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18.06.2009
 

Zum Tode Ralf Dahrendorfs

Ein glücklicher Intellektueller

Von Nikolaus von Festenberg

Er war ein kritischer Liberaler, in seinen Schriften verband er Objektivität und Leidenschaft: Ralf Dahrendorf war einer jener Denker, derentwegen sich die Bundesrepublik zu einem freiheitlichen Land entwickelte - jetzt ist er im Alter von 80 Jahren in Köln gestorben.

Mitten in die Feierlichkeiten zum 80. Geburtstag von Jürgen Habermas platzt die Nachricht vom Tod Ralf Dahrendorfs. Manchmal schafft der Irrsinn der Vergänglichkeit Ausblicke, im Falle von Habermas und Dahrendorf die Erkenntnis, dass die Entwicklung der Bundesrepublik zu einem freiheitlichen Land nicht nur das Werk einer erfolgreichen Wirtschaft, sondern auch das von Denkern gewesen ist.

Dahrendorf und Habermas, der eine ein kritischer Liberaler, der andere ein (selbst-)kritischer Linker, beide Jahrgang 1929, sind sich in den für das geistige Klima der Bundesrepublik entscheidenden fünfziger und sechziger Jahren wissenschaftlich über den Weg gelaufen. Sie waren Widersacher im Denken, respektvoll im Umgang, nie langweilig, mit einer Antihaltung gegenüber allem auf Würde bedachten Akademikertum, einfach sachlich. In anderen Nationen würde man das stolz sehr deutsch nennen.

Anders als Habermas entstammt Dahrendorf einem politischen Elternhaus. Sein Vater war aktiver Sozialdemokrat, Hamburger Abgeordneter im deutschen Reichstag und Widerständler, der vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler wie durch ein Wunder zu einer siebenjährigen Zuchthausstrafe und nicht, wie viele andere Regimegegner, gleich zum Tode verurteilt wurde.

Ralf Dahrendorf geriet als 15-Jähriger in die Fänge der Gestapo, wurde in der Nähe von Frankfurt an der Oder in einem Polizeigefängnis eingesperrt, erlebte eine Hinrichtung und wurde kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee entlassen.

In seinen überaus lesenswerten, 2002 erschienenen Lebenserinnerungen "Über Grenzen" beschreibt Dahrendorf diese Repressalien als den entscheidenden Moment, die Freiheit zur obersten Leitlinie seines Lebens zu wählen.

Noch im Krieg waren die Dahrendorfs nach Berlin übergesiedelt. Hier erlebten sie erst die Befreiung, dann neue Bedrückung durch die von den sowjetischen Machthabern angetriebene Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED.

Vater und Sohn Dahrendorf wurden mit Unterstützung von Engländern und Amerikanern nach Hamburg gebracht. Ralf Dahrendorf schreibt: "An diesem Februartag des Jahres 1946 wich der Abdruck von Diktatur und Krieg, und es öffnete sich das Tor zu einer neuen Welt." Er studierte in Hamburg Philosophie und Klassische Philologie und wurde dort 1952 mit dem Thema "Der Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx" zum Dr. Phil. promoviert.

Darin wandte sich Dahrendorf gegen die "spekulative Geschichtskonzeption" des bärtigen Propheten und beharrte auf einer liberalen Pointe, wonach die Freiheit der Gleichen im utopischen Endzustand "vor allem Freiheit" ist und nicht Aufgehobenheit in einer noch so perfekten Diktatur der kommunistischen Vernunft.

Nach Graduiertenstudien in Soziologie an der London School of Economics (1952 bis 1954), wo ihn besonders "empirische Soziologie mit theoretischem Gehalt" interessierte, vor allem Fragen von Schichtung und Bildungschancen", stieß er 1954 "zur Heiligen Familie" und wurde Assistent von Max Horkheimer am Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Ein Damaskus-Erlebnis wurde das für Dahrendorf nicht, sondern eine Enttäuschung. Der junge Mann mit London-Erfahrung sollte sich um die Protokolle von Gruppeninterviews über den Faschismus kümmern. Der bisher daran tätige "Marktforschungstyp" (Adorno) sei zu stupide, man solle mehr aus den Befragungen machen. Aber Dahrendorf erkannte: "Das Gruppenexperiment war am Ende weder methodisch noch inhaltlich sonderlich ergiebig."

Die erste Begegnung mit den Dialektikern der Aufklärung löste bei Dahrendorf einen irreversiblen Prozess der Aufklärung aus: "Das sagenumwobene Frankfurter Institut betrieb ganz normale Umfrageforschung. Wo Neues versucht wurde, erwies es sich als untauglich; was tauglich war, brachte nicht viel Neues."

Der weltläufige Dahrendorf stellte sich im "Positivismusstreit" an die Seite von Karl Popper und bestritt aus ökonomischer Erkenntnis heraus die Rousseau-These von der ursprünglichen Gleichheit der Menschen. Streit und Konflikt seien kreative Antriebsquellen in einer offenen Gesellschaft.

Ende der sechziger Jahre verabschiedete sich Dahrendorf aus der soziologisch forschenden Wissenschaft, ging als FDP-Politiker und Staatssekretär ins Auswärtige Amt, wechselte nach Brüssel und übernahm die Rektorenstelle der Eliteforschungsstätte "London School of Economics". 1982 zum Sir geadelt, später als Baron geehrtes Mitglied im Britischen Oberhaus, hatte Dahrendorf die Grenze, die Wissenschaft von Politik trennt, glänzend überschritten. Habermas schrieb über diesen von dem Soziologen Wolf Lepenies zum "glücklichen Intellektuellen" - in Deutschland eine historische Seltenheit - erklärten Hamburger Sir: "Dahrendorf mag zuweilen prätentiös auftreten; ganz unprätentiös jedoch stellt sich in seinen Schriften die schwierige Einheit von Objektivität und Leidenschaft her."

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insgesamt 8 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.06.2009 von rabenkrähe: Vordenker

...... Die sind doch schon lange in einem anderen Film. Dahrendorf und Flach waren jene Denker und Lenker, die den FDP-Weg in die sozialliberale Koalition ebneteten und damit unglaubliche gesellschaftliche Veränderungen [...] mehr...

19.06.2009 von coriolanus: Dutschke und Dahrendorf

Dutschke begriff sich als Berufsrevolutionär. Er träumte von der Revolution in den "Metropolen". Seine Leitbilder waren Lenin ("Versuch, Lenin vom Kopf auf die Füße zu stellen") und Che Guevara. Er trug [...] mehr...

19.06.2009 von rio_riester: Fragwürdig.

Traurig für den alten Herren, traurig auch für Deutschland. Dennoch finde ich den Nachruf etwas oberflächlich. Dahrendorf hat sich bereits in den 1970er Jahren aus der Wisseschaft verabscheidet, um in der Politik Karriere zu [...] mehr...

19.06.2009 von reuanmuc: .

Sie wissen nicht, wovon Sie schreiben, hier ein Interview von 2006: DIE WELT: Wieviel Liberalität braucht der Markt? Dahrendorf: Jeder Markt kennt Regeln. Regeln, die möglichst formal bleiben und viel Spielraum für [...] mehr...

19.06.2009 von sam clemens: Dahrendorf

Er war ganz offensichtlich ein einflussreicher und sehr verdienstvoller Philosoph/Politiker. Ich muss dennoch bekennen, dass mich das Freiheits-Mantra Dahrendorfs kalt lässt, denn zu oft geht es ins Beliebige, zu oft bleibt D. bei [...] mehr...

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