Man kann auch sagen: Die Linke nimmt sich selber zu ernst, um wahrhaft komisch zu sein. Es geht hier nicht darum, ob einer gekonnt Witze zu erzählen vermag; niemand würde behaupten wollen, dass Linke nicht gesellig sein können, auch sehr amüsant. Aber aus gutem Grund wird Humor vom Scherz unterschieden. Er entsteht aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit, seinen Reiz bezieht er aus der künstlichen Verdoppelung der Schwäche, nicht dem Überlegenheitsgefühl.
Irgendein Missverständnis hat vor Jahren aus Woody Allen, dem Großmeister der ironischen Selbsttröstung, einen Liebling der Linken gemacht, dabei ist sein Humor ein Paradebeispiel für eine Form von Komik, die ihre Antriebskraft aus dem Absurden bezieht. "Das Essen ist furchtbar hier, und die Portionen sind zu klein" - kann man ein Grundproblem menschlicher Existenz besser auf den Punkt bringen? In jedem Fall ist Allens Witz meilenweit entfernt von den Kabarettspäßen, die von der Verballhornung eines Namens leben, der Stimmenimitation oder den Scherzen über die Leibesfülle eines Politikers. Als "Flucht vor der Verzweiflung" hat der britische Dramatiker Christopher Fry Humor definiert; das setzt allerdings voraus, dass man dieses Gefühl wenn schon nicht teilen, dann doch nachempfinden kann.
Der Konservative steht staunend vor der Unvernunft der Welt, aber er akzeptiert sie kopfschüttelnd als Tatsache des Lebens. Der Linke nimmt sie als Beleidigung. Das ist gut für bissige Sottisen, auch für gelegentlichen Sarkasmus und Spott - aber kaum für den heiteren Pessimismus und die Selbstironie, ohne die es keinen wahren Humor geben kann. Außerdem neigt der politische Überzeugungstäter zur dramatischen Weltsicht und damit einer seelischen Aufgewühltheit, die Gift für jeden Witz ist.
Wer laufend gegen das Unrecht kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse Machenschaften, dessen Gemütszustand ist naturgemäß eher angespannt. Diese Grundnervosität hat durchaus vorteilhafte Seiten: Der Kampf gegen drohendes Unheil gibt dem Leben eine Richtung, was bei der Nachwuchsgewinnung äußerst hilfreich sein kann; der Reiz, den die Einschreibung bei den Linken ausübt, hängt unzweifelhaft mit ihrer Erregungsbereitschaft zusammen.
Nur führt die nervöse Weltsicht auch dazu, dass sich die Perspektiven verschieben und die Beobachtungsgabe leidet, was Humor leider nie gut bekommt. Eine Folge aus dem "Herrn der Ringe" reicht als Anschauungsmaterial, um zu wissen, wie sich Überzeugungslinke schon morgens fühlen, wenn der Tag noch nicht einmal richtig begonnen hat. Es geht gleich wieder ums Ganze, überall lauern Gefahren, immer steht der Weltfrieden auf der Kippe, dabei ist noch nicht einmal der Kaffee ausgetrunken.
Das Protokoll verzeichnet Heiterkeit bei der CDU-Fraktion und die Zurechtweisung der Lacher durch den SPD-Fraktionsführer Klaus Matthiesen, sie hätten von Lyrik "nichts begriffen und von Literatur auch nichts". Fünf Jahre später trat die Gruppe Gänsehaut in der ZDF-Hitparade mit ihrem Umweltsong "Karl der Käfer"auf ("Karl der Käfer wurde nicht gefragt, er wurde einfach fortgejagt"), womit der Anschluss an den Massengeschmack gelungen war. Diesmal lachte niemand mehr.
Mit Kitsch verhält es sich wie mit Pornografie: Er ist schwer zu definieren, aber man erkennt ihn sofort, wenn man ihn vor sich hat. Der röhrende Hirsch der Linken sei der singende Wal, hat der Kulturkritiker Gerhard Henschel angemerkt, der unter dem Titel "Das Blöken der Lämmer" eine bis heute tränentreibende Blütensammlung vorlegte. Kitsch entsteht aus dem Versuch, der großen Sache durch große Worte noch mehr Bedeutung zu verleihen und dem Innigen besondere Innigkeit, deshalb kommen die fleißigsten Kitschproduzenten seit Jahren verlässlich aus dem linken Milieu.
An herausgehobener Stelle sind hier Herbert Grönemeyer, Wir sind Helden und Erich Fried zu nennen, Günther Wallraff nicht zu vergessen, der kürzlich eine Spätprofessur für Armutsreportagen bei der "Zeit" antreten durfte und sich mit solch unsterblichen Zeilen wie "Heinrich Böll ist tot/ Es wird dunkler und kälter/ mitten im Sommer/ ...Widerstand leisten!/ Nicht erst, wenn's zu spät ist/ in Diktaturen" verewigt hat.
Ergriffenheit kennt keine Grenzen, und der Polit-Kitsch verbindet die Linke auch global. Lauschen wir deshalb zum Schluss für einen Moment in das Gedicht, dass sich US-Präsident Bill Clinton zu seiner Amtseinführung 1993 von der Autorin Maya Angelou gewünscht hat:
"Der Fluss singt und singt.
Es gibt eine wahre Sehnsucht nach Kommunikation mit
Dem singenden Fluss und dem weisen Fels.
Das sagen der Asiate, der Hispanic, der Jude,
Der Afroamerikaner und der Ureinwohner der Sioux,
Der Katholik, der Muslim. Der Franzose, der Grieche,
Der Ire, der Rabbi, der Priester, der Scheich,
Der Schwule, der Hetero, der Prediger, Der Privilegierte, der Obdachlose, der Lehrer
Sie hören. Sie alle hören
Die Worte des Baums."
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