Von Jan Fleischhauer
Ich bin in den vergangenen Monaten verschiedentlich von Kollegen in ein Gespräch gezogen worden, die mich zu einer Erklärung bewegen wollten, dass die Linke doch recht behalten habe. Das hat mich amüsiert, weil es ein Bedürfnis nach Bestätigung verrät, das so gar nicht zu der Selbstgewissheit passen will, mit der die linken Weltweisheiten gern unters Volk gebracht werden.
Mal ungeschminkt: Der Kapitalist, wie er wirklich ist
Zudem musste ich meine Gesprächspartner, zu ihrer Verblüffung, enttäuschen: Wenn überhaupt, hielt ich ihnen entgegen, dann mache einen die gegenwärtige Krise doch eher konservativ.
Der Liberale und der Linke sind sich näher, als sie selber vermuten: Beide sind Idealisten, die prinzipiell an das Gute glauben.
Den Linken verführt dieser Glaube, eine ideale Wirtschaftsordnung anzusteuern, in der alle von sich aus ihr Bestes geben, auch ohne Aussicht auf die Akkumulation materieller Güter, mit der sie sich von weniger fleißiger oder glücklicher agierenden Nachbarn absetzen können. Nur so kann ja eine Gesellschaft gelingen, in der die Einkommensunterschiede weitgehend eingeebnet sind und auch der Untüchtige ein Grundeinkommen erwarten darf, das dem Gehalt eines einfachen Arbeiters entspricht.
Der Liberale hingegen erwartet das Gute vom Markt: Er leugnet nicht die Existenz niederer Antriebe wie Gier, Geiz und Habsucht, glaubt aber daran, dass sie sich gegenseitig aufheben oder doch, zusammengenommen, zu einem größeren Nutzen verbinden. Dass die Leidenschaften einzelner das ganze System an den Rand des Zusammenbruchs führen können, ist bei ihm nicht vorgesehen.
Die Linke hatte ihren geistesgeschichtlichen "Enttäuschungswendepunkt" (Peter Sloterdijk) mit dem Zusammenbruch des kommunistischen Weltreichs, die Liberalen ereilt es nun mit dem Niedergang der Wall Street, der mit dem Konkurs von Lehman Brothers - 26.000 Angestellte, 613 Milliarden Dollar Schulden, ein Chef mit einem Bürosessel für 18.000 Dollar und einem Papierkorb für 1400 Dollar - seinen Anfang nahm.
Auf die Internalisierung moralischer Schranken durch Einsicht zu setzen, ist angesichts der Verlockungen der modernen Warenwelt eine gewagte Strategie, zumal die vergangenen vier Jahrzehnte nicht gerade gesteigerten Wert auf Tugenden wie Selbstdisziplin und Affektkontrolle gelegt haben. Noch bis gestern galt es als anrüchig, wenn einer wie der ehemalige Internatsleiter Bernhard Bueb gegen die "puddinghafte Pädagogik" zu Feld zog, die für alles Verständnis habe und sich scheue, schon im Kindesalter auch "Strenge, Härte und Verzicht" zu praktizieren. Das war dann gleich ein Rückfall in "schwarze Pädagogik" und die Heimkehr zu "rechtsextremen Bildungsidealen", wie es in einer Reihe von Gegenschriften hieß. Insofern entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn nun ausgerechnet die Verächter der Sekundärtugenden den Zusammenbruch aller Werte beklagen und mehr ethisches Betragen einfordern.
Wenn das Wachstum einer Volkswirtschaft zu 40 Prozent auf eine Industrie entfällt, die nur die Mittel zur Arbeit an anderer Stelle bereitstellt, kann etwas nicht stimmen - so wie es zuvor schon nicht stimmen konnte, dass ein Internet-Dienst wie AOL mehr wert war als die Hälfte aller Stahlkonzerne der Welt. Das eigentlich Verblüffende ist nicht die hohe Prävalenz von Gier und Dummheit im Kapitalismus, erstaunlich ist, dass sich jemand ernsthaft darüber wundert, wie weit man es damit bringen kann. Wäre die Marktwirtschaft eine allein auf Tüchtigkeit und Können beruhende Veranstaltung, dürfte kein Haustürgeschäft funktionieren und nicht die Gründung einer Briefkastenfirma.
Tatsächlich gehört die Suche nach der Abzweigung zum schnellen Reichtum zum Wesen des kapitalistischen Systems, das macht in gewisser Weise ja auch den Charme aus: Eine Welt, in der ein Felix Krull seinen Aufstieg machen kann, ist allemal attraktiver als eine, die nach den strengen Regeln der Kolchose funktioniert. Der Mensch will betrogen werden, weil er in die Idee verliebt ist, dass es auch ohne Mühe und Plackerei gehen könnte - manchmal gilt das für ganze Volkswirtschaften.
Als ich in Amerika lebte, habe ich meinen Nachbarn Bill dabei beobachtet, wie er sich vergrößerte. Bill lebte mit seiner Familie die Straße runter in White Plains, einem Vorort von New York, wo ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern im Sommer 2001 ein Haus bezogen hatte. Er war Buchhalter bei einem kleinen christlichen Verlag, wir lernten uns auf einem Schulfest kennen, und jedes Mal, wenn wir uns danach sahen, hatte er ein neues Auto, ein neues Boot oder sogar ein neues Haus.
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Man fragt sich, was aus dem Journalismus geworden ist. Und: Was ist aus dem Spiegel geworden? Da werden die Mahnungen, daß der Finanzmarkt ungezügelt Amok läuft gleichgesetzt mit den politischen (Wunsch-)Idealen der linken [...] mehr...
Na ja, das sind halt Benennungsfragen. Kerner wird erstaunlicherweise von vielen Jüngeren für links gehalten, oder für das, was sie dafür halten (und natürlich gut finden, irgendwie). Er schwimmt sozusagen auf dieser Welle, also [...] mehr...
Das politische System ist das beste was wir haben, wird aber vor einer ordentlichen Belastungsprobe stehn. Vermutlich kürzere Legistlaturperioden und häufiger Ministerverschleiß. Dürfte aber auch das desinteresse und [...] mehr...
Ich stimme in einem Punkt vollkommen mit Ihnen überein: Ähnlich wie seinerzeit der zusammengebrochene "Realsozialismus" haben auch wir in den westlichen Industrieländern inzwischen ein gravierendes (ökonomisches) [...] mehr...
Blendet man also die "Ideologische" Komponente aus, und sieht auf das reale, dann unterscheiden sich beide eben nicht. Der Realexistierenden Sozialismus war doch nicht anderes wie ein Staatskapitalismus, der an [...] mehr...
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