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Ideologie-Debatte Warum die Linken die Krise nicht lösen können

2. Teil: Gier erklärt nicht das systemische Versagen

Bill war meine erste Bekanntschaft mit den "Subprime"-Krediten, die inzwischen das halbe Weltfinanzsystem in den Abgrund gezogen habe. Ich verstand schon damals nicht, wie man für ein Haus, das einem nicht gehört, das Geld für ein doppelt so großes bekommen kann. Ich hätte aus Angst vor den Schulden nicht eine Nacht schlafen können, aber Bill schien das nicht das Geringste auszumachen. Vielleicht kannte er auch einfach nur einen diskreten Arzt, der ihn am Monatsanfang mit einer Großportion Beruhigungsmittel versorgte, jedenfalls war er ständig dabei, "sich zu vergrößern", wie er das nannte. Als wir Amerika nach vier Jahren verließen, wohnte er in einem Haus, in das unseres gut zweimal hineingepasst hätte.

Wir wissen heute, es ist nicht gut gegangen: Erst musste Bill sein großes Haus wieder verkaufen, dann ging die amerikanische Wirtschaft kopeister und wir in Europa leider mit. Ich hatte seitdem keine Gelegenheit mehr, meinen ehemaligen Nachbarn nach seinem Befinden zu befragen. Aber ich vermute, er hat sich an die neue Situation irgendwie angepasst - und wartet jetzt ab, dass es wieder aufwärts geht.

Was lehrt uns die Finanzkrise? Viel über die Tücken der menschlichen Anpassungsneigung. Es ist eigenartig, aber über diese Komponente der Krise wird wenig geredet. Wir kennen inzwischen alle technischen Details, wir wissen mehr über "Collaterized Debt Obligations" und "Asset Backed Securities", als wir je wissen wollten, aber es bleibt ein Rätsel, warum eine Industrie, die allein in den USA im Jahr 2007 Bonuszahlungen im Höhe von 32,9 Milliarden an ihre Mitarbeiter verteilte, so dämlich sein konnte, ihre Existenzgrundlage aufs Spiel zu setzen.

Maßlose Gier ist einer der Gründe, die einem im Vorübergehen zugerufen werden, aber Gier erklärt nicht das systemische Versagen: Jede Investmentbank unterhält ganze Abteilungen für das Risikomanagement, sie bezahlt enorm teure Spezialisten, deren Aufgabe es ist, die Bank vor zu großen Verlusten zu bewahren. Es gab außerdem früh ernstzunehmende Warnungen: Das "Wall Street Journal" veröffentlichte bereits im Herbst 2003 eine eingehende Analyse des Star-Ökonomen Robert J. Shiller zur "Housing Bubble".

Vor 35 Jahren stieß der Psychologe Irving Janis bei seiner Forschung zum Verhalten von Menschen in Gruppen auf ein Phänomen, das er "group think" nannte. Janis hatte sich schon öfter bei außenpolitischen Fehlentscheidungen gefragt, warum offenbar auch kluge, gutwillige Leute in einer Regierung mit ihren Annahmen völlig daneben liegen können, trotz deutlicher Hinweise auf die Richtigkeit des Gegenteils. Der Yale-Professor erkannte eine Tendenz unter Experten und Intellektuellen, sich mindestens genauso sehr um die eigene Reputation wie um die korrekte Einschätzungen der Lage zu sorgen.

Wer sich zu weit vom Konsens entfernt, den kostet das Ansehen, so fürchten viele, also verbieten sie sich Gedanken, die zu sehr abweichen, oder äußern sie so vorsichtig, dass die Einwände in der Diskussion untergehen. Janis' 1972 erstmals veröffentlichtes Buch über das Gruppendenken, in dem er John F. Kennedys fehlgeschlagene Invasion in der Schweinebucht, das Desaster von Pearl Harbor und die Anfänge des Vietnam-Krieges analysierte, wurde in kürzester Zeit ein Klassiker der Sozialpsychologie, auf das sich noch heute jeder bezieht, der zu dem Thema forscht. Zu den Empfehlungen des Psychologieprofessors gehörte, ein Gruppenmitglied abwechselnd zum "advocatus diaboli" zu bestimmen, der konsequent die Argumente der Gegenseite vertritt, um die Konsensvernunft herauszufordern.

