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05.06.2009
 

Zukunft der Zeitung

Ein Text für den Preis einer Kippe

Von Jürgen Neffe

2. Teil: Wenn irgendwo der Staat als Retter gefragt ist, dann hier

Angesichts abstürzender Renditen planen die großen Verlage nun hinter den Kulissen, im Stile eines Kartells gemeinsam das Ruder herumzureißen und den freien Zugriff auf ihre Inhalte auf einen Schlag einzuschränken und/oder mit Gebühren zu belegen. Das könnte den gewünschten Effekt jedoch glatt verfehlen, nachdem sie selber ihre Kunden zu Schnäppchenjägern erzogen haben.

Alle Versuche, hierzulande aktuelle Inhalte über das Internet in nennenswerter Stückzahl zu verkaufen, sind an oft absurd unrealistischen Preisstrukturen gescheitert. Bei adäquater Preisgestaltung mit wirklichkeitsnahen Beträgen könnte das Ergebnis dagegen sogar günstig ausfallen. Zeitungs- und Zeitschriftenleser sind nachgewiesenermaßen bereit, für guten Journalismus gut zu bezahlen und gute Texte auch zu würdigen, wenn der Preis stimmt: Wären Sie bereit, für diesen Artikel vier Cent zu bezahlen - ja/nein - fertig.

Angenommen, ein Zeitungsnutzer liest regelmäßig eine (überregionale) Tages-, eine Wochen- und eine Monatszeitung. Das kostet ihn heute pro Monat rund 60 Euro, immerhin mehr als das Dreifache der Rundfunk- und PC-Gebühren und von Beziehern kleiner Einkommen kaum zu leisten. Dafür bekommen wir zugleich sehr viel und vergleichsweise wenig geboten: Könnten (und wollten) wir die Blätter komplett lesen, dann gäbe uns das zwar eine Halbtagsbeschäftigung, und jeder Artikel kostete nur den Bruchteil eines Cents.

Realistischerweise schaffen wir aber bei der Tageszeitung jeweils nur eine halbe, beim Wochenblatt eine Stunde und beim Monatsmagazin mit Glück eineinhalb. Dann haben wir alles, was uns interessiert, auch gelesen. Das macht ca. 20 Stunden Presselektüre pro Monat, die Stunde für drei Euro (eine Stunde Buch gibt es zum Bruchteil). Ein Text, wie er hier steht, kostete rund 20 Cent (so viel wie eine Zigarette) - wenn wir ihn einzeln bezahlen würden.

Wir kaufen aber, das macht bekanntlich einen Reiz der Zeitung aus, keine einzelnen Artikel, sondern einen nicht näher bestimmbaren Korb von Produkten, deren allerwenigste wir konsumieren. Mit ihrem Komplettangebot gleicht die Zeitung einem Kaufhaus. Da wir uns in der Regel auf ein Druckerzeugnis beschränken, bleibt uns (bei der Presse anders als im Fernsehen) der größte Teil der journalistischen Produktion nicht nur unbekannt, sondern auch unerreichbar. Umgekehrt finden selbst die besten Autoren und Texte, gemessen am potentiellen Publikum, vergleichsweise sehr wenige Leser.

Diese Mischung von Verschwendung und Solidarprinzip, wobei jeder die Interessen der anderen mitfinanziert, konnten wir uns leisten, solange sich genug Spalten und Seiten zwischen den Texten vermieten ließen.

Seit die Anzeigen massiv abwandern (unter anderem, weil Anzeigenkunden im Internet sehr viel direktere Ansprachen von Zielgruppen erreichen als durch das unspezifische Schrotschussprinzip einer Zeitung), und weil sie gleichzeitig wegen der Wirtschaftskrise noch mehr zurückgehen, entlarvt sich die Lebenslüge des (Print-)Journalismus: Er kann selbst bei erfreulicher Auflage respektive Nachfrage vom Verkauf seiner Produkte nicht leben, sondern nur dank erheblicher Einnahmen durch Reklame. Kostendeckende Preise für werbefreie Blätter ließen sich mit Auflagen wie den heutigen am Markt jedenfalls niemals durchsetzen.

Ohne Subventionen sind die Produkte schreibender Journalisten noch weniger konkurrenzfähig und schlechter verkäuflich als die der Autobauer, Steinkohleförderer oder Milchbauern. Anders als sonstige Konsumgüter stehen Presseerzeugnisse aber unter dem Schutz unserer Verfassung. Wenn also irgendwo der Staat als Retter gefragt ist, dann hier. Um eines der ältesten und stabilsten Standbeine der Demokratie zu stützen, werden wir auf kurz oder lang über Formen öffentlich-rechtlicher Presse sprechen müssen - bei der sich die Politik allerdings nicht so einmischen dürfte wie bei Radio und Fernsehen. Der Zeitpunkt war nie günstiger als jetzt, da aus Printmedien Textmedien werden, die im multimedialen Konzert der elektronischen Medien ihren Platz suchen.

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