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Stadtplanung intim "Wir brauchen einen Klo-Masterplan"

2. Teil: "So riecht's da dann auch!"

SPIEGEL ONLINE: In Großbritannien forderte das Parlament kürzlich die Kommunen sogar dazu auf, eine "Toiletten-Strategie" vorzulegen. Sollte Angela Merkel in Sachen Klos aktiv werden?

Pinto: Nein, das ist bei den Kommunen schon gut aufgehoben. Grundsätzlich kann man das aber schon eine Ebene höher ansiedeln - etwa bei der Uno. 40 Prozent der Menschen weltweit haben keinen Zugang zu angemessenen sanitären Einrichtungen. Das ist eine entwicklungspolitische Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht eigentlich ein Klo-Masterplan aus?

Pinto: Man sucht Standorte, quantifiziert den Bedarf, untersucht, welche Nutzergruppen vorhanden sind, welche Bedürfnisse sie haben, welche kulturellen Aspekte zu beachten sind. Dahinter steckt die Frage, wie man bestimmte Stadtquartiere entwickeln will, welche Bewohner dort leben - und vielleicht in Zukunft leben sollen; was auch die stadtplanerische Relevanz ausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren, dass Architekten und Stadtplaner öffentliche Toiletten vernachlässigen. Derzeit stampft Hamburg mit der Hafencity einen ganzen Stadtteil aus dem Nichts: Gilt Ihre Kritik dort auch?

Pinto: Zumindest spielen Toiletten eine untergeordnete Rolle, eine einzige ist neu errichtet worden - trotz dieser Touristenströme! Ich kenne die Not mit der Notdurft aus eigener Erfahrung: Wenn ich dort mit meinen Kindern bin, weiß ich nicht, wohin. Außerdem regen sich Anwohner darüber auf, dass manche Menschen an wärmeren Tagen einfach mal schnell in die Ecke pinkeln. So riecht's da dann auch.

SPIEGEL ONLINE: Eine indische Stadt zahlt sogar eine Pinkelprämie, wenn die Einwohner öffentliche Pissoirs nutzen. Das fordern Sie aber nicht, oder?

Pinto: Nein, für Deutschland gibt es bessere Konzepte. Die Stadt Aalen hat etwa die "Nette Toilette" entwickelt. Das ist ein Public-Private-Partnership. Cafés oder Restaurants deklarieren ihre Klos als öffentlich und erhalten einen Obolus von der Kommune, die so ihre Kosten minimiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Idee hatte Bremen auch. Der zuständige Senator wollte öffentliche Toiletten abschaffen - und übersah, dass viele Gastronomie-Klos nicht behindertengerecht sind.

Pinto: So was wie die "Nette Toilette" ist eben nur ein Baustein einer Mischkonzeption. Dazu kommen Automatik-Klos, die ohne Personal auskommen, bewachte Toiletten bis hin zu Pissoirs. Insgesamt dürfte das nicht viel mehr kosten als jetzt. Das ist letztlich eine Frage der Sensibilität für das Thema und des politischen Willens.

SPIEGEL ONLINE: Die klammen Kommunen scheuen aber verständlicherweise mehr Engagement.

Pinto: Sicher, die ausschließliche Vorhaltung von Bedürfnisanstalten aus der öffentlichen Hand ist so utopisch wie die Vollbeschäftigung. Aber die Städte dürfen auch nicht zu viel öffentlichen Raum aus der Hand geben.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Pinto: Weil sie sich sonst der Möglichkeit berauben, Gesellschaft zu gestalten. Denn erst im öffentlichen Raum finden Menschen ja zueinander, dort konstituiert sich eine Gesellschaft und findet zu sich selbst.

SPIEGEL ONLINE: Auch auf dem Klo?

Pinto: Ja, durchaus: Eine Gesellschaft kommt auch zu sich selbst auf dem Klo. Im antiken Rom hatten die Latrinen bis zu vierzig Sitze, dort haben die Leute Geschäfte miteinander gemacht. Daher stammt die Redewendung: Sein Geschäft machen.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Untergang Roms erleichterte man sich im Mittelalter im Burggraben oder auf der Straße. Im 19. Jahrhundert gab es dann Kampagnen für Bedürfnisanstalten - und jetzt schaffen wir sie wieder ab. Ist der Zustand des öffentlichen Toilettenwesens ein Gradmesser für den Niedergang einer Zivilisation?

Pinto: Öffentliche Klos sind auf jeden Fall ein Zivilisationsgewinn. In Wohngebieten muss man natürlich keine installieren...

SPIEGEL ONLINE: ...weil die Menschen ihre Privatklos haben.

Pinto: Genau. Im Zuge der Industrialisierung sind - trotz der breiten Bewegung für öffentliche Bedürfnisanstalten - Toiletten ins Private verlagert worden. Zunächst teilten sich die Hausbewohner ein stilles Örtchen auf dem Hinterhof, dann folgten Klos auf der halben Treppe, schließlich in den Wohnungen selbst. Das Bedürfnis nach Intimität ist also in der heutigen Gesellschaft ein ganz anderes als in der Antike. Daher glaube ich zwar nicht, dass die Abschaffung öffentlicher Toiletten den Niedergang unserer Zivilisation markiert. Aber andersherum denke ich schon: Ein größeres Bewusstsein für öffentliche Toiletten würde zivilisatorischen Fortschritt bedeuten.

Das Interview führte Thorsten Dörting


Ausstellung "Öffentliche Notdurft Hamburg", HCU HafenCity Universität, seit dem 30. Juni; Jennifer Hudson, "Restroom: Zeitgenössisches Toilettendesign", Av Edition, 192 Seiten, 2008

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flyingpenguin 01.07.2009
Ich war vor kurzem in der USA, dort findet man fast überall saubere, kostenlose Toiletten und Wasserspender. Gibt halt beim Thema Service in Deutschland in jedem Bereich noch Nachholbedarf =)
Ich war vor kurzem in der USA, dort findet man fast überall saubere, kostenlose Toiletten und Wasserspender. Gibt halt beim Thema Service in Deutschland in jedem Bereich noch Nachholbedarf =)
pelu28 01.07.2009
Aber bitte solche Toiletten die nichts kosten, bitte! Denn wir werden sogar bei der Notdurft zur Kasse gebeten, versteckte Steuern nenne ich das. Was so einige Städte da machen ist einfach eine Schande für die Verwaltung vom [...]
Aber bitte solche Toiletten die nichts kosten, bitte! Denn wir werden sogar bei der Notdurft zur Kasse gebeten, versteckte Steuern nenne ich das. Was so einige Städte da machen ist einfach eine Schande für die Verwaltung vom Bürgermeister bis hin zum Kämmerer.
Firedancer 01.07.2009
Schatz, hast du mal 50 Cent, oder nen Euro? Wie nein, ich muss aber sooo dringend... Ich kann es immer noch nicht glauben, die meisten Städte haben noch nicht begriffen, dass alte Menschen, aber auch junge halt manchmal ein [...]
Schatz, hast du mal 50 Cent, oder nen Euro? Wie nein, ich muss aber sooo dringend... Ich kann es immer noch nicht glauben, die meisten Städte haben noch nicht begriffen, dass alte Menschen, aber auch junge halt manchmal ein Bedürfnis zur Erleichterung verspüren. O-Ton meiner Großeltern: Wir fahren ins Einkaufszentrum, da gibt es wenigstens Toiletten. Mittlerweile muss man in einigen Restaurants schon lieb um den Schlüssel zum stillen Örtchen betteln, selbst wenn man Gast ist. In einigen will dann plötzlich auch noch jemand 30 Cent von einem (äh hallo, ich habe hier gerade Kaffee und Kuchen bestellt?). Dreckig sind die Toiletten selbst dann, wenn vorne jemand sitzt der sich darum kümmert. Nur frage ich mich, wie es zusammengeht, dass die Person, die sich kümmern soll, die ganze Zeit den Teller mit dem Kleingeld bewacht.
elcattivo6 01.07.2009
Nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern dieser Erde sind die Klos durchgängig kostenlos zu benutzen und sehen dennoch sehr passabel aus, z.B. in Kanada. Es ist eine unwürdige Geschäftemacherei, aus der Notlage von [...]
Nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern dieser Erde sind die Klos durchgängig kostenlos zu benutzen und sehen dennoch sehr passabel aus, z.B. in Kanada. Es ist eine unwürdige Geschäftemacherei, aus der Notlage von Passanten auch noch Gewinn schlagen zu wollen. Meinetwegen kann die Finanzierung über Werbung erfolgen, aber bitte nicht über die Nutzer. Manche Leute lächeln über 50 Cent nur, für andere ist es finanziell durchaus schmerzhaft- kaum zu glauben, oder? Überhaupt 50 Cent, kann sich jemand noch an die "Pinkelgebühren" vor der Euro-Einführung erinnern? Hätten Sie 1 DM für´s Klo bezahlt? Insgesamt eine Frechheit, was hier in Deutschland abläuft, und dabei haben wir die Autobahnraststättenklos mit Einlaßkontrolle noch gar nicht betrachtet... Zu fordern ist nicht nur eine ausreichende Anzahl von entsprechenden Möglichkeiten, seine Notdurft zu verrichten (wobei das Design bei einem dringenden Bedürfnis wohl eher zweitrangig sein dürfte, wenn man eben nur Zeit-Leser und nicht Zeit-Journalist ist), sondern vielmehr kostenlose, hygienische Toilettenbesuche für alle!
mehrwert 01.07.2009
Stichwort "nette toilette" http://www.nagold.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=1127 Vorteil: Stadt spart, Gastronomen bekommen was extra (von der Gemeinde), Toiletten sind sauber, Vadalismus unbekannt, Besucher [...]
Zitat von FiredancerSchatz, hast du mal 50 Cent, oder nen Euro? Wie nein, ich muss aber sooo dringend... Ich kann es immer noch nicht glauben, die meisten Städte haben noch nicht begriffen, dass alte Menschen, aber auch junge halt manchmal ein Bedürfnis zur Erleichterung verspüren. O-Ton meiner ......
Stichwort "nette toilette" http://www.nagold.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=1127 Vorteil: Stadt spart, Gastronomen bekommen was extra (von der Gemeinde), Toiletten sind sauber, Vadalismus unbekannt, Besucher und Einwohner glücklich... (Und es funktioniert wirklich)
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