Buchtipp
In seinem Buch "Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde" beschreibt SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation.

Das Buch (352 Seiten, 16,90 Euro) ist im Rowohlt Verlag erschienen.

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Dass ausgerechnet die Linke hier Abhilfe schaffen könnte, scheint mir extrem unwahrscheinlich. Gruppendenken ist leider eine besondere Bürde in diesen Kreisen, es ist möglicherweise sogar das Hauptproblem. Wer immer nur Leute trifft, die in wesentlichen Fragen der gleichen Meinung sind, sieht wenig Veranlassung, sein Glaubenssystem in Zweifel zu ziehen. Hinzu kommt eine unselige Neigung zur Selbstbeschäftigung und Selbstbespiegelung, die sich schon an der Flut von Veröffentlichungen zeigt, die den gleichen Punkt noch einmal machen wollen.

Keine politische Glaubensrichtung ist nach meiner Erfahrung so narzisstisch veranlagt wie die Linke. Sie möchte sich laufend bestärkt und bestätigt sehen, jetzt eben dafür, dass sie schon immer irgendwie gegen den Kapitalismus war. Man wäre fraglos mehr beeindruckt, wenn den Vorbehalten eine Analyse vorausgegangen wäre, eine Beschreibung der modernen Finanzprodukte und ihres systemgefährdendes Potentials, aber alles, was sich dazu in den Archiven findet, sind generelle Aufrufe zur "Zähmung" der Finanzmärkte und Grundsatzreden gegen den "Raubtierkapitalismus", also ziemlich genau das, was sich in zwei oder drei Tagen ohne tiefere Kenntnis der Materie zusammenschreiben lässt.

Das letzte Mal, dass die Linke in der Lage war, mit den Akteuren auf Augenhöhe zu debattieren, war beim Kampf gegen die Atomkraft; von der Mühe, die sich die Kritiker damals gemacht haben, zehrt die grüne Bewegung noch heute. So gründen die meisten Vorbehalte auf Gefühl, nicht auf Überlegung. Das macht sie nicht notwendigerweise falsch, aber untauglich für die Arbeit an einer neuen Weltfinanzordnung, die jetzt ansteht.

Ist der Konservative besser gefeit gegen Irrtum? Sagen wir es so: Seine illusionslose Anthropologie schützt ihn eher vor gewissen Verstiegenheiten und manch törichtem Trugbild. Da er den Menschen als ein Mängelwesen sieht, das der Abstützung durch die Institutionen bedarf, erwartet er seltener mehr von ihm, als er zu leisten vermag. Oder wie es Klaus von Dohnanyi einmal zu mir sagte: Der Mensch sei halt feige, opportunistisch und gierig, von Ausnahmen abgesehen (und allen Freunden natürlich) - wer das beizeiten beherzige, habe später auch keinen Grund zu tieferer Enttäuschung und damit anhaltendem Groll.

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insgesamt 227 Beiträge
Linus Haagedam 11.05.2009
...das klingt alles nach persönlich motivierter Abneigung, wenig nach politischer Analyse. Pauschal und nicht klug. Außerdem ist es Werbung in eigener Sache. Ich gehöre nicht zu den "Linken", wie sie hier beschrieben [...]
...das klingt alles nach persönlich motivierter Abneigung, wenig nach politischer Analyse. Pauschal und nicht klug. Außerdem ist es Werbung in eigener Sache. Ich gehöre nicht zu den "Linken", wie sie hier beschrieben sind aber etwas geistvoller als auf dem Niveau dieses Autors darf schon debattiert werden. Na ja, auch egal...
Ich glaube das weiß jeder, der schonmal über sich und seine Motive objektiv (!?) nachgedacht hat. Die Frage ist: wie soll eine Gesellschaft damit umgehen? Wollen wir die (konservative?) Wolfsgesellschaft? Davor hab' ich zuviel [...]
Zitat von sysopWer die Finanzkrise als Triumph der Linken über den Kapitalismus deutet, hat nichts verstanden. Tatsächlich ist sie eine Bestätigung für die Konservativen dieser Welt. Denn sie haben keine Illusionen - sondern verinnerlicht, dass die Menschen feige, opportunistisch und gierig sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623961,00.html
Ich glaube das weiß jeder, der schonmal über sich und seine Motive objektiv (!?) nachgedacht hat. Die Frage ist: wie soll eine Gesellschaft damit umgehen? Wollen wir die (konservative?) Wolfsgesellschaft? Davor hab' ich zuviel Angst. Nicht vor den anderen Wölfen. Sondern vor mir als Wolf. Oder wollen wir den Menschen immer wieder Zeit und Gelegenheit geben, ihre eigene Niederträchtigkeit zu begreifen? Immer im Hinblick darauf daß der Ex-Raucher der vehemnteste gegner des Rauchens ist und eventuell der Ex-Opportunist das genauso sieht? Und vor allem im Wissen darum, daß das BEGREIFEN die schlimmste Strafe überhaupt ist?
Rurik 11.05.2009
Das entscheidende ist doch, dass die bei uns üblicherweise als Konservative bezeichneten genau auf dieser marktgläubigen Linie gelegen haben, also welche Konservative meint er eigentlich? Und über die Presse kann ich auch nur [...]
Zitat von sysopWer die Finanzkrise als Triumph der Linken über den Kapitalismus deutet, hat nichts verstanden. Tatsächlich ist sie eine Bestätigung für die Konservativen dieser Welt. Denn sie haben keine Illusionen - sondern verinnerlicht, dass die Menschen feige, opportunistisch und gierig sind. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,623961,00.html
Das entscheidende ist doch, dass die bei uns üblicherweise als Konservative bezeichneten genau auf dieser marktgläubigen Linie gelegen haben, also welche Konservative meint er eigentlich? Und über die Presse kann ich auch nur staunen! Hat sie seinerzeit nicht den medialen Boden für diese Ideologie der "freien Märkte" bereitet? Waren alle etwa nicht in diesem Herdentrieb gefangen? Und war nicht jeder, der sich kritisch geäussert hat, gleich ein Linker - waren also nun die Linken die Konservativen? Fragen über Fragen...
bleys 11.05.2009
2 Seiten Geschwafel am Thema vorbei. Es bleibt immer noch einfache Mathematik die beweist das der Kapitalismus IMMER eine tickende Zeitbombe ist. Mit einer Sprengkraft die wir erst einordnen können wenn sie hochgeht. Und wer [...]
2 Seiten Geschwafel am Thema vorbei. Es bleibt immer noch einfache Mathematik die beweist das der Kapitalismus IMMER eine tickende Zeitbombe ist. Mit einer Sprengkraft die wir erst einordnen können wenn sie hochgeht. Und wer glaubt das sie schon hochgegangen ist hat wie der Autor wirklich nichts verstanden...
BardinoNino 11.05.2009
...vielleicht ist es aber auch das berühmte Pfeiffen im Walde von einem Journalisten, der sich Gedanken darüber macht, wie er Zeiten verhindern kann, in denen Lohnschreiber nicht mehr benötigt werden. Der Artikel hat wenig [...]
Zitat von Linus Haagedam...das klingt alles nach persönlich motivierter Abneigung,...
...vielleicht ist es aber auch das berühmte Pfeiffen im Walde von einem Journalisten, der sich Gedanken darüber macht, wie er Zeiten verhindern kann, in denen Lohnschreiber nicht mehr benötigt werden. Der Artikel hat wenig Substanz, um nicht zu sagen: Er ist überflüssig wie ein Tr...äääh Kropf!
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