Von Hannes Koch
An der Feuerleiter über dem Atelier weht die israelische Flagge. Daneben hat Daniel Josefsohn das Sternenbanner der USA angebracht. So etwas sieht man in Berliner Szenevierteln selten. Der Fotokünstler Josefsohn aber hat einen gewissen Hang zur Provokation. Seinen großen Irish Setter ruft er "Jesus", und öfters sagt er Sätze wie diesen: "Ich mag Uniformen, und alles, was dazu tragbar ist."
Die Hinterhofidylle mit Stahlschrott, alten Fahrrädern und Autoreifen verlässt der Fotograf oft, um nach Israel zu reisen. Im Auftrag der "Zeit" porträtierte er 2007 die Tochter des israelischen Geheimdienstchefs. Dort, auf dem Weg zum Fototermin, war der Nahverkehrszug voller Soldaten. "Wow, was sahen die gut aus." Noch immer ist er begeistert. "Typen wie Kate Moss, wie aus dem Prada-Katalog oder von Gucci." Die damals entstandene Fotostrecke zeigt junge Soldatinnen und Soldaten, die ihre Waffen tragen wie coole Accessoires. Sonnenbrille, Zigarette, Handy. Die Maschinenpistole als Lifestyle. Fashion-Front.
Die Serie heißt "Jewing gun". Von den Menschen, die er fotografiert, ist Josefsohn fasziniert - und gleichzeitig irritiert. Selbst wenn er Mode- oder Werbebilder macht, entstehen soziale Reportagen, sperrig und widersprüchlich. Schlagartig bekanntgeworden ist Josefsohn in den neunziger Jahren mit einer stilprägenden Kampagne für den Musiksender MTV. Die zeigte Großporträts von Jugendlichen und dazu Zeilen wie "Miststück", "Schlappschwanz", "konsumgeile Göre". 2004 hingen Fotos von ihm in der Ausstellung "Deutsche Fotografie im 20. Jahrhundert" im Deutschen Historischen Museum in Berlin.
Josefsohn - stämmige Figur, rötlicher Stoppelbart - wurde 1961 in Hamburg geboren. Sein Vater war ein israelischer Ingenieur, dessen Schiff im Hamburger Hafen lag. Josefsohns Mutter nahm das Flugzeug nach Deutschland, um die Geburt gemeinsam mit ihrem Mann zu erleben. Danach blieben alle - Daniel Josefsohn bis heute. Einen deutschen Pass besitzt er nicht, nur einen israelischen.
In der Nähe von Tel Aviv hat er sehr enge Freunde, die er als seine Familie bezeichnet. Für sie ist der Krieg Alltag. Daniel Josefsohn leidet daran. Und meint doch: "Es steht nicht in ihrer Macht, mit dem Scheiß aufzuhören." Aus diesem Hin- und Hergerissensein entstand irgendwann eine verrückte Idee: ein Parfum. Es trägt den komplizierten Namen "moslbuddjewchristhindao".
Malerischer Moslem-Kämpfer
Nach einigem Üben kann man es aussprechen, dieses Kunstwort aus den Anfangsbuchstaben der sechs Weltreligionen. Um die Sache zu vereinfachen, gibt es auch eine Kurzversion. Sie lautet " Unifaith" - "ein Glaube". Den sinngebenden Claim dazu hat Josefsohn erfunden: "Unifaith - damit wir uns endlich riechen können".
Das Elixier mixte Mark Buxton, ein mit Josefsohn bekannter Parfumeur, der für die Marke Comme des Garçons vielgepriesene Düfte entwickelt hat. Mit der Architektin Susanne Raupach entwickelte Josefsohn die Verpackung: Aus Beton, vergleichbar dem Material des Berliner Holocaust-Mahnmals, ließ man kleine, massive Stelen fertigen, deren Ober- und Unterteil jeweils durch eingeschlossene Magneten zusammengehalten werden. "Ein schweres Thema - wir haben es in Beton gegossen", sagt Josefsohn.
Die Werbekampagne fotografierte er selbst - in der Art seiner Reportagen. Auf einem Foto sitzt ein malerischer Moslem-Kämpfer mit Schnellfeuergewehr, Tarnjacke, Palästinenser-Schal und Ansteck-Button ("I love Jews") auf seinem Gebetsteppich und berührt vorsichtig die Beton-Verpackung. Auf einem anderen Bild amüsieren sich orthodoxe Juden vor der Klagemauer in Jerusalem über das Fläschchen mit dem merkwürdigen Namen.
Unter dem Label "Elternhaus", einer der Punkszene entwachsenen Künstlergruppe, der Josefsohn angehört, produzierte man 300 nummerierte Ausgaben von "Unifaith" und verkaufte einige davon für 120 Euro pro Stück. Dann war Schluss. Nur einen einzigen Flakon kann der Künstler zum Test-Schnuppern noch präsentieren. Das Parfum duftet angenehm weich, enthält Weihrauch, Sandelholz, öffnet die Sinne - und wirkt sogar ein wenig erotisierend.
"Haltung durch Text auf Textil"
Anfangs war das Parfum-Projekt eine Art Kunstaktion, ökonomisch an der Grenze des Machbaren. Doch dann passierte etwas Außergewöhnliches. Luca Turin, einer der angesehensten Parfumkritiker der Welt, verlieh "Unifaith" fünf Sterne und nahm den Duft in sein Standardwerk "Perfumes - The Guide" auf. Nur ein paar Dutzend Parfums weltweit rangieren in dieser Qualitätsstufe. Viele teure Düfte der großen Marken haben nur zwei Sterne.
Kann es jetzt losgehen mit dem ganz großen Geschäft, wird Daniel Josefsohn bald reich? Auf der Suche nach einer Firma, die "Unifaith" produzieren will, ist er bereits. Die Verhandlungen seien im Gange, mehr will er nicht verraten. "Ich glaube, wir haben den einzigen politischen Duft der Welt", vermutet Josefsohn.
Die mit dem Parfum verbundene Botschaft, fügt er hinzu, "ist mein kleines, großes Scherflein zum Weltfrieden". Am Anfang war das Wort, dann erst kommt das Produkt. Dieser Gedanke eint die Künstlergruppe Elternhaus. Sie will nicht primär Mode oder Werbung machen, sondern "eine Haltung durch Text auf Textil oder anderen Gedankenträgern transportieren".
Bereits 1992 ging der Textilkonzern Benetton mit seiner damals höchst umstrittenen Anzeige, die einen sterbenden Aidskranken zeigte, in eine ähnliche Richtung. Der Inhalt der Werbung wurde wichtiger und löste sich vom Produkt. Josefsohn findet die Benetton-Kampagne gut: "Das war ein Hallo-Wach", sagt er.
Allerdings reicht die Werbebotschaft im Falle von "Unifaith" viel weiter. Hier ist der Slogan "Damit wir uns endlich riechen können" das Entscheidende - das Produkt folgt erst in gebührendem Abstand.
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