgeben würde. "Sie tanzen und singen für mich", schwärmte Biolek. Wie schön für ihn.
Tanzen und singen mussten derweil auch Sarah und Daniel bei RTL. Sie taten das übrigens anrührend, ihre verschwitzten und verheulten Statements zwischendurch wirkten so gar nicht auswendiggelernt. Schließlich ging es um ihre Zukunft im Unterhaltungsbetrieb. Man nahm ihnen deshalb jede Träne ab.
So gesehen erschien das kapitalistische Popspektakel "DSDS" sehr viel glaubwürdiger als die altruistische Jahrmarktsaktion "Deutschland tut was!" Hier wie dort zählte sowieso nur eins: die Performance.
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