Von Daniel Haas
Wir sind viel zu zimperlich, auch was die Medien angeht. In Holland wissen sie, wie's läuft. Zuletzt haben sie dort mit Erfolg eine Sendung namens "Des Teufels Advokat" ausgestrahlt. In der Dokushow musste eine Bürgerjury über zwei Angeklagte entscheiden, vor Gericht standen Osama Bin Laden (Massenmörder) und Benedikt XVI. (Papst).
Fazit nach dem Plädoyer eines berüchtigten Amsterdamer Staranwalts:
Freispruch für Bin Laden, Verurteilung für den Papst. Der Heilige Vater habe aufgrund rigider Moralvorstellungen Millionen Aids-Tote auf dem Gewissen.
Und hierzulande regt man sich über
"Erwachsen auf Probe" auf! Da bekommen Teenager Kleinkinder geliehen, um ein Gefühl für das Mutter- und Vatersein zu kriegen. Die Erregungsmelder haben total übersehen, dass das ein sowohl pädagogisch als auch wirtschaftlich einwandfreies Format ist.
Meiner Ansicht nach wird das Ganze allerdings zu harmlos aufgezogen. Um Halbwüchsige vom wilden Bürsten ohne Kondome abzubringen, müsste die Abschreckung anders aussehen. Man sollte Schreibabys casten und auf einer Ölbohrinsel in Norwegen drehen - also ohne Fluchtchance. Dann würden all die Mandys und Kevins begreifen, was es heißt, Ursula von der Leyen auf Hartz IV zu sein.
Kinder, zum Schreien!
Den Correctness-Wächtern ist außerdem entgangen, dass es letztlich ja gar nicht um die potentiellen Eltern, sondern um die Kinder geht: Der wahre Kandidat ist das Baby selbst. In "Erwachsen auf Probe" werden Null- bis Einjährige an eine amtliche TV-Vermarktung herangeführt. Wenn demnächst konventionelle Erwerbsarbeit gar nicht mehr lohnt, dann haben diese Kids im Entertainment-Business enorme Wettbewerbsvorteile. Das sind die zukünftigen Giganten des Unterhaltungsgeschäfts.
Wer im Alter von sechs Monaten physisch und seelisch so einen Irrsinn übersteht, der wird auch problemlos bei "DSDS" abräumen. Und mit fünf kann so ein Kind sagen: Ich habe fünf Jahre Medienerfahrung!
Ganz übel aufgeregt hat man sich auch über Entzugsshows wie "Celebrity Rehab" bei MTV. Das finde ich gut, die Empörung basierte jedoch auf den falschen Motiven. Die Frage ist ja nicht: Ist das entwürdigend, sich vor aller Augen einzukoten? Die Frage jetzt, in der größten Wirtschaftskrise seit 1929, lautet doch: Ist es gut, Entzug zu machen?
In einer Phase zusammenbrechender Märkte ist Abstinenz eigentlich ein ganz falsches Signal. Unsere Devise muss doch sein: Hoch die Tassen, auf die Pulle! Konsumieren, runter damit!
Müssen wir nicht mit allen Schmerz- und Beruhigungsmitteln dafür sorgen, dass die Märkte aufgrund einer mangelnden Binnennachfrage nicht zusammenbrechen? Was wird denn aus unseren Getränke-Centern? Was wird aus den kleinen Tankstellen in Bad Oldesloe und Bielefeld, wenn sich abends die Jugendlichen nicht mehr ein Six Pack in den tiefer gelegten Opel packen?
Recht besehen drückt die Sendung ja die richtige Taste: Leute, die aufhören - mit Stoff, Suff, Sex - das sind Deserteure. Das sind die, die beim Sport das Training zu früh abbrechen. Und da ist es gut, dass die in ihrer Jämmerlichkeit gezeigt werden.
Gesundes Wachstum in den Medien
Übel aufgestoßen, um mal im Bild zu bleiben, ist den zartbesaiteten Korrektheitshubern auch ein "Kinder-Big-Brother", ausgestrahlt vom englischen Sender Channel Four. In zwei für die Dokushow eingerichteten Häusern wurden Kids einquartiert, die man sich selbst überließ. Am Ende gab es bei den Mädchen Spagetti Bolognese, während die Jungs Tütensuppen mit kaltem Wasser mampften.
Was keiner bei all der Aufregung erkannt hat: Die Jungs, die das Camp als gebrochene Loser verließen, kann man nach nur wenigen Jahren in die nächste Alkoholikerentzugsshow rüberwinken.
So entsteht ein geschlossener Kreislauf: Eine Show produziert das Material für die folgende. Die Leute bleiben in Arbeit. In Zeiten, wo Firmen geschlossen werden oder auf Kurzarbeit umsteigen, sorgt die Fernsehindustrie dafür, dass die Menschen kontinuierlich beschäftigt werden.
Wem das alles zu heftig ist, der soll mal einen Blick nach Amerika werfen, wo man trotz der neuen Obama-Flauschigkeit noch weiß, wie man eine Unterhaltungsbranche in Gang hält. Bei der Dokusoap "Arranged Marriage" werden verzweifelte Singles über ihren Kopf hinweg von der Familie verheiratet. Und bei "More To Love" sollen Übergewichtige an den Mann oder die Frau gebracht werden.
Das finden Sie respektlos? Dann machen Sie sich dünne! Auf Bedenkenträger wie Sie kann unser Land verzichten. Alle andern greifen zur Flasche und dann zum Telefon: Ihr örtlicher Castingberater wartet schon.
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Letztlich spiegeln die Medien nur das wider, was in vielen Menschen vorgeht. Also ein Spiegel der Gesellschaft. Krank in der Tat aber ein Spiegel. mehr...
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