• Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.05.2009
 

Hessische Kulturauszeichnung

Ministerpräsident Koch in Kritik wegen Preisaberkennung

CDU-Bundestagspräsident Lammert spricht von einer "Staatsposse": Die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises an den muslimischen Schriftsteller Kermani sorgt über Parteigrenzen hinweg für Unverständnis. Zwei christliche Mitausgezeichnete hatten Kermani als nicht preiswürdig erklärt.

Hamburg - Norbert Lammert ist CDU-Mann - aber der Geist geht ihm mitunter vor politischer Parteinahme: So hat der Bundestagspräsident die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises 2009 an den deutsch-iranischen Schriftsteller Navid Kermani unverblümt als "Staatsposse" bezeichnet. "Wenn Navid Kermanis kühner Artikel über die Empfindungen eines Muslims bei der Betrachtung einer Darstellung der Kreuzigung Christi in einer römischen Kirche tatsächlich der Grund ist, ihm dem zugedachten Preis für seinen Beitrag zum Dialog der Religionen zu verweigern, dann sollte der Staat besser auf die Verleihung von Kulturpreisen verzichten", erklärte Lammert.

Autor Kermani (Archivbild von 2005): "Warum ausgerechnet ich nun das Christentum geschmäht haben soll, ist mir vollkommen unbegreiflich"
Zur Großansicht
DDP

Autor Kermani (Archivbild von 2005): "Warum ausgerechnet ich nun das Christentum geschmäht haben soll, ist mir vollkommen unbegreiflich"

Als Vertreter des Islams sollte Kermani den Preis gemeinsam mit dem katholischen Kardinal Karl Lehmann, dem ehemaligen evangelischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker und dem Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, am 5. Juli in Wiesbaden erhalten. Dies scheiterte, nachdem sich Lehmann und Steinacker weigerten, die Auszeichnung gemeinsam mit Kermani anzunehmen. Anlass war ein Zeitungsartikel über eine Darstellung von Jesus am Kreuz. Jetzt sollen nach Angaben der CDU-geführten hessischen Staatskanzlei lediglich Lehmann, Steinacker und Korn ausgezeichnet werden.

Lammert sagte in Richtung des hessischen CDU-Ministerpräsidenten Roland Koch, die Rücknahme des Preises müsse jeden beunruhigen, "der an der Würde des Staates wie der Kultur ein ernstes Interesse hat. Kultur ist schön, Toleranz auch - beides ist ohne Anstrengung kaum zu haben", sagte er.

Der Zentralrat der Muslime bezeichnete die Reaktion der Kirchenmänner als "unreif und kindisch". Der interreligiöse Dialog werde mit Füßen getreten, sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman A. Mazyek, dem in Berlin erscheinenden "Tagesspiegel". Teile der Elite in Deutschland hätten ein "obskures Verständnis" von Dialog: "Man nehme zwei unterschiedliche Meinungen und sperre sie so lange in ein Gesprächsverlies ein, bis sie ermüdet und ermattet zu einer Meinung geworden sind." So funktioniere aber kein belebender, konstruktiv-kritischer Dialog.

Breites Unverständnis über die Entscheidung

Auch der Interkulturelle Rat in Deutschland verurteilte die Aberkennung des Preises an Kermani. Ihn störe an der aktuellen Debatte, dass nur auf Kermani "rumgetrampelt" werde, sagte der Vorsitzende Jürgen Miksch der "Frankfurter Rundschau". Jetzt würden Lehmann und Steinacker im Juli für ein herausragendes Engagement beim Miteinander der Religionen ausgezeichnet, ohne dass gefragt werde, was von ihnen dabei tatsächlich geleistet wurde. Dabei seien die Einstellungen der beiden Geistlichen gegen den muslimischen Schriftsteller nicht so fern von ihren sonstigen Positionen.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour forderte die Landesregierung auf, im Interesse des 1982 geschaffenen Preises auf die festliche Verleihung zu verzichten. Kermani "gilt seit Jahren als ein Vertreter eines freiheitlichen, weltlichen Islams und ist vor allem als Verfechter des Dialoges zwischen den Religionen bekannt", betonte der ebenfalls iranisch-stämmige Nouripour. "Ein Mindestmaß an Vermittlungsversuchen seitens der Landesregierung hätte dieses Fiasko verhindern können." Auch Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte das Verhalten der Landesregierung.

Lehmann hatte nach Medienberichten bereits im April in einem Brief seine Bedenken zu der Vergabe des hessischen Kulturpreises an Kermani formuliert. "Ich kann nicht neben jemandem auf der Bühne stehen, der das Kreuz rundherum und prinzipiell ablehnt und es sogar als 'Gotteslästerung und Idolatrie' erklärt", schrieb der Katholik nach übereinstimmenden Berichten der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und der "Frankfurter Rundschau" bereits am 24. April an Ministerpräsident Koch. Es würde auf Unverständnis stoßen, wenn er mit jemandem aufträte, der es an Toleranz und Verständniswillen so fehlen lasse wie Kermani. Das wäre für ihn, Lehmann, das Gegenteil von Kultur. "Sie werden verstehen, dass es für mich hier keinen billigen Kompromiss geben kann."

"Ich habe Verständnis dafür, dass Muslime das anders sehen", sagt der Protestant Steinacker zu Kermanis Kreuzes-Deutung. "Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass ein Muslim, der mit mir für Toleranz und Respekt gegenüber dem ihm Fremden geehrt werden soll, mein Glaubenszentrum als Gotteslästerung bezeichnet."

Kermani: Beschäftige mich seit Jahren mit dem Christentum

Kermani erklärte im SPIEGEL, der Dialog mit den beiden Kirchenvertretern sei gescheitert. Er beschäftige sich als Wissenschaftler seit vielen Jahren mit dem Christentum. "Warum ausgerechnet ich nun das Christentum geschmäht haben soll, ist mir vollkommen unbegreiflich." In der "FAZ" schrieb Kermani, es stimme, dass er in den ersten Sätzen die Ablehnung der Kreuzestheologie, die einem Nichtchristen doch zugestanden werden muss, sehr drastisch formuliere. Aber der Artikel höre dort nicht auf, sondern zeige, wie ihn die Kraft der Jesus-Darstellung fast zum Gesinnungswandel bekehre.

Außerdem kritisierte Kermani, dass er von der Aberkennung des Preises von einem "FAZ"-Redakteur erfahren hatte. "Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass sie sich wenigstens schämen. Mit freundlichen Grüßen aus dem katholischen Köln, Navid Kermani", schrieb der Schriftsteller an die Adresse von Ministerpräsident Koch in der "FAZ".

Die Landesregierung wies den Vorwurf zurück, Kermani verspätet über die Aberkennung des Preises informiert zu haben. "Wir haben ihn unterrichtet, bevor wir die Öffentlichkeit unterrichtet haben", sagte Regierungssprecher Dirk Metz. Kermani erhielt die Mail der Landesregierung nach eigener Darstellung am Mittwoch, kurz darauf ging sie auch an die Öffentlichkeit.

Kermani sieht sich dagegen nun von der Staatskanzlei als Lügner dargestellt. Er sei nicht wie von der Staatskanzlei berichtet vorab über die Aberkennung des hessischen Kulturpreises informiert worden, sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Eine entsprechende E-Mail des hessischen Ministerpräsidenten Koch vom Mittwochnachmittag sei zwar genau 20 Minuten vor einer Pressemitteilung versandt worden, habe ihn erst abends erreicht. "Die Staatskanzlei hatte meine Telefonnummern, auch Handy, und hätte mich jederzeit anrufen können oder sich nachträglich schriftlich oder mündlich zumindest für diese Taktlosigkeit entschuldigen können. Stattdessen werde ich als Lügner dargestellt", so der Schriftsteller.

flo/dpa/ddp

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Gesellschaft

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP