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21.06.2009
 

Weltgeschichte des Protests

Twitter und der Eros der Freiheit

Von Reinhard Mohr

Vom Trojanischen Pferd zu Twitter, von der heiligen Maschine Baudelaires zum Handyfoto: Die Geschichte des Protests wäre nichts ohne zeitgemäße Technik und Kommunikationsmittel - entscheidend aber, das zeigen die aktuellen Demonstrationen in Iran, ist der Wille zum Handeln.

Was wäre wohl aus Troja geworden, wenn der "große Ajax", der stets neidisch war auf Odysseus' behende Listigkeit, rechtzeitig eine SMS an Kassandra geschickt hätte: "Helas! Odysseus, Idomeneus und die anderen haben sich in dem großen Holzpferd versteckt..."? Eine schöne, aber müßige Spekulation.

4000 Jahre später rufen die Menschen Abend für Abend "Allahu Akbar!" von den Dächern Teherans, "Gott ist groß!" Gleichzeitig halten sie die Szene mit ihren Handykameras fest und senden die Bilder über YouTube, Facebook, Flickr und andere Internet-Foren an der Zensur vorbei in die Welt.

Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheinen mag, bezeugt in Wirklichkeit einen gewieften, des Odysseus würdigen Protest: Ausgerechnet mit der traditionellen islamischen Lobpreisung Gottes, dem Schlachtruf der iranischen Revolution von 1979 gegen das Schah-Regime, wenden sich die Demonstranten 30 Jahre danach gegen die autoritären Usurpatoren des Gottesstaates selbst.

So ist die Botschaft formal unangreifbar, politisch aber sehr wirkungsvoll. Ebenso gewitzt wie entschlossen signalisiert der Aufstand gegen das Mullah-Regime die ganze Dialektik zwischen Tradition und Moderne, Glaube und Aufklärung.

Die Mittel des Protests spiegeln zugleich den Zweck wider - die Befreiung der Gegenwart aus den Fesseln der Vergangenheit.

Doch alle Twitterei, aller kommunikationstechnische Erfindungsreichtum der jungen iranischen Generation wären vergebens, gäbe es da nicht jene historische Situation, die man durchaus (vor-)revolutionär nennen könnte. Wie in allen geschichtlichen Epochen zuvor sorgt selbst schreiendes Unrecht und grausame Unterdrückung allein eben nicht dafür, dass es zu Aufständen oder revolutionären Umwälzungen kommt. Burma, Nordkorea und Simbabwe zeugen davon.

Um die Volksmassen wirklich auf die Barrikaden zu treiben, braucht es neben den als elend, ungerecht oder aussichtslos empfundenen Lebensverhältnissen zumindest dreierlei: Ein klares Ziel, und sei es die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit wie jetzt in Iran, einen konkreten Anlass aufwallender Empörung und das, was in Europa einst "Avantgarde" hieß, eine Kristallisationsfigur, eine Art Führung oder Projektionsfläche, die Orientierung und jedenfalls ein Mindestmaß an Organisation und Perspektive bietet.

Angesichts der bewaffneten Kräfte des Regimes - wie in Iran - mag selbst das noch nicht ausreichen. Doch hier kommt nun jene schwer erklärbare Magie ins Spiel, die dafür sorgt, dass die Menschen gleichsam über Nacht beginnen, ihre Angst zu verlieren, sich frei zu fühlen. Sie weichen nicht mehr zurück, sondern gehen nach vorne.

"Kritische Masse" - der Begriff kommt aus der Atomphysik, gilt aber auch für die Logik des Volksaufstands. Es ist immer wieder ein staunenswertes Wunder, dass millionenfache individuelle Empfindungen in einer einzigen historischen Stunde zu einem kollektiven Gedanken zusammenschießen: "Nun ist es genug!"

Die bloße Vermutung des Wahlbetrugs durch Präsident Mahmud Ahmadinedschad löste genau dieses Gefühl aus. Es war der Beginn einer Kettenreaktion als Folge einer klassischen Fehlkalkulation fanatisch blinder Herrschaft.

Als König Ludwig XVI. am 11. Juli 1789 seinen reformerischen Finanzminister Necker entließ, hatte er auch nicht den Schimmer einer Ahnung, dass drei Tage später, mit dem Sturm auf die Bastille, die französische Revolution beginnen sollte, die am Ende nicht nur seinen Kopf kostete.

Das ist Revolution: Plötzlich finden sich Hunderttausende, höchst unterschiedliche Individuen in einer Masse wieder, die wie aus einem Munde spricht. Das lateinische Wort "communicare" - teilen, mitteilen, teilnehmen lassen - weist den Weg. Es ist die Dynamik einer spontanen Kommunikation, die die Verwandlung der eben noch hilflosen Individuen zur ebenso mächtigen wie vielgesichtigen Masse vorantreibt.

In diesem Augenblick wird Kommunikation zur scharfen Waffe. Ihr Clou ist die Überrumplung der bestehenden Verhältnisse, die eigentlich wie betoniert erscheinen, für die Ewigkeit gemacht. Denn auch wenn sich die Machthaber stets auf den für sie gefährlichen Moment vorzubereiten suchen - vorstellen können sie ihn sich nicht. Einfach deshalb, weil sie sich wahre Freiheit, die immer die Freiheit der anderen ist, einfach nicht vorstellen können. Geheimnis und Gewalt, Intrige und Verschwörung - das ist ihre Welt. Nichts sonst.

So ist die revolutionäre Öffentlichkeit, die sich der großen Lüge entgegenstellt und schon darin einen ergreifenden Moment der Befreiung findet, der Todfeind ihrer Despotie. Zu allen Zeiten war deshalb die Forderung nach demokratischer Öffentlichkeit, nach Licht im Dunkel und Wahrheit statt Lüge, der Kern des politischen Protests: Information und Aufklärung. Sagen, was ist.

Dazu bedarf es freilich auch geeigneter Mittel.

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22.06.2009 von pourroy: Kollektive Intelligenz organisieren

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