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05.06.2009
 

Neues ProSieben-Casting

Germany's next Ofenrohr

Von Peer Schader

Die neue Heidi Klum heißt DJ Bobo. Seine Mission: in der ProSieben-Sendung "Germany's Next Showstars" die deutsche Antwort auf Paul Potts oder Susan Boyle finden. Perfektes Fernsehen für alle, die beim Zuschauen gern wegschauen.

Reinhard und Leela sind in ihren Fünfzigern, sie tragen gern farbenfrohe Kleidung und haben sich bei einem Tantra-Seminar in der Toskana kennengelernt. Da hat es ganz schön geknistert zwischen den beiden, aber Reinhard war mit seiner Beziehung da - also ist dann nicht mehr gelaufen. Jetzt tanzen die beiden eben zusammen. Verkleidet als riesige graue Würmer, die auf der Bühne eine Art Paarungsritual aufführen und dabei aussehen wie zwei betrunkene Ofenrohre.

"Das ist eine optisch-visuelle Geschichte", sagt Reinhard. Kunst eben. So was versteht natürlich nicht jeder.

Obwohl: Mit optisch-visuellen Geschichten kennt sich ProSieben ja aus. Bis vor kurzem suchte der Sender am Donnerstagabend Deutschlands bestaussehende Bohnenstange. Da ist es bis zum Wurm ja nicht mehr weit. Oder wie's der Sender jetzt in Anlehnung an den Klumschen Quotenhit formuliert: "Germany's Next Showstars".

Es ist ein bisschen in Mode gekommen, vor alles, was sich aus eigener Kraft bewegen, tanzen oder wenigstens ordentlich blamieren kann, eine sogenannte Jury zu setzen, die nachher die Entscheidung treffen muss, welches die beste lokale Tanzsportgruppe, der netteste Sportverein oder der tollste Straßenmusiker ist, der die Kappe alleine nicht vollkriegt. Der Sieger muss anschließend eine Weihnachts-CD aufnehmen und wird entweder durch sämtliche deutschen Fernsehshows gereicht (wie Paul Potts) oder verschwindet für immer im ZDF-"Fernsehgarten" (wie der Gewinner der ersten Staffel vom RTL-"Supertalent", diesem, äh - Dings).

Schuld sind mal wieder die Briten, bei denen kürzlich die neueste Staffel der Show für Allzweckbegabte, "Britain's Got Talent", zu Ende gegangen ist. Rechtzeitig übrigens, um die vollständige Aufmerksamkeit des Publikums auf die mindestens ebenso absurde und gleichwertig unterhaltsame Spesenaffäre des Parlaments umzulenken. Klar, dass die deutschen Sender so was auch gerne hätten. Also: eine ähnlich erfolgreiche Show - nicht unbedingt den Spesenskandal. Hauptsache, es kommt ein Star wie Susan Boyle dabei heraus, der dann nicht mal gewinnen muss.

Damit das klappt, hat RTL fürs "Supertalent" einfach noch mal Dieter Bohlen verpflichtet, und ProSieben versucht's mit dem Dieter seine Erzrivalin, "der bekanntesten und wohl beliebtesten Werbe-Ikone Deutschlands" Verona Pooth (Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer nicht eingerechnet), Ex-"TV total"-Praktikant Elton und - DJ Bobo.

Ja, lachen Sie nur. Der Bobo ist kein Bohlen, außer vielleicht, was seinen Erfolg mit Musik angeht, die so trashig ist, dass es schon wieder cool ist, sich als Fan zu bekennen. Sonst aber ist "der Bobo" ein netter Kerl, der Humor hat und auch mal über sich selbst lachen kann. Wozu es in seiner ersten Fernsehshow leider nicht allzu viel Gelegenheiten gibt. Mit großer Ernsthaftigkeit hat sich DJ Bobo vorgenommen, der fairste Juror Deutschlands zu werden. Weich, aber gerecht. Sein Aufruf an die Bewerber von "Germany's Next Showstars" lautet: "Lasst uns gemeinsam Geschichte schreiben!"

Es ist nicht ganz klar, welche Geschichte er damit meint, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die nächste Europatour von DJ Bobo in der Erinnerung der Deutschen irgendwann mal zwischen der Wirtschaftskrise und der Wahl zum 17. Deutschen Bundestag stehen wird, ist doch eher unwahrscheinlich.

Genau darum geht es aber für die Sieger: Sie dürfen mit "ihrem Idol" DJ Bobo auf die Bühne. "Mit ihm zu arbeiten, von ihm geformt zu werden, die Einflüsse von ihm zu erfahren", das sei ein großer Traum, äußerte sich einer der Kandidaten vor Beginn der ersten Castings. Der Mann scheint echte Fans zu haben.

Über zwei Stunden räumte ProSieben am Donnerstag für den Auftakt von "Germany's Next Showstars" frei, für Schlangentänzer, Feuerschlucker, Fahnenschwenker, Halbnackttänzer und ganz süße Kinder, die zusammen "I'm So Excited" sangen und damit ziemlich genau die Stimmung der Jury getroffen haben müssen. "Das habt ihr sehr schön gemacht!", lobte DJ Bobo den ganzen Abend. "Die Leistung war ultraprofessionell." Und: "Da geht doch die Sonne auf." Seine Jurykollegin Pooth zog nach: "Super!", "Mir hat's gut gefallen", "Ich brauch nicht weiter nachzudenken."

Ja, manchmal reicht es eben, einfach zu reden, um sich das Denken zu sparen.

"Germany's Next Showstars" war also perfektes Fernsehen - für alle, die beim Zuschauen endlich mal aufschreiben wollten, was schon seit Tagen erledigt sein sollte: das Paket von der Post abholen, die Versicherung anrufen, den Fernseher abstauben. Aus dem Augenwinkel ließ sich nebenbei prima überprüfen, dass man beim Auftritt der singenden Zwillinge, der Karatetruppe oder der hawaiianischen Frauentanzgruppe nichts verpasste. Es ist nicht so, dass das alles schlecht wäre. Nur eben auch sehr egal. Deshalb lässt sich "Germany's Next Showstars" vom Publikum auch leicht als das entlarven, was es für den Sender ist: eine Überbrückungsmöglichkeit bis zum Beginn der nächsten "Popstars"-Staffel, die ihrerseits wiederum eine Überbrückungsmöglichkeit bis zur nächsten "Topmodel"-Staffel ist.

"Wir sind immer für Überraschungen zu haben", versprach Verona Pooth am Donnerstag einer Kandidatin, die nach ihrem ersten Auftritt weggeschickt wurde, aber fand, sie habe noch eine zweite Chance verdient. "Ich bin's nicht", konterte Bobo leicht genervt.

Na, dann viel Spaß in den kommenden Wochen. Aber ohne uns.

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