Von Reinhard Mohr
Es sei an der Zeit, forderte Döpfner jüngst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", "dass sich die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen". Dem Unternehmen sei "Unrecht widerfahren in dieser Auseinandersetzung, die bis heute negativ auf unser Haus wirkt".
Damals, so verbreitet Verlagschef Döpfner heute, habe sich "die 68er-Bewegung, wissentlich und unwissentlich, zum Handlanger der SED machen lassen, um den Axel-Springer-Verlag als Feindbild und Fratze der freien Presse zu positionieren... Wenn es jetzt die Möglichkeit gibt, das von der SED-Propaganda geprägte Geschichtsbild Springers zu korrigieren, dann muss man sich als Unternehmensverantwortlicher hierfür engagieren und kann sich nicht wegducken, zumal der Konzern bis heute an diesem falschen Bild Schaden nimmt". Er fordere nur "eine differenzierte Auseinandersetzung".
Sehr viel Differenzierung ist bislang allerdings noch nicht zu finden. Stattdessen wird versucht, dem 2. Juni 1967, unbestritten ein Fanal für die sich radikalisierende Protestbewegung, den Stasi-Stempel aufzudrücken. Und wenn man schon mal dabei ist, so kann man gleich die ganze Geschichte von 1968 irgendwie mit SED und Stasi verbinden: eine recht unverhohlene Kontaminationsstrategie.
Dabei könnte man es besser wissen: Jochen Staadt, einer der besten Stasi-Kenner und Mitglied einer Arbeitsgruppe, die der Springer-Verlag zur Erforschung der eigenen Geschichte eingesetzt hat, schätzt den Anteil der einschlägigen Beeinflussung durch SED und Stasi auf etwa 15 Prozent. Das ist schlimm genug, aber kein Grund, gleich die ganze 68er-Bewegung zum "Handlanger" von DDR-Interessen zu machen.
Noch absurder wirkt dieser Versuch, wenn man sich den weltweiten Kontext der Protestbewegung von Amerika bis Frankreich, von Italien bis Holland vor Augen führt. Nicht zu vergessen: Rudi Dutschke, 1967/68 das Feindbild Nummer eins der Springer-Blätter, war ein DDR-Flüchtling, der es gerade noch rechtzeitig vor dem Bau der Mauer am 13. August 1961 nach Westberlin geschafft hatte.
Aber klar, immer und überall gilt: Geschichtsschreibung dient stets zugleich gegenwärtigen Interessen. Unlängst versuchte auch Thomas Schmid, Chefredakteur der "Welt"-Gruppe, ein etwas freundlicheres Bild der Springer-Zeitungen aus der Zeit von 1967/68 zu zeichnen. Auf einer ganzen Zeitungsseite dokumentierte der einstige Mitstreiter von Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, dass es auch kritisch-differenzierte Berichterstattung gegeben habe.
Das ist richtig, aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Denn entscheidend waren nicht einige ziselierte Kommentare in der "Welt", sondern die geballten Schlagzeilen von "Bild", "BZ" und "Berliner Morgenpost". Nach dem Tod Benno Ohnesorgs etwa kommentierte "Bild" am 3. Juni 1967: "Sie müssen Blut sehen. Hier hören der Spaß und der Kompromiss und die demokratische Toleranz auf... Wir haben etwas gegen SA-Methoden". Und die "BZ" schrieb: "Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen." So wurden Opfer zu Tätern gemacht. Ein Blick ins Archiv reicht, um dutzendfach ähnliche Parolen zu finden.
Zudem gibt es eine ganz und gar unverdächtige Zeugin dieser Zeit: Elisabeth Noelle-Neumann, die konservative Demoskopin, untermauerte 1968 die Kritik an der Springer-Presse mit einer wissenschaftlichen Studie. Bei der Untersuchung der Artikel vom 3. bis 10. Juni 1967 attestierte Noelle-Neumann 83 Prozent der Springer-Blätter eine "polemisierende Berichterstattung", die sich nur bei sechs Prozent aller Zeitungen aus anderen Verlagen ausmachen ließ. Zudem enthielten 67 Prozent der Kommentare in den Springer-Titeln "Kritik an Demonstranten", die nur in 35 Prozent der anderen Zeitungen zu finden war.
Schon das Original war ein Flop
Ein neues "Springer-Tribunal" als Haupt- und Staatsaktion des Springer-Verlags ist nicht zuletzt deshalb ein merkwürdig überdimensioniertes und überambitioniertes Projekt, weil das historische "Vorbild" ein echter Flop war. Viele prominente Teilnehmer wie Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger und Ernst Bloch hatten kurzfristig abgesagt, nachdem im Anschluss an ein großes Vorbereitungstreffen am 1. Februar in der Technischen Universität die Scheiben mehrerer Springer-Filialen in Berlin eingeworfen worden waren. Unter den Steinewerfern waren übrigens Rudi Dutschke und der weltberühmte Komponist Hans Werner Henze. Zuvor hatte ein kurzer Film des späteren RAF-Terroristen Holger Meins über den Bau von "Molotow-Cocktails" die Stimmung aufgeheizt. Die Organisatoren hatten davon angeblich nichts gewusst.
Kann es ein besseres empirisches Beispiel geben für die These des Schriftstellers Peter Schneider, dass die meisten "Ideen wie Idiotien" der 68er selbstverständlich "auf ihrem eigenen Mist gewachsen" seien?
Heute sagt Schneider, damals" Sekretär" des nur wenige Stunden dauernden Schrumpf-Tribunals: "Ein Springer-Tribunal im Hause Springer - das ist wohl eher ein PR-Gag. Man muss sehen, wie ernst der Vorschlag gemeint ist. Wenn Mathias Döpfner einen Mann wie Jürgen Habermas als Vorsitzenden gewinnen würde, könnte man neugierig auf die Veranstaltung sein."
Die 68er und der Axel-Springer-Verlag - wie es scheint, eine unendliche Geschichte. Gerd Koenen, Chronist der Protestbewegung, hat schon vor Jahren in seinem Buch "Das rote Jahrzehnt" (2001) die Dialektik zwischen 68ern und Springer-Presse als "unauflöslichen double-bind von narzisstischer Selbstinszenierung und medialer Vermittlung" beschrieben. Die "hysterischen Schlagzeilen, Berichte und Karikaturen von 'B.Z.', 'Morgenpost', 'Welt' und 'Bild'" hätten den "jugendlichen Protestlern" jene "umstürzlerische Bedeutung zurückgespiegelt, die sie sich selbst unbedingt zuschreiben wollten". Alt-68er Klaus Hartung ergänzt: "Die 'Bild'-Zeitung insbesondere legte uns auf die Revolution fest, als diese für uns noch ein historischer Begriff war."
Nicht zufällig befand sich zeitweilig das zweitgrößte "Bild"-Archiv in Berlins Kommune 1 von Rainer Langhans, Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Uschi Obermaier. Akribisch hefteten die Kommunarden jeden Artikel ab, der noch die kleinste Straßenaktion zum gefährlichen revolutionären Umtrieb stilisierte. Motto: Viel Feind, viel Ehr'!
Ihnen müsste Mathias Döpfner eigentlich eine Extra-Einladung schicken - als Experten der Sonderklasse. Einziges Risiko: Das Tribunal wird zur aktiven Gruppentherapie umfunktioniert.
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