Julia Kospach unterhält sich mit dem großen alten Tierfilmer David Attenborough, der eisenhart daran festhält, dass Darwins Theorie der "natürlichen Selektion" der Wahrheit entspricht. Kreationisten, die ihn kritisieren, antwortet er: "Die Kreationisten haben immer schöne Lebewesen wie Kolibris im Kopf, wenn sie an die Schöpfungsgeschichte denken. Ich antworte dann immer, dass ich an ein Kind in Ostafrika denken muss, in dessen Augapfel sich ein Wurm eingegraben hat. Dieser Wurm kann nur auf diese eine Weise existieren - indem er sich durch Augäpfel gräbt. Ich finde es ziemlich schwierig, das mit der Vorstellung von einem gütigen, göttlichen Schöpfer in Einklang zu bringen."
Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte schreibt den Eröffnungsartikel über Cannes. Besprochen werden die Verfilmung der "Illuminati" und eine neue CD der Band Maximo Park. Auf der Medienseite berichtet Bernd Buder über die schwierige Lage der Medien in Georgien, die von der Politik drangsaliert werden.
Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2009Joachim Güntner berichtet über den Wettbewerb für ein Einheitsdenkmal in Deutschland. Nicht nur in Berlin, auch in Leipzig soll eins aufgestellt werden. Und das ist noch nicht alles! "Fest steht schon jetzt, dass die Innenstadt eine 'Demokratie-Glocke' erhält, die dann regelmäßig schlägt. Das Ding in der Form eines Eis wird in der Fußgängerzone stehen und nach Auskunft der Stifter aus einer Tonne spezieller Bronze gefertigt sein, 'die das Objekt sehr goldig aussehen lassen wird'. Die Demokratie, ein goldenes Ei. Müssen wir uns die Montagsdemonstranten als Hühner vorstellen? Da ist niemand unter den Leipziger Kommentatoren, den wir 'Wahnsinn!' stöhnen hören."
Weitere Artikel: Christoph Egger stellt das Festivalprogramm von Cannes vor. Fakhri Saleh fasst arabische Reaktionen auf den Papstbesuch im Nahen Osten zusammen. Klaus Bartels untersucht die Etymologie des Worts "Oase".
Besprochen werden Händels von Rene Jacobs dirigierte Oper "Orlando paladino" in Berlin (zieht sich schwer in die Länge, meint Peter Hagmann) und Bücher, darunter Carsten Jensens Seefahrer-Roman "Wir Ertrunkenen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Die Welt, 13.05.2009(Die Artikel der Welt scheinen heute nicht online zu stehen.)
Nicht nur dass sich im Internet Kinderpornografen, Amokläufer, Raubkopierer und Kannibalen tummeln, es wimmelt auch noch von literarischen Banausen, die Qualitätsautorinnen wie Julia Franck das Leben schwer machen. Im Interview mit Uwe Wittstock schildert sie die neue Lage so: "Für jeden,der schon immer darunter gelitten hat, dass seine Manuskripte von Verlagen abgelehnt werden, ist das ein grandioses Versprechen. Wer will sich schon von einer qualitativen Auslese ausgegrenzt sehen? Anders als Luft und Wasser haben sich Ästhetik und kulturelle Qualitätsmerkmale nur durch jahrtausendelange Zivilisation herausgebildet. Beides könnte implodieren." Darum hat Franck den "Heidelberger Appell" unterzeichnet.
Weitere Artikel: Uta Baier besucht das Museum für die Sammlung Brandhorst in München. Berthold Seewald bringt zwiespältige Nachrichten aus dem Kölner Stadtarchiv - es ist mehr erhalten als befürchtet, aber zehn bis 15 Prozent sind nicht zu retten, und vor allem ist die Ordnnung des Archivs dahin. Hanns-Georg Rodek schreibt den Einführungsartikel für das beginnende Festival von Cannes, das die üblichen Autorenfilmer und in diesem Jahr besonders wenig Filme aus den USA präsentiert. Dankwart Guratzsch berichtet über die Entdeckung eines antiken Schlachtfelds bei Northeim. Manuel Brug porträtiert den Regisseur Guy Cassiers, der zusammen mit Daniel Barenboim an der Lindenoper einen neuen "Ring" inszenieren wird.
Besprochen wird die Uraufführung eines neuen Werks von Salvatiore Sciarrino (nach Kafka) in Wuppertal.
Auf der Magazinseite unterhält sich Peter Zander mit Michael Ballhaus, der einen Dokumentarfilm über Berlin, die Stadt, in der er geboren wurde, dreht. Auf der Forumsseite erkennt der gerade in Hangzhou weilende Hans-Christoph Buch Anzeichen für eine entstehende Zivilgesellschaft in China (eine Nachricht, über die sich einsitzende Dissidenten und Falun Gong-Anhänger sicher freuen werden).
Nach den Heidelberger Appellierenden hat nun auch die Berliner Akademie der Künste ein Papier zum Urheberrecht vorgelegt. Thierry Chervel schlägt eine Diskussion zum Thema in der Akademie vor, die ausnahmsweise auch mal die Rolle der Vwerwerterindustrien miteinbezieht: "Das Urheberrecht sollte dazu dienen, die Urheber zu schützen, aber nicht dazu, etwa durch Mästung der Verwerter mit immer längeren Schutzfristen, die freie Zirkulation der Ideen zu verhindern. Ist es hinnehmbar, dass ausgerechnet jene Industrien, die in ihrer Eigenschaft als Säule der Demokratie neuerdings Artenschutz verlangen, die Zirkulation der Ideen durch immer neue Copyrightregeln und -gebühren erschweren?"
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2009Dietmar Dath war beim Frankfurter Metallica-Konzert und berichtet beseligt: "Überhaupt verschenkt das Quartett zwischen den schweren Stiefeltritten, für die es bezahlt wird, gar nicht so selten Augenblicke, die man rührend, womöglich sogar lieb nennen muss: 'Broken, Beat and Scarred', ein Stück über echte Schmerzen (wie in: Trink mal Säure, iss mal Glasscherben, dann weißt du, was echte Schmerzen sind!), wird von Hetfield angekündigt als Bekenntnis zum heiligen Bund zwischen Metallica und uns, dem krawalltrunkenen Pöbel - es tut weh, aber es ist Liebe, ihr Hunde! "
Online freut sich Jürg Altwegg darüber, dass in Frankreich jetzt Raubkopier-Wiederholungstätern der Internet-Zugang abgeklemmt werden darf - und weigert sich nach wie vor, zur Kenntnis zu nehmen (bzw. zu geben), dass das "Hadopi"-Gesetz sehr wohl auch unter Kulturschaffenden extrem umstritten ist. Aber solang man komplexe Problemlagen auf schöne Merksätze bringen kannn: "Solange eine Gesellschaft an ihrer Freiheit und am Privateigentum festhält, sollte sie die Autorenrechte schützen."
Auf Seite 1 der FAZ sieht der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm die Presse in "Gefahr", und meint, man müsse über "staatliche Hilfen" nachdenken.
Weitere Artikel: Verena Lueken blickt voraus auf ein etwas abgespecktes Filmfestival, das in Cannes heute Abend beginnt. In der Glosse hat Edo Reents Spaß mit der Vertwitterung von Weltliteratur. Andreas Rossmann berichtet von einem Info-Empfang für die Leihgeber des Kölner Stadtarchivs. Kurz gemeldet wird, dass nach Volker Weidermanns FAS-Artikel zur Nazi-Vergangenheit seiner Autoren das u.a. Tucholsky-freie Handbuch "Daten deutscher Dichtung" nun endlich aus dem Verkehr gezogen wird. Auf der Medienseite äußert Oliver Jungen gewichtige Zweifel (mindestens) an der Wirksamkeit der Pläne Ursula "Zensursula" von der Leyens zur Zwangsumleitung potenzieller Besucher kinderpornografischer Seiten. Auf der DVD-Seite werden Henri-Georges Clouzots "Picasso", Luis Bunuels "Dieses obskure Objekt der Begierde", Abel Ferraras "Begräbnis" und Yasujiro Ozus letzter Film "Ein Herbstnachmittag" zur Anschaffung empfohlen.
Besprochen werden drei Uraufführungen (Pollesch: "JFK", Hilling: "Radio Rhapsodie", Bärfuss: "Amygdala") in der langen Nacht der Autoren am Hamburger Thalia Theater, eine Aufführung der Barockoper "Argenore" der Markgräfin Wilhelmine als "Diner-Spectacle" in Bayreuth (Jan Brachmann beklagt sich übers Publikum, in dem "einige Damen ihre Gurgeln betätigten wie Ziergeflügel in einer fürstlichen Parkvoliere"), die Ausstellung "Karl Bodmer. Ein Schweizer Künstler in Amerika" in Zürich und Bücher, darunter Jonathan Coes Roman "Der Regen, bevor er fällt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Süddeutsche Zeitung, 13.05.2009Jesus! "Das Filmfest in Cannes, von deutschen Visionen dominiert?" So lautet die Unterzeile zu Tobias Kniebes Vorabbericht. Aber dann sind es gerade mal drei Filme, die mit Deutschland zu tun haben: Lars von Trier drehte im finstren Wald von Nordrhein-Westfalen, Michael Haneke erzählt ein Bauerndrama aus dem protestantischen Norden, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, und Quentin Tarrantino zeigt "The Glourious Bastards", einen Film über Naziskalpjäger mit Brad Pitt als Anführer: "Beim Dreh in Babelsberg, hört man, habe Tarantino durchaus lustvoll mit dem Feuer gespielt. So soll er zum Beispiel eine Originalbrille Hitlers aus einer Privatsammlung in den USA organisiert haben, um sie seinem Hitler-Darsteller Martin Wuttke aufzusetzen. 'Ich spürrre nichts', sprach der darauf - im Originalton des 'Führers'."
Weitere Artikel: Thomas Steinfeld informiert uns über die Ausgabe von "The Legend of Sigurd und Gudrun" aus dem Nachlass Tolkiens (mehr im TLS). Gustav Seibt war dabei, als der Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer seinen (schon dank der Rezensions-Beihilfe der Kollegen) programmierten Bestseller "Unter Linken" vorstellte und fand das Buch "gut geeignet für die nächste Sendung bei Anne Will oder Frank Plasberg". Alex Rühle berichtet kurz über ein kleines Scharmützel um Wikipediaart.org. Fritz Göttler gratuliert Harvey Keitel zum, schluck, Siebzigsten. Bettina Ehrhardt erinnert an die "nobelste und berühmteste" Mäzenin der Neuen Musik, Betty Freeman, die Anfang des Jahres starb. Jeanne Rubner besucht die französische Elitehochschule ENA, die Nicolas Sarkozy mit ein paar Abkömmlingen aus der Banlieue aufmischen will (unnötig, findet Rubner, das gehobene Bürgertum habe sich schon längst selbst modernisiert). Christine Dössel berichtet vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Willi Winkler hat herausgefunden, dass man auf Spiegel.de über den kooperierenden Buchhändler libri.de (wie bei jedem anderen Buchhändler) auch Bücher rechtsextremen Inhalts erwerben kann.
Besprochen werden Ron Howard Verfilmung des Dan-Brown-Bestellers "Illuminati", die Uraufführung von Rupert Hubers "Mein Venedig" durch den BR-Chor, Peter Konwitschnys Bühnenprojekt mit dem Bariton Dietrich Henschel zur Bach-Kantate "Ich habe genug" in Leipzig (Wolfgang Schreiber ist absolut hingerissen) und Bücher, darunter Richard Holmes' bisher nur auf Englisch erschienenes Buch "The Age of Wonder - How the Romantic Generation Discovered the Beauty and Terror of Science. Harper Press" und Eric-Emmanuel Schmitts Roman "Als ich ein Kunstwerk war" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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