Sonntag, 22. November 2009

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
01.07.2009
 

Stadtplanung intim

"Wir brauchen einen Klo-Masterplan"

Not mit der Notdurft: Eine Hamburger Ausstellung widmet sich dem katastrophalen Zustand und Image öffentlicher Toiletten. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Organisator Alexander Pinto über das stille Örtchen als Standortfaktor, kultiviertes Klo-Design - und die "Nette Toilette".

SPIEGEL ONLINE: Welchen Sinn hat eigentlich eine Ausstellung zu öffentlichen Klos?

Pinto: Öffentliche Toiletten sind bisher kein Thema für Stadtplaner und Architekten - und das ist angesichts des demografischen Wandels ein Problem. Darauf wollen wir aufmerksam machen.

SPIEGEL ONLINE: Demografischer Wandel? Reden Sie von Senioren, die bald mit schwacher Blase durch die Innenstädte ziehen, auf der Suche nach Erleichterung?

Pinto: Überspitzt formuliert: Ja. Unsere Ausstellung konzentriert sich auf Hamburg. Bis 2020 wird hier der Anteil der über 75-Jährigen um 20 Prozent steigen. Klos sind also ein erheblicher Faktor, wenn die Stadt seniorengerecht sein soll. Außerdem reden wir über eine Touristenmetropole: 2008 sind vier Millionen Besucher gekommen. Die müssen ja alle irgendwann auch mal wohin. Und wenn sie das nicht können, beeinträchtigt das deren Reiseerlebnis. Da muss sich die Stadt etwas überlegen.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegen denn die drängendsten Probleme?

ZUR PERSON

Alexander Pinto,36, studierte Soziologie und Volkswirtschaft an der Uni Hamburg. Er entwickelt und organisiert wissenschaftliche Veranstaltungen und künstlerische Projekte, ist Dozent unter anderem an der HafenCity Universität Hamburg und Mitbegründer des Instituts für urbane Praktiken. Gemeinsam mit Katja Heinecke, Ingrid Breckner und Studierenden hat er die Schau "Öffentliche Notdurft Hamburg" organisiert.
Pinto: Das ist eine komplizierte Gemengelage, die sich aber in jeder Kommune ähnelt. Hamburg etwa hat rund 170 öffentliche Toilettenanlagen, von denen rund 70 privat geführt werden, etwa von der Verkehrsbetrieben. Die Stadt gibt den Betrieb ab - aus Kostengründen. Besuche kosten jetzt bis zu 50 Cent. Außerdem ist es unglaublich schwierig, ein einheitliches, stadtweites Symbol zu finden, das kulturübergreifend verständlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?

Pinto: Wir brauchen einen Klo-Masterplan. Hamburg orientiert sich da gerade an Zürich. Die Schweizer sind sehr aktiv darin, neue Anstalten zu bauen oder veränderten Bedürfnissen anzupassen. Sie sind europaweit Vorreiter, gerade unter dem Aspekt des Städtewettbewerbs. Ein schönes Klo kann ein Imageträger sein. Ein "Zeit"-Journalist beschrieb mal, wie er Kopenhagen besucht hat, genauer: eine öffentliche Toilette dort. Es bleibt ja positiv in Erinnerung, wenn man sein Bedürfnis angenehm verrichten konnte.

FLASHMOB-AKTION

Foto: Pinto
Studenten- Demonstration: "Mir stinkt's"
SPIEGEL ONLINE: Oder negativ, wenn es unangenehm war. Der Zustand vieler öffentlicher Toiletten ist fürchterlich. Wenn Sie aber zum Beispiel Vandalismus verhindern wollen, ist das teuer.

Pinto: An manchen Orten reichen ja Pissoirs, wie etwa auf der Hamburger Reeperbahn. Und man muss robustes Material verwenden. Außerdem legt die aktuelle Studie einer großen Stadionbaufirma - die sich naturgemäß mit Toilettenbau auskennt - nahe: Je besser das Design, desto weniger Vandalismus. Ein schickes Klo hebt die Hemmschwelle, das spart Wächter oder Überwachungskameras.

SPIEGEL ONLINE: Also her mit den Star-Architekten für den Klo-Bau?

Pinto: Absolut. Norman Foster hat für einen Stadtmöblierer in Dresden schon eine Automatentoilette entworfen. Architekten und Designer können dabei nur gewinnen, so etwas steigert ihr Renommee auch jenseits großer Bauten.

SPIEGEL ONLINE: Sex, Drogen, Dreck: Öffentliche Toiletten leiden dennoch unter einem schlechten Image.

Pinto: Zu Unrecht. Beispiel Sex: Die Toilette nimmt längst nicht mehr die Bedeutung für Schwule ein wie früher, auch weil Homosexualität in der Gesellschaft ja viel akzeptierter ist.

SPIEGEL ONLINE: Und Drogen?

Pinto: Abhängige suchen Rückzugsräume. Jetzt kann man natürlich UV-Licht einsetzen, so dass die Leute ihre Venen nicht sehen und sich nichts spritzen können. Man kann die Menschen aber auch entkriminalisieren, indem man Fixerstuben einrichtet - und die Leute aus sehr unhygienischen Umständen herausholt.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern