Von Thomas Winkler
Sie hatte gerade mal die Pubertät überstanden, da ereilte sie das Schicksal so vieler Kolleginnen. Am Dienstag tauchten erste Gerüchte auf, dann war es klar: "Vibe", das einflussreichste Magazin für schwarze Musik, wird eingestellt. Die Verblichene wurde nur 16 Jahre alt.
Es war vor allem der Einbruch im Anzeigengeschäft, der dem Hochglanzmagazin mit einer Auflage von zuletzt 800.000 monatlichen Exemplaren den Garaus machte. "Vibe" ist nicht der erste amerikanische Zeitschriftentitel, der der aktuellen Medienkrise zum Opfer fällt, aber der bislang bedeutendste. Gekriselt hatte das Magazin allerdings schon seit 2006, als es von der Private-Equity-Firma Wicks Group übernommen wurde. Im vergangenen Februar dann wurde die Auflage reduziert und die Vier-Tage-Woche eingeführt, zudem wurden die Gehälter gekürzt.
Bis dahin hatte "Vibe" eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Seit das Magazin 1993 zum ersten Mal erschien, behandelte es erschöpfend alle Facetten der afroamerikanischen Popkultur mit den Säulen HipHop, R&B und Soul. Damit unterschied sich "Vibe" nicht nur von spezialisierteren Magazinen wie dem Rap-Fachblatt "The Source", sondern etablierte eine Idee von urbaner Coolness, die überraschend schnell anschlussfähig wurde und Rassenschranken überwand.
Die Gründung von "Vibe", die vom mächtigen und durch seine Arbeit mit Michael Jackson reich gewordenen Produzenten Quincy Jones lanciert wurde, war auch eine Reaktion auf den damals immer noch grassierenden Rassismus in der amerikanischen Medienlandschaft: Schwarze Popkünstler dominierten damals zwar längst den Tonträgermarkt, wurden aber von den traditionellen Rockorganen und Mainstream-Zeitschriften standhaft ignoriert. "Vibe" war eine Zeit lang der einzige Weg, das mediale Ghetto zu verlassen: Wer von "Vibe" auf den Titel gehoben wurde, der hatte es in ganz Amerika geschafft.
"Vibe", das darf als bleibende Leistung in die Geschichte eingehen, begleitete nicht nur die schwarze, urbane Popkultur, sondern half ihr auch in den Mainstream. Etwas, das länger existierende Publikationen für ein schwarzes Publikum wie "Ebony", "Jet" oder die Frauenzeitschrift "Essence" nicht geschafft hatten. Dank "Vibe" wurden Afroamerikaner nicht mehr nur als Ghettobewohner und Gangster wahr genommen, sondern als Konsumenten und Wirtschaftsfaktor. In der Vibe warben Modedesigner, deren Kreationen R&B-Divas trugen, ebenso wie Cognac-Brenner, deren Produkt in Rap-Texten gefeiert wurde, und Sportartikel-Hersteller, um ihre Schuhe von der Ghetto-Jugend zum Trend befördern zu lassen.
"Vibe" war lange nah am Puls der afroamerikanischen Jugendkultur. Auf ihrer Website ist das eigene Ableben bislang allerdings noch nicht angekommen. Der Internet-Auftritt des Magazins macht stattdessen auf mit einem anderen Nachruf, dem auf Michael Jackson. Und wirbt weiter tapfer für ein Jahresabonnement. Quincy Jones ließ verlauten, er wolle die Rechte an "Vibe" zurückkaufen und den Titel zumindest als Web-Magazin weiter führen.
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH