Von Jan Fleischhauer
Bill war meine erste Bekanntschaft mit den "Subprime"-Krediten, die inzwischen das halbe Weltfinanzsystem in den Abgrund gezogen habe. Ich verstand schon damals nicht, wie man für ein Haus, das einem nicht gehört, das Geld für ein doppelt so großes bekommen kann. Ich hätte aus Angst vor den Schulden nicht eine Nacht schlafen können, aber Bill schien das nicht das Geringste auszumachen. Vielleicht kannte er auch einfach nur einen diskreten Arzt, der ihn am Monatsanfang mit einer Großportion Beruhigungsmittel versorgte, jedenfalls war er ständig dabei, "sich zu vergrößern", wie er das nannte. Als wir Amerika nach vier Jahren verließen, wohnte er in einem Haus, in das unseres gut zweimal hineingepasst hätte.
Wir wissen heute, es ist nicht gut gegangen: Erst musste Bill sein großes Haus wieder verkaufen, dann ging die amerikanische Wirtschaft kopeister und wir in Europa leider mit. Ich hatte seitdem keine Gelegenheit mehr, meinen ehemaligen Nachbarn nach seinem Befinden zu befragen. Aber ich vermute, er hat sich an die neue Situation irgendwie angepasst - und wartet jetzt ab, dass es wieder aufwärts geht.
Was lehrt uns die Finanzkrise? Viel über die Tücken der menschlichen Anpassungsneigung. Es ist eigenartig, aber über diese Komponente der Krise wird wenig geredet. Wir kennen inzwischen alle technischen Details, wir wissen mehr über "Collaterized Debt Obligations" und "Asset Backed Securities", als wir je wissen wollten, aber es bleibt ein Rätsel, warum eine Industrie, die allein in den USA im Jahr 2007 Bonuszahlungen im Höhe von 32,9 Milliarden an ihre Mitarbeiter verteilte, so dämlich sein konnte, ihre Existenzgrundlage aufs Spiel zu setzen.
Maßlose Gier ist einer der Gründe, die einem im Vorübergehen zugerufen werden, aber Gier erklärt nicht das systemische Versagen: Jede Investmentbank unterhält ganze Abteilungen für das Risikomanagement, sie bezahlt enorm teure Spezialisten, deren Aufgabe es ist, die Bank vor zu großen Verlusten zu bewahren. Es gab außerdem früh ernstzunehmende Warnungen: Das "Wall Street Journal" veröffentlichte bereits im Herbst 2003 eine eingehende Analyse des Star-Ökonomen Robert J. Shiller zur "Housing Bubble".
Vor 35 Jahren stieß der Psychologe Irving Janis bei seiner Forschung zum Verhalten von Menschen in Gruppen auf ein Phänomen, das er "group think" nannte. Janis hatte sich schon öfter bei außenpolitischen Fehlentscheidungen gefragt, warum offenbar auch kluge, gutwillige Leute in einer Regierung mit ihren Annahmen völlig daneben liegen können, trotz deutlicher Hinweise auf die Richtigkeit des Gegenteils. Der Yale-Professor erkannte eine Tendenz unter Experten und Intellektuellen, sich mindestens genauso sehr um die eigene Reputation wie um die korrekte Einschätzungen der Lage zu sorgen.
Wer sich zu weit vom Konsens entfernt, den kostet das Ansehen, so fürchten viele, also verbieten sie sich Gedanken, die zu sehr abweichen, oder äußern sie so vorsichtig, dass die Einwände in der Diskussion untergehen. Janis' 1972 erstmals veröffentlichtes Buch über das Gruppendenken, in dem er John F. Kennedys fehlgeschlagene Invasion in der Schweinebucht, das Desaster von Pearl Harbor und die Anfänge des Vietnam-Krieges analysierte, wurde in kürzester Zeit ein Klassiker der Sozialpsychologie, auf das sich noch heute jeder bezieht, der zu dem Thema forscht. Zu den Empfehlungen des Psychologieprofessors gehörte, ein Gruppenmitglied abwechselnd zum "advocatus diaboli" zu bestimmen, der konsequent die Argumente der Gegenseite vertritt, um die Konsensvernunft herauszufordern.
Keine politische Glaubensrichtung ist nach meiner Erfahrung so narzisstisch veranlagt wie die Linke. Sie möchte sich laufend bestärkt und bestätigt sehen, jetzt eben dafür, dass sie schon immer irgendwie gegen den Kapitalismus war. Man wäre fraglos mehr beeindruckt, wenn den Vorbehalten eine Analyse vorausgegangen wäre, eine Beschreibung der modernen Finanzprodukte und ihres systemgefährdendes Potentials, aber alles, was sich dazu in den Archiven findet, sind generelle Aufrufe zur "Zähmung" der Finanzmärkte und Grundsatzreden gegen den "Raubtierkapitalismus", also ziemlich genau das, was sich in zwei oder drei Tagen ohne tiefere Kenntnis der Materie zusammenschreiben lässt.
Das letzte Mal, dass die Linke in der Lage war, mit den Akteuren auf Augenhöhe zu debattieren, war beim Kampf gegen die Atomkraft; von der Mühe, die sich die Kritiker damals gemacht haben, zehrt die grüne Bewegung noch heute. So gründen die meisten Vorbehalte auf Gefühl, nicht auf Überlegung. Das macht sie nicht notwendigerweise falsch, aber untauglich für die Arbeit an einer neuen Weltfinanzordnung, die jetzt ansteht.
Ist der Konservative besser gefeit gegen Irrtum? Sagen wir es so: Seine illusionslose Anthropologie schützt ihn eher vor gewissen Verstiegenheiten und manch törichtem Trugbild. Da er den Menschen als ein Mängelwesen sieht, das der Abstützung durch die Institutionen bedarf, erwartet er seltener mehr von ihm, als er zu leisten vermag. Oder wie es Klaus von Dohnanyi einmal zu mir sagte: Der Mensch sei halt feige, opportunistisch und gierig, von Ausnahmen abgesehen (und allen Freunden natürlich) - wer das beizeiten beherzige, habe später auch keinen Grund zu tieferer Enttäuschung und damit anhaltendem Groll.
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